2. Advent - Lukas 21,25-33: Die Erlösung naht nach langem Leiden

Von Johannes Calvin

©Andreas Olbrich

''Wie im Frühling die Bäume lange nicht so stark erscheinen wie im Winter, wenn sie von eisiger Kälte erstarrt sind ... so ist es auch mit der Kirche: mögen Bedrängnisse auch den Anschein haben, als könnten sie sie aufweichen, nichts kann ihrer Kraft Widerstand leisten.''

Lukas 21, 25-33
25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sterne, und auf Erden wird den Leuten bange sein, und sie werden zagen, denn das Meer und die Wasserbogen werden brausen, 26 und die Menschen werden verschmachten vor Furcht und vor Warten der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn auch der Himmel Kräfte werden ins Wanken kommen. 27 Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. 28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, so seht auf und erhebt eure Häupter darum, daß sich eure Erlösung naht. 29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht an den Feigenbaum und alle Bäume: 30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht`s, so wißt ihr selber, daß jetzt der Sommer nahe ist. 31 So auch ihr: Wenn ihr das alles seht angehen, so wißt, daß das Reich Gottes nahe ist. 32 Wahrlich ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis daß es alles geschehe. 33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.

Matthäus 24.29-31
29 Bald aber nach der Trübsal jener Zeit werden Sonne und Mond den Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. 20 Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohns am Himmel. Und alsdann werden heilen alle Geschlechter auf Erden und werden kommen sehen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. 31 Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen, und sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern. 32 An dem Feigenbaum lernt ein Gleichnis: wenn sein Zweig jetzt treibt und die Blätter kommen, so wißt ihr, daß der Sommer nahe ist. 33 So auch ihr: wenn ihr das alles sehet, so wißt, daß es nahe vor der Tür ist. 34 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis daß dieses alles geschehe. 35 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen. 36 Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel, auch nicht der Sohn, sondern allein der Vater.

Hier nun endlich redet Christus von der völligen Offenbarung seines Reiches, nach der man ihn gefragt hatte (vgl. Matth. 24, 3), und verheißt, daß nach dem langen Leidensweg die Erlösung zu ihrer Zeit kommen werde. Es zielt in seiner Antwort vor allem darauf, seine Jünger in lebendiger Hoffnung zu befestigen, damit sie nicht angesichts der Unruhe und Verwirrung den Mut verlören. Er spricht nicht einfach von seiner Wiederkunft, sondern er bedient sich prophetischer Redeformen. Denn je härter der Kampf der Versuchung, um so mehr brauchen wache Kämpfer Klarheit über den Ausgang, um den Kampf zu überstehen. Denn wenn sie an die großen Verheißungen der Propheten dachten, mußte es ihnen als Widerspruch erscheinen, daß das Reich Christi mit Schmach und Verachtung bedeckt, vom Kreuz erdrückt und von allen möglichen Leiden heimgesucht war. Die Frage drängte sich auf: Wo ist denn jene Herrlichkeit, vor der Sonne, Mond und Sterne erblassen, die das ganze Weltgefüge erschüttert und die feste Ordnung der Natur durcheinanderbringt? Diesen Anfechtungen beugt der Herr nun vor und kündigt an, daß alle diese Weissagungen sich, obwohl sie sich im Augenblick noch nicht bestätigten, endlich einmal erfüllten. Was also einst von der merkwürdigen Erschütterung des Himmels und der Erde vorausgesagt wurde, darf nicht auf den Anfang der Erlösung beschränkt werden, da die Propheten deren gesamten Ablauf bis zu ihrem Ziel umfaßten. Nun, da wir die Absicht Christi begreifen, ist das Verständnis der Worte ganz einfach: der Himmel wird sich erst verfinstern, wenn die Leiden der Gemeinde erfüllt sind. Damit ist nicht gesagt, daß von dem Ruhm und der Majestät der Herrschaft Christi vor seinem Kommen nichts sichtbar würde, sondern die Meinung ist, daß dann erst die mit der Auferstehung begonnene Entwicklung zum Abschluß gelangen wird, von der Gott den Seinen bis dahin nur einen Vorgeschmack gibt, um sie länger auf dem Weg der Hoffnung und Geduld zu führen. In diesem Sinn weist Christus die Gläubigen auf den Jüngsten Tag; sie sollen nicht das Zeugnis der Propheten von der zukünftigen Erneuerung für hinfällig halten, weil sie so lange von dem dichten Dunkel der Bedrängnisse verhüllt ist. Der Ausdruck (Matth. 24, 29) „Trübsal jener Zeit“ bezieht sich nicht etwa auf den Untergang Jerusalems, wie einige Ausleger irrtümlich meinen, sondern ist die zusammenfassende Bezeichnung all der Leiden, die Christus vorher entwickelt hatte. Mit dem Hinweis auf den glücklichen Ausgang der Qualen ermuntert er die Jünger zur Geduld. Er hätte auch sagen können: Solange die Gemeinde durch die Welt pilgert, wird es für sie neblig und finster sein; sobald aber das Ende ihrer Leiden kommt, ist auch der Tag da, an dem ihre Majestät sich herrlich offenbaren wird. Wie die Verfinsterung der Sonne sein wird, können wir uns heute noch nicht vorstellen; das Ende selbst wird es erst erweisen. Daß die Sterne vom Himmel fallen, ist nicht wörtlich zu verstehen, vielmehr wird es dem Menschen so scheinen, als fielen sie; darum heißt es auch bei Lukas nur, es würden Zeichen sein an Sonne, Mond und Sternen. Das Ganze soll sagen: So gewaltig wird die Erschütterung des Himmelsgefüges sein, daß sogar die Sterne herunterzufallen scheinen.

Bei Lukas wird dann noch hinzugefügt, daß auch das Meer mächtig brausen wird, so daß die Menschen vor Furcht umkommen. Kurz: alle Geschöpfe in der Höhe und in der Tiefe werden die Boten sein, um die Menschen vor jenen schrecklichen Richterstuhl zu zitieren, in dessen gottloser Verachtung sie sich bis zuletzt gefielen.

Matth. 24, 30. „Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes.“ Hier unterscheidet Christus noch deutlicher zwischen dem gegenwärtigen Zustand seines Reiches und dessen zukünftiger Herrlichkeit. Er gesteht zu: Solange die Finsternis der Anfechtungen währt, ist die Majestät Christi nicht sichtbar, so daß die Menschen die von ihm gebrachte Erlösung noch nicht spüren. Denn die allgemeine Verwirrung verdunkelt unsere Sinne, und verdeckt zugleich die Gnade Christi und läßt sie gewissermaßen aus unseren Augen entschwinden, so daß mindestens das Verständnis des Fleisches das von ihm geschenkte Heil nicht fassen kann. Darum kündigt Christus an, er wolle sich bei seinem letzten Kommen offen zeigen; er werde als der mit himmlischer Macht Ausgerüstete wie ein hoch erhobenes Panier die Augen der ganzen Welt auf sich richten. Da er jedoch wußte, daß die meisten Menschen seine Verkündigung verachten und seinem Reich feindlich gesinnt sein würden, kündigt er zugleich allen Völkern Klage und Weinen an. Denn es ist nur gerecht, daß er durch sein Erscheinen die Empörer niederschlägt, die sein Königtum verachteten, solange sie ihn nicht sehen konnten. Das soll auf der einen Seite die Stolzen und Trotzigen erschrecken und zur Besinnung bringen, auf der andern Seite soll es die Gläubigen stärken mitten im Starrsinn der Welt. Denn es bedeutet keinen geringen Anstoß, wenn man die Lässigkeit der Gottlosen beobachtet; sie scheinen Gott ungestraft zu verspotten. Auch neigen wir nur zu sehr dazu, uns durch ihr Glück blenden zu lassen, so daß wir darüber die Furcht Gottes vergessen. Damit die Gläubigen diese Leute nicht um ihre ausgelassene Freude beneiden, erklärt Christus, daß sie in Heulen und Zähneklappen enden werde. Er spielt meiner Ansicht nach auf die Gerichtsdrohung in Sach. 12, 10 an, wo es heißt, daß in allen Häusern Klage sein werde, wie man klagt beim Begräbnis des einzigen Sohnes. Es ist also unsinnig, die Bekehrung der Welt zu erhoffen; denn sie werden zu spät, und ohne daß es ihnen noch etwas hilft, merken, wen sie durchbohrt haben. Es folgt dann die Erklärung jenes Zeichens: Sie werden den Sohn des Menschen auf den Wolken kommen sehen, er, der damals in verächtlicher Knechtsgestalt auf der Erde lebte. Nun wußten die Jünger, daß die Herrlichkeit seines Reiches eine himmlische Herrlichkeit sein werde, nicht eine irdische, wie sie geträumt hatten.

Matth. 24, 31. „Und er wird senden seine Engel.“ Als Zeichen seiner Macht führt Christus an, daß er seine Engel schicken werde, um seine Erwählten von den äußersten Enden der Welt her zu sammeln. Mögen sie auch zerstreut sein, sie sollen doch wieder zusammengebracht werden, um unter ihrem Haupt zum ewigen Leben zusammenzuwachsen und das erhoffte Erbe zu genießen. Damit wollte Christus seine Jünger trösten, daß sie nicht an der traurigen Zerstreutheit der Gemeinde verzweifelten. Wenn heute die Kunstgriffe Satans die Gemeinde auseinanderbringen, die Grausamkeit der Gottlosen sie zerreißen, Irrlehren sie verwirren oder Stürme sie jagen wollen, dann sollen wir an diese verheißene Sammlung der Gemeinde denken. Damit uns der Glaube daran jedoch nicht zu schwer fällt, werden wir an die Macht der Engel erinnert; auf sie weist Christus hin, damit wir uns nicht an Menschen und ihre Mittel klammern. Denn wie sehr die Gemeinde jetzt auch von menschlicher Bosheit gepeinigt wird, wie unstet sie sich auch von Flucht zu Flucht weiterhilft, wie schwer die Wogen auch sind, die sie zerbrechen und zerreißen wollen, so daß sie keine Sicherheit in der Welt hat, wir dürfen dennoch guter Hoffnung sein, weil der Herr seine Gemeinde zusammenhalten wird, zwar nicht mit menschlichen Mitteln, dafür aber mit seiner himmlischen Macht, die allen Hindernissen weit überlegen sein wird.

Luk. 21, 28. „Wenn aber dieses anfängt zu geschehen.“ Bei Lukas tritt der Trost noch deutlicher heraus, mit dem Christus die Seinen erquickt. Hier steht zwar im Grunde dasselbe wie bei Matthäus; doch lassen die Worte noch besser erkennen, warum die Engel kommen sollen, die Auserwählten zu sammeln. Denn der allgemeinen Traurigkeit und Angst der Welt mußte die Freude der Gläubigen gegenübergestellt und der Unterschied zwischen ihnen und den Gottlosen hervorgehoben werden, damit Christi Kommen ihnen keinen Schrecken einjage. Bekanntlich redet die Schrift nicht nur vom Jüngsten Gericht, sondern von allem, was Gott täglich tut, ganz unterschiedlich, je nachdem ob ihre Worte an Gläubige oder an Ungläubige gerichtet sind. So heißt es bei Amos (5, 18): „Was soll euch der Tag des Herrn? Er ist Finsternis und nicht Licht.“ Dagegen ruft Sacharja (9, 9) die Tochter Zion zur Freude auf über die Ankunft ihres Königs. Derselbe Tag, der den Verworfenen Zorn und Rache bringt, bedeutet für die Gläubigen Gnade und Erlösung (wie es ähnlich auch in Jes. 35, 4 steht). Darum bezeugt Christus, daß mit seinem Kommen für seine Jünger das Licht der Freude aufgehen wird, so daß sie sich des nahen Heiles freuen, während die Gottlosen vor Schrecken zittern. So nennt Paulus (vgl. 1. Kor. 1, 7 und 2. Tim. 4, 8) als Kennzeichen der Gläubigen, daß sie auf den Tag oder das Kommen des Herrn warten. Denn erst an jenem Tag sollen sie die Krone, volle Glückseligkeit und Erquickung empfangen. Darum kann dieser Tag geradezu auch die Erlösung heißen (wie auch in Rom. 8, 23), weil sich an ihm der Freispruch im Gericht, den Christus uns gebracht hat, klar und deutlich zeigen wird. Darum sollen wir unsere Ohren spitzen, ob wir nicht den Klang der Engelsposaune hören, die nicht nur dazu ergeht, um die Gottlosen in Todesfurcht zu versetzen, sondern auch um die Erwählten zum neuen Leben zu erwecken, um also die, die der Herr jetzt durch die Stimme seines Evangeliums lebendig macht, zum vollen Genuß des Lebens zu rufen. Denn es ist das Merkmal des Unglaubens, zu erschrecken, wenn der Sohn Gottes zu unserem Heil erscheint. Christus meint hier nicht nur: Wie das Ausschlagen der Bäume ein Zeichen für den nahenden Sommer ist, so ist die eben erwähnte Verwirrung aller Dinge ein Vorzeichen für sein baldiges Kommen, sondern meiner Ansicht nach wird hier noch mehr ausgesagt: Wie im Frühling die Bäume lange nicht so stark erscheinen wie im Winter, wenn sie von eisiger Kälte erstarrt sind und sich dann sogar spalten, um neue Zweige ausbrechen zu lassen, so ist es auch mit der Kirche: mögen Bedrängnisse auch den Anschein haben, als könnten sie sie aufweichen, nichts kann ihrer Kraft Widerstand leisten. Denn wie der innere Saft den ganzen Baum durchströmt, nachdem einmal der Bann gebrochen ist, und alle Kräfte sammelt, um zu erneuern, was erstorben war, so bringt der Herr aus dem Untergang des äußeren Menschen die völlige Erneuerung der Seinen hervor. Wir dürfen also nie von der Schwäche und Hinfälligkeit der Kirche her auf ihren Untergang schließen, sondern im Gegenteil, wir sollen auf ihre ewige Herrlichkeit hoffen, zu der der Herr die Seinen durch Kreuz und Drangsale zubereitet. Denn was Paulus von den einzelnen Gliedern sagt, gilt auch von dem ganzen Leib (2. Kor. 4, 16): „Ob auch unser äußerlicher Mensch verfällt, so wird doch der innerliche von Tag zu Tag erneuert.“ Während es bei Matthäus (24, 33) und Markus (13, 29) ohne nähere Bestimmung heißt: „Es ist nahe vor der Tür“, lesen wir bei Lukas (21, 31) die genauere Angabe: „Daß das Reich Gottes nahe ist“. Und zwar bedeutet dieser Ausdruck hier nicht den Anbruch des Reiches (wie etwa Matth. 4, 17), sondern seine Vollendung; das geht aus dem ganzen Sinnzusammenhang hervor. Denn Christi Zuhörer hatten jetzt nicht das Reich Gottes vor Augen, wie es im Evangelium verkündigt wird als das Reich des Friedens, der Freude, des Glaubens und der geistlichen Gerechtigkeit, sondern sie suchten jene glückselige Ruhe und Herrlichkeit, die uns als Hoffnung aufbewahrt ist bis zum Jüngsten Tag.

Matth. 24, 34. „Dieses Geschlecht wird nicht vergehen.“ Trotz dieser weitausgreifenden Anmerkung meint Christus nicht, daß alle ihr beschiedenen Leiden die Kirche in allernächster Zeit treffen müssen, sondern er sagt nur, daß noch vor Ablauf eines Menschenalters sein Wort durch die Tatsachen bewiesen sein würde. Denn innerhalb der nächsten fünfzig Jahre wurde die Stadt zerstört, der Tempel niedergerissen, die ganze Umgegend in eine schauerliche Wüste verwandelt, und die Welt begann mit ihrem Trotz gegen Gott. Es entbrannte ein Haß, der die Verkündigung des Heils auslöschen wollte, falsche Lehrer standen auf, die das reine Evangelium mit ihren Lügen entstellten, auf alle mögliche Weise wurde die Religion angegriffen, jegliche Zusammenkunft der Gläubigen wurde jämmerlich verfolgt. Nun haben zwar viele Jahrhunderte später noch die gleichen Bedrängnisse ohne Abschwächung gewütet; doch hatte Christus trotzdem recht mit seinem Wort, die Gläubigen würden vor Ablauf eines Menschenalters am eigenen Leib die Wahrheit seiner Weissagung spüren. Denn die Apostel haben dasselbe erlitten, was wir heute erleben. Es kann Christi Absicht nicht gewesen sein, den Seinen zu versprechen, das Unglück fände innerhalb kurzer Zeit ein Ende - denn das wäre ein Widerspruch zu seiner früheren Aussage, daß das Ende noch nicht da sei -, sondern um sie zum Aushalten zu ermuntern, sagte er ihnen ausdrücklich voraus, daß sie selbst noch damit rechnen müßten. Er meint also, es handle sich nicht um eine Weissagung über Leiden in ferner Zeit, die irgendwann einmal spätere Generationen treffen könnten, sondern um solche, die sich bereits über ihren Köpfen zusammenbrauten, und zwar in einer solchen Dichte, daß die jetzige Generation von allem ein gutes Teil abbekommen würde. Der Herr denkt also gar nicht daran, die folgenden Geschlechter von den Leiden auszunehmen, wenn er sie hier alle auf eine Generation zusammenzieht, sondern er will seine Jünger nur ermahnen, bereit zu sein, alles standhaft zu ertragen.

Matth. 24, 35. „Himmel und Erde werden vergehen.“ Zur Bekräftigung seiner Worte bedient Christus sich eines Vergleichs: sie stehen fester als das ganze Weltgebäude. Dieses Wort deuten die Ausleger auf verschiedene Weise: Die einen beziehen den Untergang von Himmel und Erde auf den Jüngsten Tag, wo ihre Vergänglichkeit aufgehoben wird. Die andern erklären es sich so, daß eher das ganze Weltgebäude untergehen wird als die eben gehörte Weissagung. Da aber Christus zweifellos die Gedanken seiner Jünger mit voller Absicht über den Blick auf diese Welt erheben wollte, so scheinen mir eher die ständigen Veränderungen gemeint zu sein, die in der Welt vor sich gehen. Christus behauptet demnach, an seine Worte dürfe nicht der Maßstab dieser unbeständigen, auf und ab wogenden Welt gelegt werden. Wissen wir doch, wie leicht wir uns von Entwicklungen in der Welt mitreißen lassen. Darum verbietet Christus seinen Jüngern, ihren Blick gebannt auf die Welt zu halten; sie sollen lieber das Schauspiel, das da kommen soll, gewissermaßen von der Höhe der göttlichen Vorsehung aus betrachten. Unsere Stelle lehrt uns also, daß unser Heil, da es in Christi Verheißungen gegründet ist, nicht allen den Bewegungen unterworfen ist, denen die Welt unterliegt, sondern unerschüttert steht - nur soll auch unser Glaube sich über Himmel und Erde erheben und sich bis zu Christus selbst emporschwingen.

Matth. 24, 36. „Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand.“ Mit dieser Erklärung wollte Christus die Gläubigen zum geduldigen Warten bringen, damit sie ja nicht in einem dummen Einfall behaupteten, dann und dann sei die volle Erlösung da. Wir wissen ja nur zu gut, wie leicht wir zu beeinflussen sind und wie uns die eitle Neugier kitzelt. Auch sah Christus, wie die Jünger zur Neuzeit bereits auf den Triumph zueilen wollten. Wir sollen also nach seinem Willen den Tag seines Kommens so erhoffen und ersehnen, daß dabei niemand es wagt, den genauen Termin zu erforschen. Seine Jünger sollen so im Licht des Glaubens einhergehen, daß sie, ohne den genauen Zeitpunkt zu kennen, geduldig auf die Offenbarung warten. Wir müssen uns also hüten, über Tag und Stunde mehr wissen zu wollen, als der Herr uns darüber sagt. Denn unsere Weisheit besteht vor allen Dingen darin, daß wir uns nüchtern in den Grenzen des Wortes Gottes halten. Damit es den Menschen aber nicht ärgerlich ist, daß sie über jenen Tag nichts wissen, stellt Christus die Engel mit ihnen auf die gleiche Stufe; denn was für ein Hochmut und welche verwerfliche Wißbegier wäre es, wenn wir irdischen Geschöpfe mehr beanspruchen wollten, als den Engeln im Himmel zugestanden wird. Bei Markus (13, 32) findet sich noch der Zusatz: „Auch der Sohn nicht“. Danach wären wir ja doppelt und dreifach unsinnig, wenn wir nicht willig die Unwissenheit trügen, die der Sohn Gottes um unsertwillen ohne Widerspruch auf sich genommen hat. Wenn hier übrigens viele glauben, das ließe sich mit der Würde Christi nicht vereinbaren, so entschärfen sie diesen Satz mit einer Lüge. Das ist allerdings nur wieder ein Gegenschlag zu der böswilligen Behauptung der Ariancr, die von hier aus durchzusetzen versuchten, Christus sei nicht wahrer und einiger Gott. Nach ihnen also kannte Christus den Jüngsten Tag nicht, da er es anderen nicht mitteilen wollte. Aber da Christus offensichtlich sein Nichtwissen mit den Engeln teilt, halten wir uns besser an die Auslegung, die ich gerade vorgetragen habe. Gegen die Einwände der Leute, die meinen, dem Sohn Gottes werde eine Schmach angetan, wenn man von ihm irgendein Nichtwissen behaupte, ist folgendes zu sagen: Zunächst der Einwand, Gott wisse alles. Bekanntlich waren die beiden Naturen in Christus so zu einer Person vereinigt, daß jede von beiden dabei unangetastet blieb. Immer wenn er also in menschlicher Natur sein Mittleramt ausübte, ruhte die Gottheit. Darum ist gar nichts dabei, wenn Christus, obwohl er allwissend war, etwas nach seiner menschlichen Natur nicht wußte. Denn genauso war er ja auch dem Schmerz und der Angst unterworfen und konnte uns ganz gleich sein. Wenn aber nun einige einwerfen, gerade die Unwissenheit, die doch eine Strafe für die Sünde ist, stehe Christus nicht an, dann ist das mehr als unsinnig. Erstens ist es rein erfunden, zu behaupten, die Unwissenheit, die doch auch den Engeln beigelegt wird, komme von der Sünde; aber das zweite ist fast noch schlimmer, daß sie nicht anerkennen wollen, daß Christus darum unser Fleisch angezogen hat, um die durch unsere Sünden verschuldete Strafe auf sich zu nehmen. Wenn Christus also nach seiner menschlichen Natur den Jüngsten Tag nicht kannte, so nimmt das seiner Gottheit nicht mehr von ihrer Würde als die Tatsache, daß er überhaupt ein sterblicher Mensch war. Im übrigen ist ganz klar, daß er auch hier das ihm vom Vater aufgetragene Amt im Blick hat, genau wie vorher, wenn er sagte, solange er unter den Menschen weilte, sei es nicht seine Aufgabe, diesen oder jenen zu seiner Rechten oder Linken zu placieren. Das war einfach nicht sein Auftrag, als er vom Vater gesandt wurde. So meine ich auch hier, daß ihm, solange er als Mittler bei uns war und seinen Auftrag erledigte, noch nicht gegeben war, was er später nach der Auferstehung empfangen sollte: die Gewalt über alles und jedes.

 


Aus: Johannes Calvins Auslegung der Evangelien-Harmonie. 2. Teil, hrg. Otto Weber, Neukirchener Verlag, 1974, S. 272-279.
Eine Auslegung der Heiligen Schrift