Leben aus der Schrift

von Matthias Freudenberg, Saarbrücken

Pfr. Prof. Dr. Matthias Freudenberg; Foto: Karlfried Petri (2014)

Aus Anlass des 450. Todestags Johannes Calvins und der vor 80 Jahren beschlossenen Barmer Theologischen Erklärung

Leben aus der Schrift
Von Matthias Freudenberg
(2014).pdf

Online Veröffentlichung des Textes mit freundlicher Genehmigung des LIT-Verlages Münster/Berlin aus dem Band:
Matthias Freudenberg, Reformierter Protestantismus in der Herausforderung. Wege und Wandlungen der reformierten Theologie (Theologie: Forschung und Wissenschaft 36), Münster/Berlin 2012, S. 27–38 (ISBN 978-3-643-11747-2, 360 S., € 39,90).

 
Fast auf den Tag genau fallen zwei evangelische Erinnerungsdaten zusammen, die eine sachliche Verbindung miteinander haben: der 450. Todestag des Genfer Reformators Johannes Calvin am 27. Mai 1564 und die vor 80 Jahren am 31. Mai 1934 beschlossene Barmer Theologische Erklärung. Letztere ist nicht zuletzt aufgrund der maßgeblichen Autorschaft Karl Barths in vielfältiger Hinsicht von der Theologie Calvins inspiriert. Dazu zählt allen voran der durchgehende Bezug auf das Zeugnis der Heiligen Schrift. Von ihr aus hat Calvin seine Theologie und pastorale Praxis gestaltet; ihr sind – schon durch die den Thesen vorangestellten Schriftzitate – die sechs Barmer Thesen vom ersten bis zum letzten Satz verpflichtet.

In der Gemarker Kirche zu Barmen wurde 1934 Kirchengeschichte geschrieben. Keineswegs war es damals die Absicht der Gemarker Pfarrer, Presbyter und Gemeindeglieder als Gastgeber der Bekenntnissynode, in die Lehrbücher der Kirchengeschichte einzugehen, auch wenn die Barmer Zeitung bereits titelte: „Ein kirchengeschichtliches Ereignis“.[1] Es gehörten ausgesprochener Mut und weitblickende Kühnheit dazu, als von den sogenannten Deutschen Christen abgesetzte Pfarrer wie Karl Immer und Paul Humburg Barmen zu einem Ort machten, von dem weitreichende Bekenntnisimpulse über die Zeit des Kirchenkampfes hinaus bis heute ausgingen.[2] Aus vielen Territorien des Reiches waren sie in dieser Kirche zusammengekommen: Theologieprofessoren wie Karl Barth, reformierte, lutherische und unierte Pfarrer, Fabrikanten, Rechtsanwälte wie der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann und auch ein Landwirt aus Lippe.[3] Kirche stand damals in der Entscheidung, hat sich gegen „die Kirche verwüstende[n] und damit auch die Einheit der Deutschen Evangelischen Kirche sprengende[n] Irrtümer der Deutschen Christen“ und zum Bekenntnis von „evangelischen Wahrheiten“ entschieden.[4] „Verbum Dei manet in aeternum“ – „Gottes Wort bleibt in Ewigkeit“[5]: Dieser Satz markiert den Anspruch, den die eine Mutter[6] und die 138 Väter von Barmen 1934 erhoben hatten.

Auch vor bald 500 Jahren stand die Kirche in der Entscheidung. Johannes Calvin bewies ein hohes Maß an evangelischer Entschlossenheit und bewährte seine christliche Freiheit darin, dass er es wagte, inmitten des unvorstellbaren Drucks auf die französischen Protestanten etwa den Gemeinden im Languedoc zuzurufen: „Ich weiß wohl: Auch wenn alles zerstört und verloren ist, hat Gott noch unbegreifliche Wege, seine Kirche wieder aufzurichten, wie wenn er sie von den Toten erweckte.“[7] Sieht man einmal ab von den theologischen Verbindungslinien zwischen Calvin und Barmen, so liegt eine Gemeinsamkeit darin, dass Calvin und die Synodalen von Barmen nicht von ihrer geschichtlichen Existenz abstrahiert haben. Vielmehr erklärten sie an ihrem Ort und zu ihrer Zeit, was theologisch an der Zeit war. Wir begegnen in beiden Ereignissen einer kontextuellen Theologie, der das Ringen um evangelische Wahrheit abzuspüren ist.[8]

Allerdings ist das Merkmal kontextuelle Theologie noch kein hinreichendes Merkmal für gute Theologie. Auf ihre das Fundament des Glaubens zerstörende Weise haben auch die Deutschen Christen ihre Forderungen nach Einführung des Führerprinzips in der Kirche und des Ausschlusses des Alten Testaments aus der Bibel durchaus kontextuell verstanden – mit den fatalen Folgen einer Irrlehre, in die viele Evangelische sich haben hineinziehen lassen. Wer vom Kontext spricht, darf darüber den Text nicht vernachlässigen. Da wir Grund zum Glauben haben, bedarf es der Bestimmung dieses Grundes, der nicht mit dem Glauben identisch ist, sondern außerhalb seiner selbst in Christus liegt und sich durch die gelesene, gehörte und ausgelegte Schrift dem Glauben erschließt. In unverwechselbarer Weise spiegeln einerseits das Wirken Calvins und andererseits die Barmer Bekenntnissynode, dass der christliche Glaube und die versammelte Gemeinde von einem Grundtext her lebt, der – soll Kirche Kirche bleiben – nicht zur Disposition steht und unverhandelbar ist: die Heilige Schrift, die eine Ur-Kunde des Glaubens.

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[1] Sonderdruck der Barmer Zeitung vom 31.5.1934.

[2] Vgl. u.a. Günther v. Norden (Hg.), Kirchenkampf im Rheinland. Die Entstehung der Bekennenden Kirche und die Theologische Erklärung von Barmen 1934, SVRK 76, Köln 1984; Sigrid Lekebusch, Die Reformierten im Kirchenkampf, SVRK 113, Köln 1994, 79ff.; Carsten Nicolaisen, Der Weg nach Barmen. Die Entstehungsgeschichte der Theologischen Erklärung von 1934, Neukirchen-Vluyn 1984.

[3] Unter der Nr. 47 ist Landwirt Güse aus Wüsten / Lippe als Teilnehmer verzeichnet.

[4] Die Barmer Theologische Erklärung. Einführung und Dokumentation, hg. v. Martin Heimbucher / Rudolf Weth, Neukirchen-Vluyn 72009, 36.

[5] Barmer Theologische Erklärung, 43; das lateinische Zitat aus Jes 40,8 und 1 Petr 1,25 bildet den Abschluss der Barmer Theologischen Erklärung.

[6] Es handelt sich um Stephanie von Mackensen aus Stettin (Pommern).

[7] Brief an die Gemeinden im Languedoc vom September 1562, in: CStA 8,182.

[8] Vgl. Christian Link, Johannes Calvin. Humanist, Reformator, Lehrer der Kirche, Zürich 2009, 23f.

Prof. Dr. Matthias Freudenberg, Pfarrer der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, Mai 2014

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