Jahresende, Silvester, Rückblick - mit der Jahreslosung 2008

Johannes 14,19 - ausgelegt von Johannes Calvin

©Andreas Olbrich

''Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben. An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch.''
Johannes 14, 19f.

V. 19. Es ist noch um ein kleines ... Diese Worte spricht Jesus, nachdem er seinen Jüngern die besondere Gnade ans Herz gelegt hat, die ihren Kummer lindern, ja sogar vertreiben sollte. Wenn ich, so spricht er, den Blicken der Welt entzogen bin, werde ich doch bei euch sein. Wenn wir aber diesen verborgenen Anblick Christi genießen wollen, dann dürfen wir nicht mit fleischlichen Sinnen darüber urteilen, ob er gegenwärtig ist oder nicht. Vielmehr müssen wir die Augen des Glaubens darauf richten, seine Kraft zu erblicken. So kommt es, daß die Gläubigen Christus durch den Geist stets bei sich haben und anschauen, wie weit sie auch leiblich von ihm getrennt sein mögen.

Denn ich lebe . . . Der Sinn könnte ein doppelter sein. Entweder soll dieser Satz den vorigen bekräftigen oder für sich gelesen werden und besagen: die Gläubigen werden leben, weil Christus lebt. Ich neige zu der erstgenannten Ansicht. Doch läßt sich auch aus dieser die in der zweiten enthaltene Lehre ableiten, Christi Leben sei Ursache des unseren. Anfangs gibt er den Grund dafür an, daß die Seinen ihn sehen, die Welt aber ihn nicht sieht. Denn man kann Christus nur im Hinblick auf das geistliche Leben wahrnehmen, und dessen ist die Welt beraubt. Die Welt sieht Christus nicht: kein Wunder, denn die Ursache ihrer Blindheit ist der Tod. Aber sobald einer im Geiste zu leben beginnt, hat er auch Augen, mit denen er Christus sehen kann. Das kommt daher, daß mit Christi Leben auch das unsere verknüpft ist und ihm nicht anders als seiner Quelle entströmt.

In uns selbst nämlich sind wir tot, und das Leben, das unser Stolz ist, ist der schlimmste Tod. Wenn es also darum geht, das Leben zu erlangen, so müssen wir die Augen auf Christus richten und sein Leben im Glauben auf uns übertragen. Nur so kann unser Gewissen die rechte Zuversicht haben, daß wir vor der Gefahr des Unterganges sicher sind, solange Christus lebt. Denn es steht fest, daß er nicht leben wird, wenn seine Glieder tot sind.

V. 20. An demselben Tage ... Viele denken dabei an Pfingsten. Doch bezeichnet Tag hier eine fortlaufende Zeitspanne, die von dem Punkt an, wo Christus die Kraft seines Geistes bewies, bis zur Auferweckung am Jüngsten Tage währt. Schon damals hatten sie begonnen zu erkennen; doch war es nur ein erster, schwacher Anfang, weil der Geist noch nicht kraftvoll in ihnen gewirkt hatte. Denn das ist der Sinn der Worte: durch ein müßiges Spiel der Gedanken läßt sich nicht erkennen, welcher Art die heilige, geheimnisvolle Vereinigung zwischen uns und Christus, dann wieder zwischen ihm und dem Vater ist; nur dann lernen wir das Wesen dieser Vereinigung kennen, wenn er sein Leben durch die verborgene Wirksamkeit des Geistes in uns hineinströmen läßt. Das ist die Erfahrung des Glaubens, die ich vorher erwähnte. Nun haben zwar die Arianer einst dies Zeugnis zu dem Beweis mißbraucht, Christus sei nur durch Teilhabe und Gnade Gott. Aber dieser Spiegelfechterei läßt sich mit Leichtigkeit der Boden entziehen. Christus spricht nämlich nicht einfach von seinem ewigen Wesen, sondern hebt jene göttliche Kraft hervor, die in ihm offenbart worden war. Denn wie der Vater die ganze Fülle der Güter in seinen Sohn legte, so hat dieser seinerseits sich ganz und gar in uns hinein gegeben. Es heißt, daß wir in ihm seien, weil wir in seinen Leib eingepflanzt und damit seiner Gerechtigkeit und aller seiner Güter teilhaftig sind. Umgekehrt heißt es, er sei in uns, weil er durch die Wirksamkeit, seines Geistes deutlich zeigt, daß er Geber und Grund unseres Lebens ist.


Johannes Calvin, Auslegung der Heiligen Schrift, Neue Reihe 14: Das Johannes-Evangelium, Neukirchen 1964