Flüchtlinge verändern festgefügte Bilder von Gott

Predigt zu Micha 6,1-8

Pfr. Dr. Achim Detmers, Generalsekretär des Reformierten Bundes in Rinteln, 1. November 2015 beim Reformeirten Nachbarschaftstreffen

von Achim Detmers

Predigt Micha 6.pdf

»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.

I.
Liebe Gemeinde,
Flüchtlinge verändern festgefügte Bilder von Gott. Sie haben ein Gespür dafür, ob die Rede von Gott zynisch geworden ist oder ob sie befreit für ein Überleben in der Wüste, für ein Leben in der Fremde.
Das Volk Israel hat in Babylon diese Erfahrung gemacht: in der Fremde zu sein und einem Gott wieder auf die Spur kommen zu müssen, der ihnen fremd geworden ist. Denn das Wort ›Gott‹ geht nicht mehr so leicht über die Lippen, wenn man auf der Flucht alles zurücklassen musste – das Haus, das Land, das Vieh. Und nicht selten blieben bei Flucht und Verschleppung Menschen auf der Strecke zurück – Nachbarn, Verwandte und eigene Kinder.
In der Fremde angekommen warteten dann eine fremde Sprache, fremde Gesetze, Armut und Ausgrenzung. Synagogen und Priester waren Mangelware. Traumatisierungen fanden lange keinen Ort zur Bearbeitung.
Viele Israeliten lebten in der Fremde hauptsächlich von der Hoffnung, eines Tages in das Heimat-land zurückzukehren. Doch je länger das Exil dauerte, umso brüchiger wurden die Predigten, in de-nen eine baldige Rückkehr verheißen wurde. Fühlte sich dieser Gott, der das Volk aus Ägypten ge-führt hatte, in der Fremde überhaupt noch zuständig für eine versprengte Religion, deren zentraler Kultort in Jerusalem zerstört war? Und warum hatte er das Exil überhaupt zugelassen?
Solche Fragen, solche Fremdheitserfahrungen verändern eine Religion, sie korrigieren Heilsvorstellungen und Gottesbilder. Manchmal verändern sie den Glauben fundamental, vertiefen oder zerstören ihn.

II.
Das Volk Israel hat aber nicht nur Erfahrungen des Exils gemacht, sondern auch die Erfahrung, aus der Fremde zurückzukehren. Zurückzukehren in das Land, dass die Eltern und Großeltern verlassen hatten aufgrund von Krieg, Verschleppung oder Vertreibung. Nach Jahrzehnten zurückzukommen, ist noch einmal eine besondere Herausforderung, für die man ebenso gerüstet sein sollte wie für das Exil.
Von dieser Erfahrung des Zurückkehrens erzählt unser heutiger Predigttext. Ich lese aus dem Buch des Propheten Micha, Kapitel 6, zunächst den ersten Abschnitt unseres Predigttextes:

1 Hört doch, was der HERR spricht: Auf, führe einen Rechtsstreit mit den Bergen, dass die Hügel deine Stimme hören! 2 Hört, ihr Berge, den Rechtsstreit des HERRN, und ihr Uralten, ihr Grund-festen der Erde! Denn einen Rechtsstreit hat der HERR mit seinem Volk. Mit Israel rechtet er.
3 Mein Volk, was habe ich dir getan und womit habe ich dich ermüdet? Sag’ es mir! 4 Habe ich dich doch aus dem Land Ägypten heraufgeführt und dich aus der Sklaverei erlöst. Und ich habe vor dir hergeschickt Mose, Aaron und Mirjam.
5 Mein Volk, erinnere dich doch daran, was Balak, der König von Moab, plante und was ihm Bileam, der Sohn Beors, antwortete. Erinnere dich daran, was auf dem Streckenabschnitt zwischen Schittim und Gilgal geschehen ist, damit Du erkennst, wie sich der HERR als gerecht erweist.

III.
Liebe Gemeinde,
Sie merken, der Prophet Micha holt hier ganz weit aus. Die Berge und die Grundfesten der Erde werden heraufbeschworen als Zeugen beim Rechtsstreit Gottes mit seinem Volk Israel. Es handelt sich also um keine belanglose Frage, die sich bei der Rückkehr ins Land stellt. Denn, so wird in dem Buch des Propheten deutlich: Das Land hat sich in den Jahrzehnten des Exils verändert. Durch Vertreibung, Besatzung und Gewalt haben sich die Verhältnisse im Land zum Negativen entwi-ckelt. Der Prophet Micha klagt folgende Missstände an:
Der Familienzusammenhalt im Land sei zerstört (7,6). Das Recht sei durch Betrug und Korruption außer Kraft gesetzt (3,9; 6,11.12; 7,2f). Großgrundbesitzer würden kleine Bauern enteignen und ihnen damit die Lebensgrundlage nehmen (2,2). Alleinstehende Frauen würden aus ihren Häusern vertrieben, deren Kinder versklavt (2,9). Eine gewaltbereite Gesellschaft sei entstanden; der Schutz des Einzelnen gelte nichts mehr (3,2; 7,2). Die Priester würden das Volk in falscher Sicherheit wiegen(3,11); sie redeten den Mächtigen nach dem Mund und betätigten sich als Kriegstreiber (3,5).
Eine derart zerrüttete Gesellschaft war für den Propheten keine Grundlage für einen Neuanfang im Land und für einen Neuanfang mit Gott.
Deshalb der Rechtsstreit Gottes mit seinem Volk Israel. Und deshalb die Beschwörung der Berge und der Grundfesten der Erde.

IV.
Die Verfehlungen im Volk waren offensichtlich. Bemerkenswert ist nun aber, dass Gott die Ursa-che dafür auch bei sich selbst sucht. Er fragt: »Mein Volk, was habe ich dir getan und womit habe ich dich ermüdet?« (V.3)
Der Rechtsstreit beginnt also damit, dass Gott bei den mehrfach Traumatisierten, bei den vertriebe-nen und zurückgekehrten Israeliten eine Ermüdung feststellt. Und er fragt sich, wie es dazu kom-men konnte. Natürlich war es mühsam: der Auszug aus Ägypten, die 40 Jahre in der Wüste und die Eroberung des Gelobten Landes. Aber Gott hatte sein Volk nie mit der Herausforderung alleine ge-lassen: Beim Auszug hatte er Mose, Aaron und Mirjam mit auf den Weg gegeben, also die Gaben der Gebote, des Tempeldienstes und der Prophetie. Fluch hatte er in Segen verwandelt und das Volk mit der Bundeslade voran trockenen Fußes über den Jordan geführt in das Gelobte Land. Die-se Erinnerung seiner Gnadenerweise stellt Gott der Erinnerung der Traumatisierten entgegen. Es war nicht leicht, Gottes Volk zu sein. Aber Israel hatte dafür auch etwas bekommen: die Zusage nämlich, dass Gott immer mit seinem Volk sein würde. Eigentlich sollte diese Verheißung verhin-dern, dass sich die Israeliten ermüdet und überfordert fühlen.

V.
Doch der Prophet Micha zitiert eine Stimme aus dem Volk, die deutlich macht, wie aussichtslos der Neuanfang im Land und der Neuanfang mit Gott eingeschätzt werden:
Ich lese den zweiten Teil unseres Predigttextes aus dem Prophetenbuch:

6 Womit soll ich vor den HERRN treten, mich niederwerfen vor dem Gott der Höhe? Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern? 7 Hat der HERR Gefallen an Tausenden von Widdern, an unzähligen Bächen von Öl? Soll ich mein erstgeborenes Kind hergeben für meine Übertretung, die Frucht meines Leibes für mein verfehltes Leben?
8 Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR bei dir sucht: Nichts anderes als Recht tun, Güte üben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott.

Liebe Gemeinde,
die Stimme aus dem Volk lässt an Deutlichkeit nichts vermissen:
Die Situation im Land ist verfahren. Die Verstöße gegen Gottes Weisungen, gegen seine Gebote sind offensichtlich. Das gesellschaftliche Miteinander, das religiöse Leben ist aus den Fugen gera-ten. Man kann sich gar nicht tief genug niederwerfen vor dem ›Gott in der Höhe‹, der himmelweit weg ist von den geringen Möglichkeiten der Menschen. Um das Sündenregister Israels abzugelten, müsste jeder einzelne eine aberwitzige Anstrengung unternehmen: sündhaft teure Tiere opfern, tau-sende Widder zusammentreiben und alles Öl der Welt auffahren, um Gott zu gefallen. Und, wenn das alles nichts nützt, auch noch das erstgeborene Kind weggeben, um auf diese Weise Sühne zu tun für ein verfehltes Leben.
Viele der Israeliten hatten auf dem Weg ins Exil alles verloren und für den Rückweg vielleicht auch noch das letzte Ersparte hergegeben. Sie hatten nichts wirklich Angemessenes, das sie ihrem Gott entgegenbringen mochten.

VI.
In dieser verfahrenen Situation gibt es nun durch den Propheten Micha ein Gotteswort, das den Rechtsstreit zwischen Gott und Israel in eine neue Richtung lenkt und die Distanz zwischen Gott und Israel neu justiert:
»8 Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR bei dir sucht: Nichts anderes als Recht tun, Güte üben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott.«
Dieses Gotteswort ist bemerkenswert. Es versucht in aller Kürze zusammenzufassen, was Gott bei den Menschen sucht.
Wenn wir das einmal Wort für Wort durchgehen, erhalten wir einen Leitfaden, um Situationen unseres Lebens zu meditieren.

Als erstes: Es ist mir gesagt, was gut ist.
»Gut« meint hier keine abstrakte Norm, sondern das, was gut für uns ist, was dem einzelnen Men-schen und den menschlichen Beziehungen zugute kommt. Natürlich kann man darüber streiten, ob das »Gutgemeinte« wirklich immer zum Guten führt. Aber das ist hier nicht so wichtig. Hier ist gemeint, eine Anschauung davon zu haben, was in einer bestimmten Situation gut wäre zu tun.
Die Flüchtlinge in unserem Land werden uns in den nächsten Jahren häufig genug herausfordern, etwas anderes zu tun als das, was wir immer geneigt sind zu tun: Verallgemeinern, Weggucken, an die eigene Bequemlichkeit denken. Da ist es ›gut‹, den Einzelnen zu sehen, hinzugucken, und das wird der eigenen Bequemlichkeit schwer zusetzen.

Als zweites: Gott sucht etwas bei mir.
Suchen ist etwas anderes als Fordern. Es geht auch nicht darum, das ich bei mir selbst etwas suche. Sondern, dass ich einem anderen bei der Suche interessiert zusehe, wie er Dinge entdeckt, die mir gar nicht bewusst waren, dass es sie bei mir gibt. Man könnte das vergleichen mit einem Metallde-tektor am Flughafen. Während der Sicherheitsbeamte meinen Körper absucht, werden Metallteile entdeckt, die mir als solche gar nicht mehr vor Augen waren: Uhren, Gürtelschnallen, Ringe, Ösen.
Indem Gott bei mir etwas sucht, etwas, das bei mir vorhanden ist, etwas, das bereits gesagt ist, nimmt mich Gott mit in diese Suchbewegung hinein.

Und was er sucht, ist nun dreierlei. Zuerst Recht zu tun.
Auch hier geht es nicht um ein abstraktes Prinzip, sondern um das, was der Prophet konkret um-schreibt:
»Hört doch, ihr Häupter im Hause Jakob und ihr Herren im Hause Israel! Ihr solltet die sein, die das Recht kennen. Aber ihr hasst das Gute und liebt das Arge; ihr schindet ihnen die Haut ab und das Fleisch von ihren Knochen und fresst das Fleisch meines Volks. Und wenn ihr ihnen die Haut abgezogen habt, zerbrecht ihr ihnen auch die Knochen; ihr zerlegt es wie in einen Topf und wie Fleisch in einen Kessel.« (3,1-3)
Gemeint ist hier also nicht nur die Einhaltung der Gesetze, sondern ein aktives Eintreten für die Schwachen und Benachteiligten. Wir sehen, wie das Recht, etwa das Asylrecht, beschnitten wird, und wie das Recht des Stärkeren immer wieder zum Zuge kommt.
Hier nicht mitzutun, das sucht Gott bei uns. Denn er hat sich auf die Seite der Schwachen gestellt.

Und weiter sucht Gott bei uns: Güte zu üben.
Das hebräische Wort ›chäsäd‹, das hier mit ›Güte‹ übersetzt wird, kann vieles bedeuten: Freund-lichkeit, Güte, Liebe, Barmherzigkeit, Zuneigung, aber auch Verbundenheit, Treue und Solidarität. Mit der ›Güte‹ sucht Gott etwas bei uns, das über das Recht im engeren Sinne hinausgeht. Die Güte ist in Situationen gefragt, wo der Appell an das Recht an seine Grenze stößt. Die Güte gehört zum Recht dazu, denn ohne die Güte erkaltet das Recht. Güte setzt das Recht nicht außer Kraft, aber sie überschreitet seine Grenzen.
In der Flüchtlingsfrage ist in dem mutigen Wort der Kanzlerin und bei den Zehntausenden, die vor Ort helfen, diese Güte sichtbar geworden. Mit gesetzlichen Bestimmungen, mit Formularen werden die Flüchtlinge noch früh genug eine Seite des Rechts kennenlernen. Aber dass sie an ihrem Zu-fluchtsort Güte und Solidarität erfahren haben – von Fremden, von Politikern, von Polizisten – das wird sie im Herzen bewegen und sie vielleicht ein klein wenig hinwegtrösten über das, was sie alles verloren haben. 

Und als letztes sucht Gott bei uns, aufmerksam mit meinem Gott mitzugehen.
Was damit gemeint sein könnte, ist nicht so leicht zu erfassen, weil es für uns ungewohnt ist, Gott so zu denken. Gott begleitet mich auf meinem Weg, so kennen wir das. Aber dass wir diesen Weg aufmerksam mitgehen sollen, ist eine ungewohnte Blickrichtung. Glauben ist also kein Standpunkt, sondern eine Bewegung, eine Gottesbewegung. Eine Bewegung, die eine andere Geschwindigkeit hat als das hektische Suchen unserer modernen Gesellschaft. Mit meinem Gott mitzugehen, heißt: sich Zeit nehmen, sich besinnen, aufmerksam sein, auf die leisen Stimmen zu hören und auf meine eigene innere Stimme. Sich erinnern an Gottes tröstendes Handeln in meinem Leben, offen sein für seine Gegenwart. Mit Gott im Gespräch bleiben – betend, singend, schweigend, hörend.
Das ist es, was Gott in seinem Rechtsstreit mit Israel vorbringt:
»8 Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR bei dir sucht: Nichts anderes als Recht tun, Güte üben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott.«

VII.
Liebe Gemeinde,
eigentlich wäre die Predigt damit zuende. Aber das Thema, das uns beim Nachbarschaftstreffen heute zusammenführt – der Umgang mit Bildern – ist bisher noch nicht ausreichend zur Sprache gekommen.
Ich hatte die Predigt begonnen mit dem Satz »Flüchtlinge verändern festgefügte Bilder von Gott.« Und wir haben gehört, wie der Prophet Micha den gescheiterten Heilsvorstellungen und dem uner-reichbaren ›Gott in der Höhe‹, ein anderes Gottesbild entgegenstellt: ein Gott, der sein Volk nie mit der Herausforderung alleine lässt. Ein Gott, der sein Volk in seine Suchbewegung hineinnimmt und sie mitgehen lässt in eine neue Zukunft. Eine Zukunft, von der der Prophet überzeugt ist, dass sie in Bethlehem beginnen wird.
Das Gottesbild, das der Prophet Micha hier für traumatisierte Flüchtlinge und enttäuschte Heimkeh-rer herausarbeitet, steht in der Gefahr, dass es immer wieder übermalt wird. Ich meine nicht mit Bildern aus Leinwand und Öl, die wir in unsere Kirchen hängen. Sondern ich meine die Sprachbil-der, mit denen wir von Gott reden. Gemalte Bilder sind wirkungsmächtig, das wissen wir. Aber Sprachbilder bereiten solche Bildwerke vor. Ich sage das im Blick darauf, dass unser Predigtext in der gängigen Bibelübersetzung unserer Evangelischen Kirche ein anderes Gottesbild vorgibt. Da ist nicht von der Suchbewegung Gottes die Rede, sondern von seiner Forderung an uns Menschen. Da geht es nicht darum, Recht zu tun, sondern abstrakt Gottes Wort zu halten. Und das aufmerksame Mitgehen mit Gott wird zur Aufforderung, vor Gott demütig zu sein. Solche Sprachbilder, die vor 500 Jahren die Frömmigkeit der Menschen geprägt haben, gehört zum Erbe der Reformation. Es gehört aber auch zum Erbe der Reformation, die biblischen Sprachen zu kennen und die festgefüg-ten Bilder vom Wort Gottes her aufzulösen, um sich mit diesem Weg auf den Weg zu machen nach Bethlehem und in unsere Gegenwart hinein.

»Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.« (Phil 4,7) Amen.


Predigt, gehalten am 1. November 2015 in Rinteln auf dem Reformierten Nachbarschaftstreffen

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