Psalmensingen in der Gemeinde

In Potsdam haben insbesondere junge Gemeindemitglieder die Psalmen neu entdeckt.

Pastorin Hildegard Rugenstein beschreibt, wie in ihrer Gemeinde die Texte erarbeitet und die Melodien geübt werden und wie der Psalmengesang zu einem Instrument des Gemeindeaufbaus wurde.

Unsere Gemeinde ist in den letzten Jahren gut gewachsen, der Gottesdienstbesuch ist von 25 auf über 50 Personen gestiegen, eher junge und mittlere Generation sind dazu gekommen. Unter anderem durch die Thematisierung der Psalmen und die "tapfere" Wiederentdeckung des Psalmengesangs! Die Alten (über 60-jährigen) in der Gemeinde kennen nur Paul-Gerhard-Lieder und kennen die Hugenottenpsalmen gar nicht mehr. Die Jüngeren haben sie wiederentdeckt und üben. Die "Junge Gemeinde" (Jugendgruppe) und die ganz Alten haben Probleme mit den Hugenottenpsalmen, Kinder und Mittelalte eher nicht.

Inhalte sind leicht verständlich zu machen

Man muss bedenken, dass die Psalmentexte 3000 Jahre alt sind und das Thema Kirche zum Beispiel gar nicht vorkommen kann. Die Texte sind dafür eher weisheitlich und oft sehr grundsätzlich.

Eine Schwierigkeit und gleichzeitig Chance ist, dass die biblischen Geschichten aus der Tora als bekannt vorausgesetzt werden. Psalmensingen fördert also das regelmäßige Auffrischen der grundlegenden Geschichten. Dagegen haben wir mit einer Predigtreihe über Psalmtexte nicht so gute Erfahrungen gemacht. Psalmen wollen eher gesungen als gepredigt werden.

Andere Kirchenlieder sind oft nur 300 Jahre alt und thematisieren einen kleinen Ausschnitt aus der mehr oder weniger interessanten Kirchengeschichte. Außerdem setzen sie Interesse für Dogmatik und theologische Fachausdrücke vorraus - aber wer hat dazu am Sonntag Morgen Lust?

Psalmen richtig singen

Psalmen singen wir immer von Anfang bis zum Ende! Jeder Psalm hat einen interessanten dramaturgischen Aufbau und eignet sich nicht zum Strophenweglassen. Wenn es mehr als fünf Strophen sind, machen wir eine Textpause mit einer passenden Schriftlesung oder noch einfacher: wir singen im Wechsel: eine Strophe singen, eine Strophe sprechen (von einem oder sogar von allen, das prägt den Text gut ein) oder zwei Strophen singen eine sprechen usw. oder wir singen zum Beginn des Gottesdienstes fünf Strophen und am Ende drei.

Einige Ausnahmen von besonders schönen Strophen, die wir auch mal ganz für sich singen, sind Ps 68,6, (Anbetung Ehre, Dank und Ruhm) und Ps 118, 10 (Die ist der schönste aller Tage, den Gott uns schenkt, weil er uns liebt).

In der Regel beten wir im Gottesdienst den Wochenpsalm von Sylvia Bukowski (oder Hans-Dieter Hüsch) von kleinen DIN-A5 Zetteln ausgedruckt alle gemeinsam im Sitzen und singen danach den ganzen Psalm nach der Hugenottenmelodie im Stehen. Die Zettel werden gerne mit nach Hause genommen. Die übriggebliebenen Zettel werden in der Woche für Andachten weiter benutzt oder von Touristen gerne mitgenommen.

Die Wochenpsalmen hinten im Gesangbuch lesen wir nicht, weil wir ja die Psalmen singen und weil die Textauswahl manchmal spannende Verse wegläßt (z.B. Ps 139, die Verse 19-22 fehlen)


Hildegard Rugenstein, Pastorin in Potsdam
Wie es am besten gelingt. Was zu bedenken ist.

Das Psalmensingen im Gottesdienst ist und bleibt eine Herausforderung, aber Üben hilft. Der erste Schritt ist, dass man wirklich in jedem Gottesdienst mindestens einen Psalm singt.
''Darum, wenn wir gut hier und da gesucht haben, finden wir keine besseren noch geeigneteren Gesänge als die Psalmen Davids'' (Johannes Calvin)

Die Reformatoren wollten – anders als in der katholischen Messe üblich – die Gemeinde der Gläubigen während des Gottesdienstes singen lassen. Dazu griffen sie auf die biblischen Psalmen zurück. Nachgedichtet und vertont wurden die alten Gebete zu populären Liedern - und sind mittlerweile z.T. im world wide web zu hören.