4. Advent - Lukas 1,38-45: Zwei Frauen schauen miteinander die ihnen geschenkte Gnade an

Von Johannes Calvin

Die Madonna des Magnifikat (Detail) von Sandro Botticelli, 1481

... Jetzt begreifen wir, weshalb Maria sagt, Gott stoße die Gewaltigen vom Thron und erhebe die Schwachen. Sie will nämlich zeigen, daß die Welt nicht durch den blinden Drang des Zufalls bewegt werde, sondern daß aller Wechsel, den wir sehen, unter der Vorsehung Gottes steht; daß Gott zu­gleich nach seiner wunderbaren Güte maßhält in seinen Gerichten ...

Lukas 1,38-45

39 Maria aber stand auf in den Tagen und ging auf das Gebirge eilends zu einer Stadt in Juda 40 und kam in das Haus des Zacharias und grüßte Elisabeth. 41 Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth ward des heiligen Geistes so voll 42 und rief laut und sprach: Gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes. 43 Und woher kommt mir das, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 44 Siehe, da ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte vor Freude das Kind in meinem Leibe. 45 O selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt worden ist von dem Herrn. 46 Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, 47 und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. 48 Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. 49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist. Und heilig ist sein Name. 50 Und seine Barmherzigkeit währet immer für und für bei denen, die ihn fürchten. 51 Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. 52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. 53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer. 54 Er denkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf. 55 Wie er geredet hat unseren Vätern, Abraham und seinen Kindern ewiglich. 56 Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.

V. 39. „Maria aber stand auf.“ Diese von Lukas erwähnte Reise beweist, daß Marias Glaube kein Augenblicksglaube war. Der Engel verschwand vor ihren Augen; aber die Verheißung Gottes verflüchtigte sich ihr nicht, sie hatte sich tief ihrem Sinn eingeprägt. Ihre Eile läßt erkennen, wie ernst sie es nahm und wie ihr Herz brannte. Alle anderen Dinge stellte die Jungfrau zurück und erwies der ihr verheißenen Gnade Gottes die geziemende Ehrerbietung. Man möchte jedoch fragen, in welcher Absicht sie die Reise unternommen habe. Gewiß nicht, um nur nachzuforschen, ob die Worte des Engels wahr wären. Denn sie hegte den Sohn Gottes nicht weniger im Glauben in ihrem Herzen, als sie ihn im Leib empfangen hatte. Auch glaube ich nicht, daß sie kam, um Glück zu wünschen. Mir ist am wahrscheinlichsten, daß sie einerseits Mehrung und Stärkung ihres Glaubens suchte und andererseits die ihr und Elisabeth widerfahrene Gnade rühmen wollte. Es ist doch ganz begreiflich, daß sie die Stärkung ihres Glaubens begehrte durch Ansehen des Wunders, das der Engel ihr eben in seiner Absicht vorgehalten hatte. Denn obgleich die Gläubigen zufrieden sind mit dem bloßen Wort des Herrn, so haben sie doch dabei sorgfältig acht auf jedes seiner Werke, das sie als eine kräftige Stütze ihres Glaubens empfinden müssen. Maria mußte sogar die ihr angebotene Hilfe annehmen, wenn sie nicht zurückweisen wollte, was ihr der Herr aus freier Gnade dargereicht hatte. Ferner konnte das gegen­seitige Wiedersehen sie sowohl wie Elisabeth zu größerer Dankbarkeit entzün­den, wie auch aus der weiteren Erzählung deutlich wird. Denn wenn sie beide mit­einander die ihnen geschenkte Gnade anschauten, so wurde ihnen durch den Ver­gleich ihrer beiderseitigen Erfahrung die Kraft Gottes nur noch deutlicher und herrlicher. Der Evangelist nennt den Namen der Stadt nicht, in der Zacharias wohnte; er sagt nur, sie habe zum Stamm Juda gehört und sei auf dem Gebirge gelegen. Es läßt sich also annehmen, daß sie von Nazareth aus noch hinter Jerusalem lag. In diesen und den folgenden Versen ist uns das schöne und denkwürdige Lied der heiligen Jungfrau aufbewahrt, aus dem klar hervorgeht, wie reich die Gnade des Geistes in ihr war. Das Lied ist dreifach gegliedert. Zuerst sagt Maria feier­lich Dank für die erfahrene Barmherzigkeit Gottes; dann rühmt sie die Macht und die Gerichte Gottes überhaupt; und endlich macht sie die Anwendung auf den vorliegenden Fall und redet von der einst der Kirche verheißenen, jetzt erschienenen Erlösung.

V. 46. „Meine Seele erhebt den Herrn.“ Maria verleiht hier ihrer Dankbarkeit Ausdruck. Im Unterschied zu den Heuchlern, die zwar den Mund voll nehmen beim Lob Gottes, aber im Herzen kalt und gleichgültig sind, bezeugt sie, daß ihr ganzes Herz dabei sei, Gott zu preisen. Nur mit der Zunge, aber nicht von Herzen ihn rühmen ist im Grunde nur eine Verunehrung seines heiligen Namens. Die Worte „Seele“ und „Geist“ werden in der Schrift in verschiedenem Sinn gebraucht. Stehen sie nebeneinander, so bezeichnen sie meist zwei Tätigkeiten oder Ver­mögen der Seele. Das Wort „Geist" steht im Sinn von „Verstand", die „Seele" bedeutet den Sitz der Gefühle und Empfindungen. Um die Gedanken Marias recht zu verstehen, müssen wir beachten, daß das zweite Satzglied V. 47 sachlich dem ersten übergeordnet ist. Denn bevor der Wille des Menschen sich zum Lob Gottes anschickt, muß er die Freude des Geistes kennen, wie Jakobus 5, 13 lehrt: „Ist jemand guten Muts, der singe Psalmen." Traurigkeit und Angst bedrücken das Gemüt und schließen zugleich die Lippen, daß sie nicht Gottes Güte ver­kündigen. Weil Maria innerlich vor Freude jauchzt, öffnet sich auch ihr Herz zum Lob Gottes. Um den Grund der herzlichen Freude zu erkennen, von der sie redet, ist es von großer Bedeutung, daß sie ihren Gott „Heiland“ nennt. Solange man ihn nämlich nicht als den Heiland erkennt, wird das Menschenherz nie zu wahrhaftiger Freude befreit, sondern bleibt mit Sorge und Zweifel beladen. Daher vermag allein die Vatergüte Gottes und das aus ihr fließende Heil uns mit Freude zu erfüllen. Somit ist das erste, das die Gläubigen nötig haben, dies, daß sie rühmen können: unser Heil ist bei Gott. Dann kommt auch das andere, daß sie ihm Dank sagen, weil sie ihn als den gnädigen Vater erfahren haben. Der Name Heiland bezeichnet einen, der nicht nur für einmal rettet, sondern Grund und Urheber ewigen Heils ist.

V. 48. „Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“ Maria erklärt, weshalb die Freude ihres Herzens in Gott gegründet ist, weil er sie nämlich gnädig angesehen hat. Indem sie sich selbst niedrig nennt, entsagt sie aller eige­nen Würdigkeit, damit die unverdiente Güte Gottes allein den Ruhm habe. Das Wort „Niedrigkeit“ ist hier nicht in dem Sinn von Demut oder Bescheidenheit gebraucht, sondern bedeutet soviel wie niedrige oder unangesehene Stellung. Die Meinung ist also: daß ich unbekannt und ungenannt in der Welt war, hat Gott nicht abgehalten, nach seiner Gnade auf mich herabzublicken. So sehen wir, wie Maria sich selbst demütigt und Gott allein erhebt. Ihr Bekenntnis entsprang nicht einer gemachten Demut, sondern war die einfache, ungekünstelte Aussprache der Überzeugung ihres Herzens. Denn wie sie in der Welt nichts galt, so hielt sie auch nicht hoch von sich selber.

„Von nun an werden mich selig preisen ...:“ Allen Zeiten, sagt sie, werde diese Wohltat Gottes denkwürdig bleiben. Wenn diese Wohltat aber so groß war, daß sie überall gerühmt werden sollte, dann durfte Maria selbst, an der die gnädige Tat Gottes geschah, am allerwenigsten davon schweigen. Ausdrücklich sei darauf aufmerksam gemacht, daß die Seligkeit Marias in nichts anderem besteht als in der Gabe und Gnade Gottes. Für den Ruhm, den sie zu allen Zeiten haben wird, kennt sie keinen anderen Grund als das an ihr geschehene Werk des Herrn. Sie ist weit davon entfernt, in eigener Kraft und Geschäftigkeit solches Lob zu suchen. Dann aber ist uns sofort klar, wie wenig diese Gesinnung Marias mit der Lehre des Papstes und seiner Nachfolger zu tun hat, die sie mit selbst erdachten eitlen Titeln und Namen schmücken, aber die Güte, die sie von Gott empfangen hat, für nichts achten. Hochfahrende, ja mehr als übermütige Titel tragen sie zur Genüge zusammen: Himmelskönigin, Stern des Heils, Pforte des Lebens, Süßigkeit, Hoffnung und Heil nennen sie sie. Ja, Satan hat sie zu solcher Unverschämtheit und solchem Wahnsinn hingerissen, daß sie ihr die Herrschaft über Christus antragen. So singen sie denn in einem Lied: „Bitte den Vater, befiehl dem Sohn!" Es liegt offen am Tag, daß nichts dergleichen von Gott ausgegangen ist. Und die heilige Jungfrau selbst weist das alles mit einem Wort zurück, indem sie alle ihre Ehre in Gottes Gaben sucht. Denn wenn sie nur in dieser einen Hinsicht gefeiert werden kann, daß nämlich Gott Großes an ihr getan hat, dann bleibt für all die erdichteten Titel, die sich anderswoher einge­schlichen haben, kein Raum mehr. Man denke doch: nichts ist Maria gegenüber frevelhafter, als wenn dem Sohn Gottes entrissen wird, was ihm zusteht, wäh­rend man sie mit der unheiligen Beute umkleidet. Aber ausgerechnet die Papisten waren es, die uns Ungerechtigkeit gegenüber der Mutter Christi vorwarfen, während wir nur Menschenlügen zurückweisen und Gottes Wohltaten an ihr preisen. Aber was an ihr, wie wir zugestehen, am meisten geehrt werden sollte, das verdrehen sie ab ihre verkehrten Verehrer. Wir nehmen sie gern ab unsere Lehrmeisterin und gehorchen ihrer Lehre und ihrem Beispiel. Das aber setzen jene hintenan und verachten es. So verweigern die Papisten ihren Worten den Glauben. Wir aber wollen nicht vergessen, daß beim Loben von Engeln wie von Menschen für uns alle diese eine Regel gilt, daß die Gnade Gottes in ihnen gepriesen werde; nur was aus dieser Quelle stammt, ist doch des Lobes wert. Maria fügt hinzu (V. 49): „Er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist.“ Das will besagen: Gott habe keiner fremden Hilfe bedurft. Seine Macht allein müsse in allem die Ehre haben. Hier muß man noch einmal bedenken, was sie vorher gesagt hat: daß nämlich Gott sie angesehen hat, obwohl sie gewöhnlich und niedrig war. Folglich ist jedes Lob Marias töricht und verkehrt, das nicht auf die Verherrlichung der Macht und freien Gnade Gottes hinzielt. „Und heilig ist sein Name.“ Mit diesen Worten, die nicht nur als Anhängsel des vorigen Satzes zu lesen sind („dessen Name heilig ist"), beginnt der zweite Teil des Liedes, in dem die Jungfrau Gottes Kraft, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit im allgemeinen preist. Maria hatte die erfahrene Gnade gerühmt. Davon ausgehend, nimmt sie jetzt Gelegenheit, laut zu bezeugen: sein Name ist heilig, und „seine Barmherzigkeit währet immer für und für“ (V. 50). Der Name Gottes wird heilig genannt, weil ihm die höchste Ehrerbietung zukommt. Sooft wir von Gott reden, muß uns seine anbetungswürdige Majestät vor Augen stehen. Das nun folgende Lob seiner ewigen Barmherzigkeit ist den feierlichen Worten des Bundes Gottes mit Israel entlehnt (1. Mose 17,5; 5. Mose 7,9): „Ich bin dein Gott und deines Samens nach dir"; „Ich bin der Herr, dein Gott, der Bund und Barmherzigkeit hält in tausend Glieder." In dieser Verheißung erklärt Gott nicht nur, daß er stets derselbe sein werde, sondern er erklärt auch, daß seine Gnade gegen die Seinen ewig währe. Gehen die Alten dahin, so umfängt er die Kinder und Enkel wie die ganze Nach­kommenschaft mit seiner Liebe. So hat er mit nimmermüder Liebe Abrahams Kinder umgeben, weil er ihren Vater Abraham einmal zu Gnaden angenommen und einen ewigen Bund mit ihm aufgerichtet hatte. Da aber nicht alle, die von Abraham kommen, wahre Kinder Abrahams sind, schränkt Maria die Kraft der Verheißung nur auf die rechten Anbeter Gottes ein, wie David sagt: „Die Gnade des Herrn währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über die, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind bei denen, die seinen Bund halten" (Ps. 103, 7). Die Verheißung Gottes, die den Kindern der Gläubigen für alle Zeit Heil zusagt, ist also so gehalten, daß die Heuchler sich für ihr eitles Vertrauen nicht darauf berufen können. Entartete und vom Glauben und der Frömmigkeit der Väter abgefallene Kinder rühmen vergebens und ohne Recht, daß Gott ihr Vater sei. Durch die Einschränkung Marias wird daher die Torheit und das Selbstver­trauen solcher zurückgewiesen, die sich mit Unrecht, d. h. ohne wahren Glauben, der Gnade Gottes getrösten. Freilich leidet der Bund Gottes mit dem Samen Abrahams an sich keine Einschränkung; aber wie die vom Regen benetzten Steine doch nicht weich werden, so ist bei den Ungläubigen ihres Herzens Ver­härtung daran schuld, daß die Verheißung der Gerechtigkeit und des Heiles an ihnen keine Kraft beweist. Gort aber hat sich einen Samen übrigbehalten, damit seine Verheißung fest sei und nicht falle. Das gilt bei denen, „die ihn fürchten“. Unter dem Ausdruck wird alles zusammengefaßt, was zur Frömmigkeit, zum Gottesdienst und zum Glauben gehört. Hier liegt der Einwurf nahe: Weshalb wird Gott barmherzig genannt, wenn nur die ihn als solchen kennenlernen, die sich seiner Gnade wert erzeigen? Denn wenn er barmherzig ist über die, die ihn fürchten, so folgt doch daraus, daß die Frömmigkeit und das gute Gewissen der Menschen ihnen die Gnade Gottes erwerben, daß also die Menschen der Gnade Gottes mit ihren Verdiensten zuvorkommen. Indessen, ist das nicht auch Gnade, daß Gott den Kindern der Gläubigen Furcht und Ehrerbietung vor seiner Maje­stät einflößt? Im übrigen handelt es sich an unserer Stelle gar nicht um den Anfang seines Gnadenwerks, als ob er müßig vom Himmel her zusähe, ob einige der Gnade wert wären, sondern es soll nur den Heuchlern ihre falsche Sicherheit ausgetrieben werden, damit sie nicht denken, Gott sei ihnen verpflichtet, weil sie dem Fleisch nach Kinder von Gläubigen sind, während doch der Bund Gottes dahin zielt, immerdar in der Welt ein Volk zu haben, das ihm mit reinem Herzen dient.

V. 51. „Er übt Gewalt mit seinem Arm.“ Der Arm des Herrn steht hier gegen alle anderen Hilfsmittel; ebenso lesen wir Jes. 59, 16: „Er sieht, daß niemand da ist, und verwundert sich, daß niemand ins Mittel tritt. Darum hilft er sich selbst mit seinem Arm, und seine Gerechtigkeit steht ihm bei.“ Maria meint also, Gott habe genug an seiner Kraft, er bedürfe weder eines Gehilfen noch habe er jeman­den zur Hilfe gerufen. Was unmittelbar darauf gesagt ist von den Hoffärtigen, kann aus zwei Gründen hinzugefügt sein: einmal, weil die Stolzen nichts errei­chen, wenn sie sich wie Riesen gegen Gott erheben; dann, weil Gott seinen Arm nur zum Heil der Demütigen offenbart, während er die Hoffärtigen und An­maßenden erniedrigt, ganz in Übereinstimmung mit der Mahnung des Petrus (1. Petrus 5, 6): „Demütigt euch unter die gewaltige Hand Gottes.“ Man beachte die Redewendung: „Er zerstreut, die hoffartig sind“. Da die Hoffart und der Ehrgeiz der Stolzen grenzenlos und ihre Begierde unersättlich ist, entwerfen sie einen stolzen Plan nach dem anderen: sie bauen sozusagen an dem Turm von Babel. Nicht zufrieden damit, dieses oder jenes über ihre Kraft hinaus versucht zu haben, finden sie täglich neue Wege, verwegene Gedanken auszusinnen und auszuführen. Eine Weile schaut Gott schweigend vom Himmel her zu und lacht ihrer großartigen Anstrengungen; dann aber stürzt er ihre ganze Herrlichkeit mit einem Schlag, gerade wie wenn einer ein Haus niederlegt und die vorher fest untereinander verbundenen einzelnen Teile in alle Himmelsrichtungen zerstreut.

V. 52. „Er stößt die Gewaltigen vom Thron.“ Die Mächtigen werden vom Thron gestoßen, damit die Unbekannten und Geringen an ihren Platz kommen. So frohlockt Maria. Sie schreibt also der Vorsehung und den Gerichten Gottes zu, was die Welt Spiel des Zufalls nennt. Daß Gott unbeschränkte Macht besitzt, ist aber, wie wir wissen, nicht in dem Sinn aufzufassen, ab werfe er mit tyrannischer Willkür die Menschenkinder bald hierhin, bald dorthin. Vielmehr ist seine Herrschaft gerecht, und die besten Gründe leiten ihn in seinem Tun, auch wenn sie uns oft verborgen sind. Denn Gott handelt nicht aus Freude an Veränderungen, als höbe er zum Spiel einen Menschen in die Höhe, um ihn gleich nachher wieder fallen zu lassen, sondern die Verkehrtheit der Menschen bringt alles in Verwirrung, weil keiner das Verfügungsrecht Gottes über einen jeglichen anerkennen will. Vollends wer über die anderen hervorragt, behandelt oft nicht nur seinen Nächsten mit Verachtung und Grausamkeit, sondern stellt sich auch trotzig gegen Gott, dem er doch verdankt, was er ist. Damit wir also an Tat­sachen lernen, daß Gott über alles Hohe in der Welt erhaben ist und daß seine Herrschaft sich über die ganze Welt erstreckt, werden die einen hoch zu Ehren gebracht, die anderen aber von ihrem Thron heruntergesetzt oder fallen in jähem Sturz. Wenn wir sehen, wie die Herren dieser Erde in maßloser Selbstverblen­dung sich der Schwelgerei ergeben, wie sie sich im Obermut brüsten und vom Glück trunken sind, wundern wir uns nicht darüber, daß der Herr solche Un­dankbarkeit nicht ertragen kann und daß die, die er in die Höhe gehoben hat, daher meistens nicht lange in der Höhe bleiben. Außerdem blendet der Glanz der Könige und Herren die Augen der Leute, so daß nur wenige bedenken, daß über ihnen noch ein Gott in der Höhe wohnt. Trügen die Fürsten von Geburt an das Zepter und wären die irdischen Reiche von ewiger Dauer, dann möchte die Erkenntnis Gottes und seiner Vorsehung gar bald aus dem Gesichtskreis der Menschen verschwinden. Dadurch, daß der Herr die Demütigen erhöht und den Stolz der Welt zum Spott macht, gewöhnt er die Seinen, still und bescheiden ihren Weg zu gehen. Jetzt begreifen wir, weshalb Maria sagt, Gott stoße die Gewaltigen vom Thron und erhebe die Schwachen. Sie will nämlich zeigen, daß die Welt nicht durch den blinden Drang des Zufalls bewegt werde, sondern daß aller Wechsel, den wir sehen, unter der Vorsehung Gottes steht; daß Gott zu­gleich nach seiner wunderbaren Güte maßhält in seinen Gerichten, wenn wir glauben, daß durch dieselben die ganze Ordnung der Welt umgekehrt werde. Noch deutlicher geht dies aus den folgenden Worten hervor (V. 53): „Die Hungri­gen füllt er mit Gütern und läßt die Reichen leer“. Denn hieraus erkennen wir, daß Gott mit gutem Grund Veränderungen stattfinden läßt, da die Reichen und Mächtigen in ihrer Sattheit sich alles anmaßen und Gott nichts übriglassen. Deshalb müssen wir uns fleißig hüten, in guten Tagen uns nicht zu überheben. Hüten sollen wir uns auch davor, das Fleisch zu sehr zu pflegen, damit uns Gott nicht plötzlich nackt ausziehe. Den Gläubigen aber, die ihrer Bedürftigkeit ein­gedenk wie Hungernde zu Gott seufzen, fließt reicher Trost zu aus dieser Wahr­heit: Er füllt die Hungrigen mit Gütern. V. 54. „Er hilft seinem Diener Israel auf.“ In diesem letzten Teil ihres Liedes wendet Maria das zuvor im allgemeinen Gesagte auf ihre besondere Lage an. Der Gedanke ist, Gott habe jetzt die den Vätern geschehene Heilsverheißung erfüllt. In dem Ausdruck aufhelfen liegt ein schönes Bild: Der Zustand des Vol­kes war so heruntergekommen, daß nach dem äußeren Augenschein keine Hoff­nung auf Wiederherstellung war. Aber ihm wird aufgeholfen, weil Gottes aus­gereckte Hand den am Boden Liegenden aufrichtete. Der Gottesdienst war auf alle mögliche Weise verdorben, die öffentliche Predigt fast in allen Stücken entstellt, die Leitung der Kirche war mehr als unordentlich, schreckliche Roheit führte das Ruder. Die öffentlichen Zustände waren völlig aus den Fugen gegan­gen, Roms Krieger und Herodes hatten den Leib des Volkes wie wilde Tiere zerfleischt. Um so herrlicher war die Erneuerung, die man unter solchen zer­rütteten Verhältnissen doch nicht zu erhoffen wagte. Das Wort, das wir mit „Diener" übersetzen, bedeutet in der Grundsprache auch „Sohn"; doch scheint die entere Bedeutung an unserer Stelle passender zu sein. Israel heißt hier und häufig in der Schrift Gottes Knecht, weil Gott es unter seine Hausgenossen aufgenommen hatte.

„Er denkt der Barmherzigkeit.“ Maria gibt den Grund an, weshalb sich der Herr des dem Untergang nahen Volkes angenommen, oder besser: weshalb er das schon zusammengebrochene Volk aufgerichtet hat: er wollte durch diese Errettung einen Beweis seiner Barmherzigkeit liefern. Ausdrücklich erklärt sie, Gott habe der Barmherzigkeit gedacht, weil es so aussah, als habe er ihrer ver­gessen, da er zugab, daß sein Volk so jämmerlich zerschlagen wurde. In der Schrift werden an verschiedenen Stellen Gott Empfindungen zugeschrieben, wie sie die Menschen aus ihren Erfahrungen glauben entnehmen zu dürfen. So heißt es, daß Gott zürne oder gnädig sei. Weil jedoch der Menschengeist Gottes Erbarmen nur so weit begreift, als er es durch sein Wort bezeugt und anbietet, so erinnert Maria sich und die anderen an die Verheißungen und zeigt, wie Gott dieselben treu und beständig halte (V. 55). Wir könnten seiner väterlichen Güte gar nicht versichert sein, wenn nicht das Wort, durch das er sich uns verbunden hat, unseren Gedanken zu Hilfe käme und gleichsam als Bindeglied unser Heil unauflöslich mit der Güte Gottes verknüpfte: darum wird auch Gott in der Schrift gnädig und wahrhaftig genannt: In den Worten der Maria liegt auch der Gedanke, der Bund Gottes mit den Vätern sei ein Gnadenbund gewesen. Denn die grundlose Barmherzigkeit gilt ihr als Quelle des einst versprochenen Heils. Daraus sehen wir, daß Maria in der Schrift und ihrem rechten Verständnis wohl bewandert war. Wohl war die Erwartung des Messias damals allgemein, aber bei nur wenigen gründete sich der Glaube auf ein so klares Schriftverständnis.

V. 55. „Abraham und seinen Kindern ewiglich.“ Maria will nicht nur angeben, wer jene Väter waren, zu denen Gott geredet hat, sondern sie dehnt die Gültig­keit und Wirkung der Verheißung auf alle Nachkommen aus, soweit sie nur wahrer Same Abrahams sind. Daraus folgt, daß hier von dem feierlichen Bund die Rede ist, der mit Abraham und seinem Haus besonders geschlossen war. Denn die übrigen Verheißungen, die Abraham, Noah und anderen gegeben waren, bezogen: sich auf alle Völker ohne Unterschied. Wie nun viele, die nach dem Fleisch Abrahams Kinder waren, wegen ihres Unglaubens des Erbes beraubt und als entartete Kinder ausgestoßen wurden, so werden wir, die wir weiland Fremde waren, durch den Glauben dem Haus Abrahams eingepflanzt und als wahrer Same gerechnet. Wir lernen also ein Doppeltes: einmal, daß Gott zu den Vätern so geredet hat, daß sich die jenen dargereichte Gnade auch auf die Nach­kommen erstreckt; dann, daß durch den Glauben alle Völker an der Verheißung teilhaben, so daß die, die von Natur nicht vom Haus Abrahams waren, dennoch geistlich seine Kinder sind. Der kurze Inhalt der Geschichte ist, daß Gott die Geburt des Johannes durch mannigfaltige Wunder auszeichnete, die etwas Großes und Außerordentliches von dem Kind in Zukunft erwarten ließen. Denn der Herr wollte ihn von Kin­desbeinen an mit besonderen Kennzeichen versehen, damit er nicht später als ein Unbekannter, ab ein Mensch wie jeder andere, in das Amt des Propheten eintrete. Lukas erzählt zunächst, Maria sei drei Monate bei ihrer Verwandten geblieben, nämlich bis an den Tag der Geburt des Kindes. Sie hat wohl nur deshalb so lange verweilt, damit sie mit ihren Augen die Gnade Gottes sähe, von der der Engel mit ihr zur Stärkung ihres Glaubens gesprochen hatte.

 


Aus: Johannes Calvins Auslegung der Evangelien-Harmonie. 1. Teil, hrg. Otto Weber, Neukirchener Verlag, 1966, S. 33, 42ff.