Von der Hoffnung, die uns erfüllt

Tod, Auferstehung und ewiges Leben

Ohne Titel - Fotografie © Andreas Olbrich

Von Ulrich H. J. Körtner

 Hoffnung über den Tod hinaus? - Fragmentarisches Leben - Die Sprache der Hoffnung - Die Auferweckung Jesu als Grund christlicher Hoffnung - Die Ewigkeit der göttlichen Liebe


Der vollständige Vortrag als WORD-Datei zum Download am Ende dieser Seite.

1. Hoffnung über den Tod hinaus?

Hoffnung, und zwar über den Tod hinaus, ist nicht nur ein Grundelement aller Religionen, sondern in spezifischer Weise der Grundzug des überlieferten Christentums. Der erste Petrusbrief preist Gott um der Auferweckung Jesu von den Toten willen, durch welchen die Christen zu einer lebendigen Hoffnung wiedergeboren seien, deren Ziel das ewige Heil sei, „der Seelen Seligkeit“, wie Luther übersetzt hat (1).  Im Umkehrschluß hat der Apostel Paulus erklärt, gäbe es keine allgemeine Auferstehung der Toten, so könne auch Jesus von Nazareth unmöglich von den Toten auferweckt worden sein. Dann aber falle der christliche Glaube wie ein Kartenhaus in sich zusammen (2).
 
Während Paulus mit diesem Argument die ersten Christen im Glauben an die allgemeine Totenauferstehung bestärken wollte, kehren der neuzeitliche Rationalismus und die Religionskritik der Moderne das paulinische Argument gegen das Christentum insgesamt. Dem neuzeitlichen Bewußtsein hat sich nicht nur die massiv physische Vorstellung einer Auferstehung der Toten, sondern schließlich überhaupt jede Jenseitsvorstellung verflüchtigt. Und mit der sinnlichen Vorstellung einer allgemeinen Totenauferstehung, eines jüngsten Gerichts und eines ewigen Lebens ist auch der Glaube an die leibliche Auferstehung Jesu ins Wanken geraten. Der vor einigen Jahren neu aufgeflammte Streit um die Historizität der Auferstehung Jesu, welcher doch schon in den Anfängen der Aufklärungszeit geführt worden ist, verdeutlicht noch einmal den von Paulus aufgezeigten Zirkelschluß, der nun aber gegenläufig gelesen wird.

Verfolgt man in kurzen Zügen die Geschichte des neuzeitlichen Christentums, so fiel zunächst die traditionelle bzw. orthodoxe Lehre von den sogenannten letzten Dingen, auch Eschatologie genannt, welche das Ende der Welt als endzeitliches Gerichts- und Heilsdrama zu schildern wußte. Der christliche Auferstehungsglaube wurde jedoch nicht überhaupt verworfen, sondern im Sinn eines Unsterblichkeitsglaubens umgedeutet, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts im allgemeinen Bewußtsein fest verankert war. Im weiteren Verlauf der neuzeitlichen Geistes- und Kulturgeschichte machte die kritische Vernunft freilich auch vor dem Unsterblichkeitsglauben nicht halt.
 
Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ist auch innerhalb der Volkskirche die Erosion des christlichen Auferstehungsglaubens zu beobachten. Selbst die kirchliche Verkündigung und die wissenschaftliche Theologie wagen es nur noch ganz verhalten, von einer individuellen Hoffnung über den Tod hinaus zu sprechen (3).  Die traditionelle Vorstellungswelt eines ewigen Lebens erscheint als gar zu naiv, weshalb auch über die Dogmatik die „Nacht der Bildlosigkeit“ (Emanuel Hirsch) hereingebrochen ist (4).  In der Vergangenheit waren theologische Aussagen über ein ewiges Leben anschlußfähig für eine Metaphysik, welche eine postmortale Existenz zu denken erlaubte. Der Verlust solcher Anschlußmöglichkeiten unterscheidet die heutige Situation der Theologie grundlegend z.B. von derjenigen der Reformatoren, zu deren Zeit die Annahme einer unsterblichen Seele philosophisch nicht zweifelhaft war.
 
Die neuzeitliche Bemächtigung des Diesseits hat im Verlauf der bisherigen Moderne zum Verlust des Jenseits geführt. Die Hinwendung zum Diesseits, wie sie z.B. mit theologischer Begründung auch ein Theologe wie Dietrich Bonhoeffer gefordert hat, mündet – anders als bei Bonhoeffer – in die reine, um nicht zu sagen platte Diesseitigkeit. Mit der Abkehr von einem geschichtstranszendenten Heil ist jedoch keineswegs die Abkehr von jeglicher Heilsgeschichte verbunden. Vielmehr ist ein außerordentliches Heilspathos die Kehrseite neuzeitlicher Jenseitskritik. Allerdings ist die Verantwortung für das Heil in der Moderne auf höchst fragwürdige Weise von Gott auf den Menschen übergegangen. Dieser sieht sich in die Rolle des Schicksals nicht nur seiner selbst, sondern der Erde und letztlich sogar ihres Schöpfers gedrängt.

Die Haltung reiner Diesseitigkeit wirkt sich im 20. Jahrhundert auch auf den gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod aus. Nicht nur das Jenseits, sondern auch das Böse als metaphysische Macht hat in der Moderne abgedankt. Wie Krankheit, Leiden und das Böse gehört nun auch der Tod nicht länger zum metaphysischen malum, sondern, wie Philippe Ariès schreibt, zu den „Fehlleistungen der Gesellschaft, die sich durch ein wirksames System der Überwachung (und Bestrafung) schon eliminieren lassen würden“ (5). Die Einstellung der modernen Gesellschaft zum Tod des Individuums läßt zwei gegenläufige Tendenzen erkennen. „Die erste ist ein massives Eingeständnis der Ohnmacht.“ (6) Über den Tod breitet sich ein dumpfes Schweigen, ohne daß der Tod selbst oder die Todesangst dadurch zum Verschwinden gebracht würden. Die gegenteilige Tendenz besteht in dem Versuch, das Schweigen zu brechen, den Tod aus seiner Kasernierung zu befreien und, wie man so sagt, zu „humanisieren“. Man möchte den Tod als notwendigen Bestandteil in das Leben integrieren, ohne ihn wie in früheren Zeiten mit dem Bösen in Verbindung zu bringen, z.B. indem man ihn wie die christliche Tradition als Lohn der Sünde bewertet (7).  Die moderne Leitvorstellung, welche bis in die Medizin hinein wirkt, ist diejenige vom „diskreten aber würdigen Ende eines befriedigten Lebens“, vom „Abschied von einer hilfreichen Gesellschaft, die nicht mehr zerrissen noch allzu tief erschüttert wird von der Vorstellung eines biologischen Übergangs ohne Bedeutung, ohne Schmerz noch Leid und schließlich auch ohne Angst.“ (8)

Diese moderne Einstellung zum Tode begegnet uns in der Idee des natürlichen Todes, die einen doppelten Inhalt hat. Sie erhebt den Anspruch, sowohl ein aufgeklärtes, rationales Todeswissen als auch eine gesellschaftliche Utopie zu sein (9).  Der Deutung des Todes als biologisch natürliches Lebensende korrespondiert die Zielvorstellung einer egalitären Gesellschaft, in welcher der Tod zur Unzeit durch physische oder strukturelle Gewalt, gesundheitsschädliche Produktionsverhältnisse und vermeidbare Krankheiten ausgeschlossen ist, so daß der Tod als natürliches Ende eines ausgeschöpften und sinnerfüllten Lebens akzeptiert werden kann. Es handelt sich mit anderen Worten um den utopischen Versuch, „den Tod mit dem Glück zu versöhnen.“ (10)

Dementsprechend sind die medizinischen Bemühungen, das Leben zu verlängern, fortschreitend intensiviert worden. Die Möglichkeiten der Lebensrettung und Lebensverlängerung haben sowohl am Lebensanfang wie am Ende des Lebens dank der Technisierung der Medizin enorm zugenommen. Die allgemeine Lebensdauer ist mit der Verbesserung der allgemeinen Lebensverhältnisse stetig gestiegen. Intensivmedizin, pränatale Diagnostik und Therapie sowie die Transplantationschirurgie schieben das Lebensende immer weiter hinaus.

Doch der Versuch, den Tod mit dem Glück zu versöhnen und das Leben als letzte Gelegenheit in vollen Zügen auszukosten, stößt zunehmend auf Skepsis. Immer deutlicher werden die destruktiven Tendenzen einer reinen Diesseitigkeit. Eine zu beobachtende neue Religiosität, die auch über den Tod hinaus fragt, dabei freilich eher durch die fernöstliche Vorstellung der Reinkarnation fasziniert ist, speist sich ganz offenkundig aus dem Unbehagen gegenüber einem geistlosen erkenntnistheoretischen und ökonomischen Materialismus, der das Leben mit maschinenartigen Regelkreisen verwechselt und dessen Ideologie seine Anhänger wie seine Opfer um das Leben betrügt. In diesem Zusammenhang fällt auf, daß z.B. in Westdeutschland die Zahl derer, die an ein Leben nach dem Tod glauben, in den letzten Jahrzehnten wieder gestiegen, ist, während die Kirchenbindung und die Überzeugungskraft der kirchlichen Lehre von Auferstehung, Jüngstem Gericht und ewigem Leben im selben Zeitraum weiter deutlich abgenommen haben (11).
  
Allmählich tritt ins Bewußtsein, daß auch der sogenannte natürliche Tod in Wahrheit ein höchst künstlicher ist, nämlich „die Frucht der kunstvollen Selbstmanipulation des Menschen und seiner Lebensumstände“ (12). Zunehmend wird heute gefragt, ob Lebensverlängerung um jeden Preis ein Selbstzweck ist oder ob sich die verbleibende Lebensqualität nicht umgekehrt proportional zur medizinisch verlängerten Lebensdauer verhält. So stoßen medizinische Innovationen zunehmend auf Skepsis in der Bevölkerung, während gleichzeitig in der Öffentlichkeit über die Legalisierung freiwilliger Euthanasie diskutiert und die Autonomie des Patienten nicht nur in Fragen der Therapiewahl, sondern auch hinsichtlich der Entscheidung über den Zeitpunkt und die Art seines Lebensendes gefordert wird.

Vor diesem Hintergrund ist heute neu nach der Bedeutung der christlichen Auferstehungshoffnung zu fragen. Religionskritik mag in ihr nur ein Wunschdenken erkennen, welches der Härte des Todes ausweicht. Doch ist umgekehrt zu fragen, ob nicht gerade die Hoffnung auf Auferstehung eine realistischere Einstellung zum Tod als die moderne Idee des natürlichen Todes impliziert, weil sie den Versuch, den Tod mit dem Glück zu versöhnen, als Illusion durchschaut und das Leben in seiner prinzipiellen Gebrochenheit und Fragmenthaftigkeit thematisiert.

Dr. Ulrich H. J. Körtner, Professor für Systematische Theologie in Wien

Vortrag beim Nachbarschaftstreffen reformierter Gemeinden in Bielefeld am 28. Oktober 2007. Das Referat basiert auf dem Kapitel „‚Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben’. Christliche Hoffnung im Angesicht des Todes“ aus: U. Körtner, Wie lange noch, wie lange? Über das Böse, Leid und Tod, Neukirchen-Vluyn 1998, S. 95-119, das für den Vortrag an einigen Stellen, besonders um den ursprünglichen Schluss gekürzt, überarbeitet und in Abschnitt 5 geringfügig erweitert wurde.

(1) I Petr 3,3.9.
(2) I Kor 15,13-19.
(3) Vgl. auch die Lagebeschreibung in „Unsere Hoffnung auf das ewige Leben. Ein Votum des Theologischen Ausschusses der Union Evangelischer Kirchen in der EKD“, Neukirchen-Vluyn 2006, S. 24ff.
(4) Vgl. auch T. Koch, „Auferstehung der Toten“. Überlegungen zur Gewißheit des Glaubens angesichts des Todes, ZThK 89, 1992, S. 462-483, hier S. 478.
(5) Ph. Ariès, Geschichte des Todes, München 1980, S. 788.
(6) Ebd.
(7) Vgl. Röm 6,23.
(8) Ph. Ariès, a.a.O. (Anm. 6), S. 789.
(9) Vgl. z.B. W. Fuchs, Todesbilder in der modernen Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1969.
(10) Ph. Ariès, a.a.O. (Anm. 6), S. 789.
(11) Vgl. Unsere Hoffnung auf das ewige Leben (s. Anm. 4), S. 18.
(12) J. Schwartländer, Der Tod und die Würde des Menschen, in: ders. (Hg.), Der Mensch und sein Tod, Göttingen 1976, S. 11.