Vom Tode Jesu Christi

… gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, abgestiegen zu der Hölle …

Ohne Titel - ©Andreas Olbrich

Johannes Calvin im „Unterricht in der christlichen Religion“ (Institutio) zu Leid, Tod und Höllenfahrt Jesu Christi – in Auslegung der Worte des Apostolischen Glaubensbekenntnisses

Warum ist von Gottes Zorn die Rede, wenn ihm sein Erbarmen vorangeht?

Bevor Johannes Calvin in seiner Institutio II,16,1-12 erklärt, was Leid, Tod und Höllenfahrt Jesu Christi für uns bedeuten, setzt er sich mit dem „Schein eines Widerspruchs“ auseinander: „… bevor wir weitergehen, müssen wir im Vorbeigehen der Frage nachsinnen, wie es sich denn miteinander vereinbaren läßt, daß Gott, der uns mit seinem Erbarmen zuvorgekommen ist, uns doch feind ist, bis er in Christus mit uns versöhnt ist!“
Calvin findet eine pädagogisch anmutende Erklärung: „Kurz, wir sind ja von Natur gar nicht so beschaffen, daß wir nach dem Leben aus Gottes Barmherzigkeit recht verlangen und dafür genugsam danken können, wenn uns nicht zuvor der Schrecken vor dem Zorn Gottes und das Entsetzen vor dem ewigen Tode durch die Seele dringt und uns zu Boden wirft; und deshalb unterweist uns die göttliche Lehre derart, daß wir Gott also uns feindlich erblicken, seine Hand ausgereckt sehen, um uns zu verderben – aber doch nur, damit wir seine Freundlichkeit und seine Vaterliebe allein in Christus ergreifen!“ (Institutio II,16,2).

Die Liebe Gottes, des Vaters geht dem Werk der Versöhnung voraus

Die Liebe des Vaters gehe der Versöhnung voraus, betont Calvin unter Hinweis auf 1. Johannes 4, 19: „Er hat ‚uns zuerst geliebt’“. Calvin erklärt weiter, wie die Versöhnung zwischen Gott und Mensch stattfand: „Fragt man nun, auf welche Weise Christus die Sünde getilgt, dem Streit zwischen uns und Gott ein Ende gemacht und uns die Gerechtigkeit erworben hat, die uns Gott wieder geneigt und gnädig macht, so ist darauf allgemein zu antworten: er hat das durch den Gehorsam während seines ganzen Lebens für uns vollbracht. (…) Kurz, seit dem Tage, da er ‚Knechtsgestalt annahm’, hat er auch begonnen, das Lösegeld für unsere Befreiung darzubringen!“
Das Glaubensbekenntnis kommt von der Geburt gleich zu Leiden und Tod Jesu, ohne seinen Lebensweg zu beachten. Calvin verweist jedoch auf den Gehorsam Christi in seinem ganzen Leben bis zum Tod, wie Paulus es zusammengefasst habe: ‚Er erniedrigte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an … und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.’ (Philipper 2, 7.8). Die „Hauptsache“ sei dabei, daß „es ein freiwilliger Gehorsam war; denn nur ein freiwillig dargebrachtes Opfer konnte zur Gerechtigkeit führen!“ (Institutio II,16,5).

Gelitten unter Pontius Pilatus

Die Verurteilung Jesu vor dem Richterstuhl des Pontius Pilatus sieht Calvin in Analogie zu der uns Menschen bevorstehenden Verurteilung vor dem „himmlischen Richterstuhl“. Christus, vor einem Richter angeklagt und beschuldigt, wird zum Tode verurteilt. Somit tritt er „an die Stelle des Sünders, nicht an die des Gerechten und Unschuldigen; denn er erduldete den Tod nicht um der Unschuld willen, sondern um der Sünde willen!“
Christus „hat also ‚gelitten unter Pontius Pilatus’, und er ist dabei durch feierlichen Richterspruch den Übeltätern zugesellt worden; und doch geschieht das in der Weise, daß der gleiche Pontius Pilatus ihn auch gerecht sprechen muß, wie er ja selbst bezeugt: ‚Ich finde keine Schuld an ihm’ (Joh. 18, 38). Das also ist unsere Lossprechung: auf das Haupt des Sohnes Gottes wird die Schuld gelegt, die doch uns der Strafe auslieferte! An dieses Eintreten Christi für uns sollen wir immer denken, damit wir nicht unser Leben lang zittern und in Angst sitzen – als ob Gottes gerechte Vergeltung, die doch der Sohn Gottes auf sich selbst genommen hat, uns noch immer drohte!“ (Institutio II,16,5).

Gekreuzigt

„Auch in der Art des Todes, den Christus erlitten hat, liegt ein besonderes Geheimnis. Das Kreuz war verflucht – nicht nur nach menschlicher Ansicht, sondern durch eine Bestimmung des Gesetzes Gottes. Wurde also Christus ans Kreuz geschlagen, so zog er sich damit den Fluch zu. Aber es mußte so geschehen, damit wir von allem Fluch, der uns um unserer Sünden willen drohte, ja der wirklich auf uns lag, frei würden, indem er auf ihn überging.“ (Institutio II,16,6).
Calvin legt die innere Logik des Sühnopfers dar: Christus wurde ganz von unserer menschlichen Sünde bedeckt und „in seinem Tode dem Vater als genugtuendes Opfer dargebracht“.

Christi Blut als Sühnopfer und Reinigung

„Wir könnten gar nicht die Gewissheit haben, daß Christus unsere Erlösung (apolytrosis), unser Lösegeld (antilytron) und unser ‚Gnadenstuhl’ (hilasterion) ist, wenn er nicht unser Opfer wäre! Deshalb spricht die Schrift immer vom Blut, wo sie davon redet, wie unsere Erlösung zustande kam. Freilich ist Christi Blut nicht allein als Sühnopfer geflossen, es war auch gewissermaßen ein Bad, in dem wir Reinigung von unserer Befleckung gefunden haben.“ (Institutio II,16,6).

Gestorben und begraben

Zwei Wirkungen des Todes Christi beschreibt Calvin: Christus habe sich dem Tod „unterworfen“, um ihn selbst zu „verschlingen“, ist selbst gestorben, um durch seinen Tod „den zunichte zu machen, der des Todes Gewalt hat“, „den Teufel“. Dies sei die „erste Frucht“ (vgl. Hebräer 2, 12), die Christi Tod uns gebracht habe.
Die „zweite Wirkung“ sei die, daß Christus uns in die „Gemeinschaft seines Sterbens hineinzieht“. Unsere irdischen Glieder werden getötet, daß sie kein böses Werk mehr tun können, unsere Sünde wird begraben, der alte Mensch „zunichte“ gemacht.
Fazit: „So empfangen wir also einen doppelten Segen von dem Tode und dem Begrabensein Christi: Die Befreiung vom Tode, dessen Leibeigene wir waren – und die Abtötung unseres Fleisches!“ (Institutio II,16,7).

Abgestiegen zur Hölle

Calvin unterscheidet die ‚Höllenfahrt Christi’ von seinem Begräbnis. Mit dem Abstieg Christi zur Hölle „erfahren wir ganz richtig von dem unsichtbaren, unbegreiflichen Gericht, das Christus vor Gott ausgehalten hat. Wir sollen daraus erkennen: er hat nicht nur seinen Leib zum Lösegeld dahingegeben, sondern noch ein größeres, köstlicheres Opfer für uns dargebracht, indem er in seiner Seele die furchtbaren Qualen eines verdammten und verlorenen Menschen ausstand!“ (Institutio II,16,10).

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22)

Unter Verweis auf Petrus (Apostelgeschichte 2, 24) betont Calvin, daß „der Sohn Gottes Schmerzen gelitten hat“. Den Abgrund der Angst hat er selbst erfahren: „Es gibt ganz sicher keinen entsetzlicheren Abgrund der Not, als wenn man sich von Gott verlassen, von ihm entfremdet wissen muß: man ruft ihn an, und man wird nicht erhört – als ob er selbst sich zu unserem Verderben verschworen hätte! Christus aber ist wirklich so verstoßen gewesen, daß er aus drängender Not heraus ausrufen musste: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?’ (Ps. 22, 2; Matth. 27, 46)“.
„So musste also Christus diese Furcht niederkämpfen, die von Natur alle Sterblichen immerfort in Angst und Bedrängnis hält – und das konnte nur in hartem Streit geschehen! Deshalb kann die Betrübnis, wie sie dem Herrn widerfuhr, nicht gewöhnlicher Art gewesen oder aus geringer Ursache entstanden sein. Das wird bald noch deutlicher werden. So hat er mit der Gestalt des Teufels, mit dem Schrecken des Todes, mit den Schmerzen der Hölle gestritten, Mann gegen Mann sozusagen – und da hat er den Sieg erfochten über sie und mit Macht triumphiert, so daß wir im Tode nicht mehr vor dem Angst zu haben brauchen, was unser Herzog bereits niedergekämpft hat!“ (Institutio II,16,11).


Barbara Schenck
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