Christnacht - Matthäus 1,1-25: Das Heil kommt von den Juden

von Johannes Calvin

"... Wir sollen in der Aufzählung des Matthäus Gottes Bund erkennen, durch den er den Samen Abrahams sich zum Volk er­wählte"

Matthäus 1,1 Dies ist das Buch von der Geburt Jesu Christi, der da ist ein Sohn Davids, des Sohnes Abrahams.

Über diese beiden Geschlechtsregister, die von Matthäus und Lukas überliefert sind, sind sich nicht alle Gelehrten einig. Wir müssen daher zuerst prüfen, ob sie beide den Stammbaum Christi von Joseph ableiten oder ob dies nur Matthäus tut, Lukas aber den der Maria bietet. Die dies letztere annehmen, haben in den verschieden überlieferten Namen einen blendenden Vorwand für ihre Unter­scheidung, und auf den ersten Blick ist nichts weniger wahrscheinlich, als daß hier ein und derselbe Stammbaum erzählt wird, weil Lukas so sehr von Matthäus abweicht. Denn er nennt von David bis auf Sealthiel und von Serubabel bis Joseph andere Namen. Sodann führen sie ins Feld, es wäre doch unvernünftig gewesen, soviel Mühe in eine nicht notwendige Sache zu stecken, daß nämlich das Geschlecht des Joseph, zumal er nicht einmal der Vater Christi war, zweimal aufgeführt wurde. Was soll, so fragen sie, diese Wiederholung, durch die nichts bewiesen wird, was erheblich zur Erbauung des Glaubens dient? Denn wenn nur das erkennbar wird, daß Joseph aus den Nachkommen und der Familie Davids stammt, bleibt ja die Abstammung Christi immer noch zweifelhaft. So wäre es ihrer Meinung nach überflüssig gewesen, wenn zwei Evangelisten sich um diesen Stammbaum bemüht hätten. Daß aber Matthäus Jesus auf Joseph zurückführt, entschuldigen sie damit, er habe es für die vielen getan, die Joseph für den Vater Christi hielten. Matthäus aber hätte auf lächerliche Weise damit einen gefährli­chen Irrtum unterstützt, und der Zusammenhang widerlegt diese Annahme.
Denn sobald er das Geschlechtsregister abgeschlossen hat, lehrt Matthäus, Chri­stus sei von der Jungfrau durch die geheime Kraft des Geistes und nicht aus dem Samen des Joseph empfangen worden. Hätten also jene Ausleger recht, müßte man Matthäus der Torheit und Unbedachtheit zeihen. Noch nicht erledigt aber ist ihr Einwand, das Geschlechtsregister des Joseph habe nichts mit Christus zu tun. Allgemein bekannt ist die Antwort, die Abstammung der Maria sei in der des Joseph mitüberliefert, weil das Gesetz befahl, ein jeder solle eine Frau aus seinem Stamm heiraten. Jene erwidern freilich, dies Gesetz sei die meisten Jahr­hunderte hindurch unbeachtet geblieben. Aber sie stützen sich für diese Behaup­tung auf armselige Argumente. So darauf, daß die elf Stämme durch Eid gelobt hätten, den Benjaminiten keine Frauen zu geben. Wäre dies ohnehin vom Gesetz verboten gewesen, so argumentieren sie, so hätte es doch eines neuen Eides nicht bedurft. Meiner Meinung nach aber verallgemeinern sie unrichtig und unbedacht eine besondere Vorschrift. Durch den Untergang eines Stammes wurde notwendi­gerweise das ganze Volk verstümmelt, wenn man nicht einen außerordentlichen Ausweg fand. Daß in dieser Lage dieser Ausweg verboten wurde, heißt noch nicht, daß er sonst allgemein erlaubt war. Aber jene werfen ferner ein, Maria, die Mutter Christi, sei mit Elisabeth verwandt gewesen, wie Lukas vorher be­zeugt. Elisabeth aber gehörte zu den Töchtern Aarons. Hier ist die Antwort leicht: den Töchtern Judas wie denen anderer Stämme war es erlaubt, in einen priesterlichen Stamm einzuheiraten. Denn jenes Gesetz wollte nur verhindern, daß eine Ehefrau ihr Erbe einem anderen als ihren Stammesgenossen einbrachte. So war es weder verwunderlich noch ungewöhnlich, wenn die Mutter der Elisa­beth einem Priester angetraut wurde. - Nun kann man aber weiterhin annehmen, Maria würde zum Stamm des Joseph gerechnet, weil sie seine Ehefrau war. Wem daher die bisherige Beweisführung nicht genügt, dem gestehe ich zu, daß man sie auch noch nicht aus dem bloßen Text, so wie er hier steht, entnehmen könnte, kämen nicht andere Umstände hinzu:
Erstens muß man bedenken, daß die Evangelisten von Dingen, die ihrer Zeit bekannt waren, redeten. Wenn sie das Geschlecht des Joseph bis auf David zu­rückführten, so war für jedermann damit klar, daß er diesem Stammbaum auch die Herkunft der Maria entnehmen konnte. Zweifellos verließen sich die Evan­gelisten auf die allgemeine Kenntnis dieser Zusammenhänge in ihrer Zeit und forschten schon darum nicht weiter. Wer wirklich daran zweifelte, konnte schnell und einfach die Sache untersuchen. Die Evangelisten aber wußten von Joseph, daß er ein rechtschaffener und ehrbarer Mann war, der seine Frau nach Vor­schrift des Gesetzes nur aus der eigenen Familie genommen hatte. Freilich genügt das allgemeine Gesetz noch nicht zum Nachweis der königlichen Herkunft der Maria: sie konnte aus dem Stamm Juda sein und dennoch nicht aus der Linie von David stammen. Deshalb bin ich dennoch der Meinung, daß die Evangelisten mit der Einsicht frommer Menschen in diesen Fragen keinen Streit suchten, son­dern in der Person des Joseph auch das Geschlecht der Maria sahen, zumal dies ihrer Zeit selbstverständlich war. Es konnte aber auch unglaublich scheinen, daß diese armen und verachteten Eheleute zu den Nachkommen Davids zählten und zu dem königlichen Samen, aus dem der Erlöser kommen sollte. Wenn nun je­mand fragt, ob das Geschlechtsregister, wie es von Matthäus und Lukas überlie­fert wird, klar und eindeutig darlegt, daß Maria aus dem Geschlecht Davids stammt, dem gestehe ich zu, daß man dies nicht mit Sicherheit schließen kann. Aber weil damals die Verwandtschaft der Maria und des Joseph nicht verborgen war, waren die Evangelisten in dieser Frage sicherer. Ihnen ging es beiden um die Beseitigung des Anstoßes, der darin bestand, daß Joseph wie Maria unbekannt, verachtet und arm waren, so daß man in ihnen nichts Königliches erblicken konnte.
Zweitens: Wer bei Lukas das Geschlechtsregister der Maria unter Übergehung des Joseph zu lesen meint, kann ohne Mühe widerlegt werden. Lukas schreibt wörtlich: Jesus ward gehalten für einen Sohn Josephs, des Sohnes Elis, des Sohnes Matthats etc. Er erwähnt also weder den Vater noch den Großvater Christi, sondern redet deutlich von der Herkunft des Joseph. Ich weiß, womit man diesen Knoten lösen will: Sohn stehe hier für Schwiegersohn. Joseph sei also der Sohn des Eli, weil er dessen Tochter zur Frau habe. Das aber spricht gegen die Naturordnung und hat auch kein Schriftbeispiel für sich. Ist aber aus dem Stammbaum der Maria Salomo ausgeschlossen .(so scheinbar Lukas), hört Christus auf, Christus zu sein. Denn was von seinem Geschlecht berichtet wird, ist alles in jene Verheißung gegründet: „Auf deinem Thron wird dein Nachfolger sitzen, der ewiglich regieren wird. Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein“ (2. Sam. 7,13.14; Ps. 132,11). So ist aber unbestritten Salomo das Abbild jenes ewigen Königs, der David verheißen ist. Und auf Christus paßt jene Ver­heißung nur, soweit sie durch Salomo vorgezeichnet ist. Wenn nun das Geschlecht Christi nicht über Salomo führt, wie und mit welcher Begründung kann er dann Sohn Davids genannt werden? Wer daher Salomo aus dem Geschlechtsregister Christi streichen will, der streicht und zerstört damit auch die Verheißungen, an denen der Davidssohn erkannt werden muß. Auf welche Weise Lukas das Ge­schlechtsregister über Nathan führen kann und doch Salomo nicht übergehen muß, wird später deutlich werden.
Obgleich nun beide Geschlechtsregister nach meiner Darstellung in der Haupt­sache übereinstimmen, zeigt sich doch in vier Stücken ein Unterschied. Der erste ist, daß Lukas rückwärts, vom letzten zum ersten vorgeht, während Matthäus am Anfang anfängt. Zweitens dehnt Matthäus seine Reihe nicht über das er­wählte und heilige Geschlecht Abrahams hinaus aus, während Lukas die seinige bis auf Adam verfolgt. Drittens bringt Matthäus ein Geschlechtsregister, wie es dem Gesetz entsprach; er nimmt sich die Freiheit, einige Namen auszulassen, und zählt nur dreimal 14 Glieder, um dem Gedächtnis der Leser aufzuhelfen. Vier­tens endlich reden sie von denselben Menschen und bringen doch verschiedene Namen.
Die zuerst genannte verschiedene Reihenfolge birgt keine Schwierigkeiten in sich. Der Rückgang auf Abraham bzw. Adam hat guten Grund. Gott hatte sich das Geschlecht des Abraham erwählt. Aus ihm sollte der Erlöser der Welt kom­men. Die Heilsverheißung war gewissermaßen in dies Geschlecht eingeschlossen bis zum Kommen Christi; Matthäus geht also nicht hinaus über die von Gott ge­setzten Schranken. Ebenso nennt Paulus (Rom. 15,8) Christus einen „Diener der Beschneidung, zu bestätigen die Verheißungen, die den Vätern gegeben sind“. Übereinstimmend sagt Jesus (Joh. 4,22): „Das Heil kommt von den Juden.“ Matthäus will daher in seinem heiligen Stammbaum den anschaulich machen, der eigentlich seine Bestimmung ist. Wir sollen in der Aufzählung des Matthäus Gottes Bund erkennen, durch den er den Samen Abrahams sich zum Volk er­wählte und ihn von den übrigen Völkern wie durch einen Zaun trennte. Lukas dagegen sieht noch weiter: Obgleich Gott durch seinen Bund mit Abraham den Erlöser besonders seinem Geschlecht verheißen hat, wissen wir doch, daß nach dem Fall des ersten Menschen alle ihn brauchen, wie er denn auch schließlich für die ganze Welt bestimmt war. Durch Gottes wunderbaren Ratschluß hat Lukas uns Christus als Adams Sohn dargestellt, Matthäus schloß ihn allein in die Familie des Abraham. Denn Christus als Heilsbringer würde uns nichts nützen, wäre er nicht ohne Unterschied allen gegeben. Außerdem wäre das Wort des Apostels nicht wahr (Hebr. 13,8): „Jesus Christus gestern und heute und in Ewigkeit“, wären nicht seine Kraft und Gnade für alle Zeiten vom Beginn der Schöpfung an ausgegossen. Wir wissen also, daß in Christus der ganzen Mensch­heit das Heil zugänglich gemacht und dargeboten ist, weil er hier nicht ohne Grund Sohn des Noah und Sohn Adams genannt wird. Wir sollen ihn aber in Gottes Wort suchen. Darum ruft uns der Geist nicht zufällig durch einen anderen Evangelisten zurück zum Geschlecht Abrahams, dem der Schatz ewigen Lebens ebenso wie Christus lange Zeit anvertraut war.
Kommen wir zum dritten Unterschied. Ohne Zweifel bringt Matthäus eine an­dere Reihenfolge als Lukas. Der eine läßt auf David Salomo, der andere Nathan folgen. Daraus geht deutlich hervor, daß es sich um verschiedene Linien handelt. Diese Schwierigkeit lösen gute und erfahrene Ausleger mit der Erklärung, Matthäus weiche von der „natürlichen“ Reihenfolge des Lukas ab, um die dem Gesetz ent­sprechende Abstammung darzustellen. Unter dieser verstehe ich, daß das Herr­schaftsrecht schließlich auf Sealthiel überging. Euseb nennt im ersten Buch seiner Kirchengeschichte umgekehrt die Genealogie des Lukas die dem Gesetz ent­sprechende, meint aber im Grunde das gleiche: auch er will zeigen, daß die Macht, die in der Person des Salomo aufgerichtet war, rechtmäßig auf Sealthiel über­ging. Aber es ist richtiger und besser, die Ordnung des Matthäus als dem Gesetz ent­sprechend zu bezeichnen, die Salomo nach David nennt ohne Rücksicht auf die fleischliche Abstammung Christi, sondern im Blick darauf, wie Christus von Sa­lomo und den anderen Königen abstammte, daß er ihr rechtmäßiger Nachfolger war, in dessen Hand das ewige Reich nach Gottes Bund aufgerichtet wurde.
Sodann stoßen sich viele daran, daß die Namen der beiden Listen so vielfach voneinander abweichen. Denn von David bis auf Joseph stimmen die beiden Evangelisten nirgends außer bei Sealthiel und Serubabel überein. Man pflegt diese Unterschiede im allgemeinen damit zu entschuldigen, daß die Juden meist zwei Namen trugen. Diese Erklärung allein wird schwerlich genügen. Aber da uns bis heute unbekannt blieb, auf welche Weise die Liste des Matthäus geführt und zusammengestellt wurde, ist es auch nicht verwunderlich, daß wir nicht mehr fest­stellen können, wieweit die beiden Evangelisten in den einzelnen Personen über­einstimmen oder voneinander abweichen. Dennoch steht außer Zweifel, daß sie vom babylonischen Exil ab mit verschiedenen Namen die gleichen Personen be­zeichnen. Sealthiel und Serubabel aber nennen beide gleich, um den Wendepunkt in der Lage des Volkes zu bezeichnen, weil damals die königliche Herrscher­würde erloschen war. Weil aber ein schwacher Schatten dieser Herrschaft übrig­geblieben war, wurde die Veränderung deutlich und ermahnte die Gläubigen, auf ein herrlicheres Reich als das sichtbare Reich des Salomo zu hoffen, das doch nur kurze Zeit geblüht hatte.
Es sollte nicht befremden, daß Lukas in seiner Aufzählung mehr Namen als Matthäus hat. In einem „natürlichen“ Stammbaum stehen gewöhnlich mehr Namen als in einem „Rechtsstammbaum“. Hinzu kommt noch, daß Matthäus das Register in drei Teile mit je 14 Gliedern zerlegen wollte und sich darum die Freiheit nahm, einzelne Namen zu übergehen, die Lukas deswegen doch nicht auszulassen brauchte, weil er eine solche Einteilung nicht vorgesehen hatte.
Damit habe ich vom Geschlechtsregister Christi gesagt, was im ganzen zu wissen mir nützlich erschien. Plagt jemanden die Neugier noch mehr, so gedenke ich dagegen der paulinischen Mahnung und ziehe Nüchternheit und Mäßigkeit armseligen und nichtsnutzigen Argumenten vor: Tit. 3,9 verbietet uns, Ge­schlechtsregistern allzu eifrig nachzuforschen. Beachtenswert erscheint nur noch, warum Matthäus das ganze Geschlechtsregister Christi in drei Teile mit je 14 Glie­dern eingeteilt hat. Wer sagt, er habe dies zur Stärkung seiner Leser gemacht, sagt weder alles noch gar nichts. Natürlich prägt sich eine solche dreigeteilte Auf­zählung besser ein. Aber Matthäus wollte darüber hinaus auch die drei verschiede­nen Perioden der israelitischen Geschichte bezeichnen, die zwischen der Verheißung Christi an Abraham und der Erfüllung verlaufen: bis zur Zeit Davids besaß der Stamm Juda bei aller seiner hervorragenden Stellung doch keine eigentliche Herrschaft über die anderen Stämme. In Davids Person wurde dann unverhofft die königliche Herrschermacht aufgerichtet, die bis Jechonja währte. Von da ab blieb dem Stamm Juda wieder nur jene Würde, an der sich bis zum Kommen des Messias fromme Gemüter im Glauben aufrichten konnten.

V. 1. “Dies ist das Buch von der Geburt Jesu Christi.“ Die Überschrift begreift nicht etwa das ganze Buch des Matthäus unter sich, sondern „Buch"“bedeutet hier soviel wie Aufzählung oder Register. Die Überschrift bezieht sich also nur auf den ihr nachfolgenden Stammbaum Christi. Matthäus nennt Christus Sohn Abrahams und Davids im Blick auf die Verheißungen, weil Gott Abraham einen Sohn verheißen hatte, in dem alle Völker gesegnet werden sollten (Gen. 12,3). Noch deutlicher war die Verheißung an David gewesen, das Reich werde ewiglich bei seinem Haus bleiben, und solange Sonne und Mond am Himmel leuchteten, werde ein König aus seinen Nachkommen auf dem Thron sitzen (Ps. 72,5.7; 89,29). Daher war es bei den Juden Brauch geworden, Christus Davids Sohn zu nennen.

V. 2. „Jakob zeugte Juda und seine Brüder“: Während Matthäus Ismael, Abrahams Erstgeborenen, mit Stillschweigen übergeht und ebenso Esau, dem von Natur der Platz vor Jakob zukam, fügt er mit Recht die zwölf Patriarchen in den Stammbaum ein, da sie alle aus Gottes Gnade zu Kindern angenommen waren. Er will dadurch andeuten, daß das in Christus verheißene Heil nicht den Stamm Juda allein angehe, sondern allen Kindern Jakobs gehöre, die Gott unter Aus­schluß von Ismael und Esau zu seiner Gemeinde versammelt hatte.

V. 3. „Juda zeugte Perez und Serab von der Thamar.“ Dies ist das Vorspiel jener Erniedrigung und Entäußerung, von der Paulus redet (Phil. 2,7). Der Sohn Gottes hätte sein Geschlecht rein erhalten und vor jedem Makel bewahren kön­nen. Wie er aber in die Welt kam, um sich selbst zu entäußern, Knechtsgcstalt an­zunehmen, ein Wurm zu werden und kein Mensch, ein Spott der Leute und Ver­achtung des Volks (Ps. 22,7) und endlich den verfluchten Tod am Kreuz zu leiden, so hat er sich auch gegen diesen Flecken in seinem Stammbaum nicht ge­wehrt, daß der, der sein Vorfahre werden sollte, aus dem Ehebruch geboren wurde. Denn obwohl Thamar nicht aus Sinneslust ihren Schwiegervater ver­führte, versuchte sie doch, auf verbotene Weise ihr angetanes Unrecht zu rächen. Juda gab seiner Begierde nach und vergriff sich an seiner Schwiegertochter. Aber die unvergleichliche Güte Gottes kämpfte gegen die Sünde dieser beiden, damit dennoch dieser ehebrecherische Same einst das Königszepter erhalten sollte.

V. 6. „Jesse zeugte den König David“: Nur bei David wird der Königstitel er­wähnt, denn Gott hatte ihn zum Abbild des Messias und kommenden Führers bestimmt. Das Königtum hatte zwar mit Saul begonnen. Weil es aber durch Aufruhr und unrechtmäßige Wünsche des Volkes zustande gekommen war, gilt es erst seit seiner Übertragung auf David als rechtmäßig, besonders soweit man den Bund Gottes in Betracht zieht, in dem er verheißen hatte, er wolle ewiglich der Führer der Seinen sein. Als das Volk das Joch des Herrn abgeschüttelt und sich trotzig einen König gefordert hatte, wurde ihm Saul für kurze Zeit zuge­standen (1. Sam. 8,5). Aber Gott errichtete alsbald sein Reich in der Hand Da­vids, daß es ein Unterpfand wahrer Seligkeit würde. Hier ist jene glückliche Verfassung des Volkes gemeint, wie Gott sie gewollt hat. Inzwischen aber er­wähnt der Evangelist jene menschliche Schande, die ausreichte, die ganze Herr­lichkeit jenes göttlichen Segens zu entstellen und zu beflecken, daß nämlich David Salomo gezeugt habe mit Bathseba, der dem Gatten frevelhaft entrissenen Frau, die David nur dadurch in seinen Besitz brachte, daß er den unschuldigen Gatten treulos dem Mordschwert der Feinde überlieferte. Dieser böse Flecken an den Anfängen des Königreichs mußte den Juden jeden Ruhm nach der Weise des Fleisches nehmen. Gott aber wollte so bezeugen, daß kein Verdienst von Men­schen ihn bewogen habe, jenes Reich aufzurichten. In der Reihenfolge der Könige hat Matthäus drei Namen ausgelassen, wie die heilige Geschichte beweist. Nur hat er es kaum aus Vergeßlichkeit getan oder weil diese drei nicht wert gewesen wären, auf der Geschlechtstafel Christi gezählt zu werden - letzteres würde ja auch auf andere zutreffen, die Matth. unbedenklich neben frommen und heiligen Königen nennt -, es ist vielmehr richtiger zu sagen, daß der Evangelist eine Liste von 14 Königen aufstellen wollte und keinen Wert darauf legte, alle Könige auf­zuzählen. Sein Ziel war, den Lesern den Zusammenhang des Stammbaumes bis zum Ende des Reiches vorzuführen. Daß der letzte Abschnitt bei Matthäus, von der Gefangenschaft bis auf Christus, nur dreizehn Namen nennt, wird wohl durch Nachlässigkeit der Abschreiber geschehen sein.

V. 12. „Nach der babylonischen Gefangenschaft.“ Der Evangelist erinnert an die Zeit, in der die Juden in Gefangenschaft geschleppt und Davids Nachkom­men aus Königen Knechte und Verbannte wurden. Jene Gefangenschaft schien den Untergang des Volkes zu bedeuten, aber durch die wunderbare Fürsorge Gottes geschah es, daß nicht nur die Juden wieder zu einem Ganzen verschmol­zen, sondern daß auch noch einige Überreste des alten Vorrangs dem Haus Da­vids erhalten blieben. Denn die aus der Fremde Heimgekehrten gehorchten aus freien Stücken Serubabel. Bis kurz vor der Ankunft Christi blieben wenigstens etliche Trümmer des zerbrochenen Königszepters erhalten gemäß der Weissagung Jakobs (Gen. 49,10): „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen, bis daß der Held komme.“ In dieser wahrlich elenden und traurigen Zerstreuung des Volkes hörten dennoch die Funken göttlicher Gnade nicht auf zu strahlen.

V. 16. „Jesus, der da heißt Christus.“ Durch den Beinamen deutet Matthäus auf das Amt Jesu. Die Leser sollen wissen, daß Jesus nicht ein Mensch wie jeder andere war, sondern der von Gott gesalbte Erlöser. Was das Wort Christus betrifft, so ist zu beachten, daß man nach der Zerstörung des Reiches anfing, diesen Namen ausschließlich für den verheißenen Einen zu gebrauchen, der die völlige Wieder­herstellung des verlorenen Heils bringen sollte. Denn solange die Herrschaft oder doch ein Rest von Herrschaft dem Geschlecht Davids verblieb, pflegte man die Könige „Gesalbte“ zu nennen. Später aber, damit die Gläubigen nicht über der eingetretenen Verwüstung verzweifelten, hat Gott es so gefügt, daß jener Name allein dem Erlöser beigelegt wurde, wie aus Dan. 9,25 erhellt. Die evang. Ge­schichte zeigt überall, daß in den Tagen der Offenbarung des Sohnes Gottes im Fleisch diese Anwendung des Namens Christus die im Volk verbreitete war.


Matthäus 1,18-25
18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber also. Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, erfand sich`s, ehe er sie heimholte, daß sie schwanger war von dem heiligen Geist. 19 Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sich nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. 20 Indem er aber also gedachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, dein Gemahl, zu dir zu nehmen; denn das in ihr geboren ist, das ist vom heiligen Geist. 21 Und sie wird einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. 22 Das ist aber alles geschehen, auf daß erfüllt würde, was der Herr durch die Propheten gesagt hat, der da spricht (Jes. 7,14): 23 „Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären und sie werden seinen Namen Immanuel heißen“, das ist verdolmetscht: Gott mir uns. 24 Da nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm des Herrn Engel befohlen hatte, und nahm sein Gemahl zu sich. 25 Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und hieß seinen Namen Jesus.

V. 18. „Die Geburt Jesu Christi ...“: Matthäus erzählt noch nicht, wo und wie Christus geboren wurde, sondern wie seine wunderbare Zeugung Joseph kund­wurde. Wenn wir hier lesen: es erfand sich, daß Maria schwanger war von dem Heiligen Geist, so bedeutet das nicht, daß das geheimnisvolle Werk Gottes nun allgemein bekanntgeworden wäre. Der Evangelist weist vielmehr hin auf die Kraft des Geistes, die bisher vor Menschenaugen verborgen war. Sorgfältig gibt er die Zeit an: als sie Joseph vertraut war, aber ehe er sie heimholte. Denn so­bald eine Jungfrau einem Mann verlobt war, galt sie nach jüdischer Sitte vom Tag des Verlöbnisses an als seine rechtmäßige Gattin, und sie wurde durch das Gesetz als Ehebrecherin verurteilt, wenn sie nach Eingehung des Verlöbnisses das Gebot der Keuschheit übertrat. In der Zeit, von der Matthäus redet, war die Jung­frau noch nicht in die Hände des Mannes übergeben, sondern lebte noch unter elterlicher Hut.

V. 19. „Joseph war fromm.“ Man hat wohl gemeint, Joseph habe ebendeshalb, weil er fromm oder gerecht war, die Gattin schonen wollen: dann wäre Gerech­tigkeit so viel wie Menschlichkeit, ein zur Milde geneigter Sinn. Besser wird es aber sein, den Satz so zu erklären: Joseph war zwar gerecht oder fromm; den­noch war er erschüttert von dem Ruf seiner Gattin. Seine Gerechtigkeit bestand in dem Haß gegen das Böse, und weil er Maria des Ehebruchs für verdächtig hielt, wollte er solcher Freveltat nicht noch durch seine Nachsicht Vorschub leisten. Denn zu der Unkeuschheit der Gattin schweigen, heißt sie erst recht begünstigen. Vor dieser Sünde der Begünstigung scheut nicht nur jeder ehrenhafte Mensch zu­rück, sondern auch die Gesetze brandmarken solche Unachtsamkeit. Weil Joseph die Gerechtigkeit liebte, haßte er die Sünde, die er bei Maria zu sehen glaubte. Weil er aber ein zur Menschlichkeit und Nachsicht bereites Herz besaß, wollte er auch nicht nach der höchsten Strenge des Gesetzes handeln. Der beste und am wenigsten auffällige Weg schien ihm zu sein, wenn er heimlich wegginge und an einen anderen Ort zöge. Daraus erkennen wir, daß Joseph nicht aus Feigheit oder falscher Liebe unter dem Vorwand der Barmherzigkeit die Sünde durch Stillschweigen begünstigte; zugleich aber verzichtete er darauf, nach dem stren­gen Recht zu verfahren und die Gattin vor Gericht ehrlos zu machen. Unzwei­felhaft ist er durch eine verborgene Wirkung des Heiligen Geistes zurückgehalten worden. Wir wissen, wie Eifersucht blind ist und den Menschen mit Gewalt hin­reißt. Selbst wenn Joseph einen allzu heftigen Ausbruch unterdrückt hätte, mußte Gott doch auf wunderbare Weise alle die Gefahren abwenden, die seinem Ent­schluß, die Heimat zu verlassen, gefolgt wären. Ähnlich beurteile ich das Schwei­gen Marias. Zugegeben, daß sie aus Schamgefühl ihrem Mann verheimlicht hat, daß sie schwanger war von dem Heiligen Geist, so ist sie doch mehr durch die Fürsorge Gottes als durch eigenen Entschluß zurückgehalten worden. Denn hätte sie etwas von diesem so unglaublichen Erlebnis verlauten lassen, müßte nicht Joseph geglaubt haben, man treibe seinen Spott mit ihm? Würde nicht jeder­mann darüber gelacht haben? Wäre aber die Botschaft des Engels schon alsbald nach dem Erlebnis ergangen, so hätte sie ein gut Teil ihres Eindrucks eingebüßt. Daher ließ der Herr es zu, daß sein Knecht aus Unkenntnis zu einem verkehrten Urteil gelangte, um ihn selbst durch sein Wort auf den rechten Weg zurückzu­führen. Aber nicht nur seinetwegen, sondern fast mehr noch um unsertwillen ist solches geschehen: auf alle Weise wollte Gott verhindern, daß sich irgendein böser Verdacht an die Joseph gewordene Offenbarung setzte. Wenn der Engel zu Joseph kommt, bevor dieser etwas von der ganzen Sache weiß, dann fällt jeder Grund fort für die häßliche Unterstellung, er sei nicht mehr unbefangen gewe­sen, als Gott zu ihm redete. Er ist nicht bestrickt worden durch Schmeicheleien der Gattin, kein Drängen und Beschwören hat ihn bestimmt, von seiner ersten Mei­nung abzulassen, keinerlei sonstige Erwägungen haben ihn zu einer anderen Ab­sicht gebracht, sondern während noch der falsche Verdacht gegen seine Gattin an ihm haftete, hat sich Gott ins Mittel gelegt, damit Joseph für uns ein um so glaub­würdigerer Zeuge wäre, nämlich ein sozusagen vom Himmel her zu uns gesandter Zeuge. Wir sehen also, daß Gott durch den Engel seinen Knecht Joseph lehren wollte, damit er ein Herold himmlischer Dinge würde, nicht aber ein Erzähler dessen, was ihm Maria oder andere Menschen mitgeteilt hätten. Wenn man fragt, warum nicht mehreren dies Geheimnis kundgeworden ist, so ist es wohl deshalb geschehen, weil solch ein unvergleichlicher Schatz verborgen gehalten und nur Gottes Kindern offenbart werden sollte. Ferner liegt nichts Fremdes darin, daß der Herr hier wie so manchmal den Glaubensgehorsam der Seinen zu prüfen gedachte. Nur Böswillige und Widerspenstige werden nicht zufrieden sein mit den Zeugnissen, die uns über dies Stück unseres Glaubens reichlich Gewißheit geben. Aus ebendemselben Grund hat der Herr gewollt, daß Maria heiratete, damit die heilige Empfängnis der Jungfrau unter dem Schleier des Ehebundes verborgen bliebe, bis die rechte Zeit kommen würde, öffentlich davon zu reden.

V. 20.“ Indem er aber also gedachte...“: Hier sehen, wir, wie der Herr zur rechten Zeit und Stunde bei den Seinen ist, und lernen zugleich, daß er über uns wacht, auch wenn er unserer Sorgen und Ängste nicht zu achten scheint. Er hält sich zurück und wartet stille, bis er nach Bewährung unserer Geduld uns hilft zu der von ihm bestimmten Zeit. Obwohl wir seine Hilfe zuweilen für langsam und zögernd halten, ist der Aufschub doch heilsam. Es wird berichtet, daß der Engel Joseph im Traum erschien; wir haben es hier mit einer der beiden Offen­barungsweisen zu tun, die Num. 12,6.7 erwähnt werden, wo Gott spricht: „Ist jemand unter euch ein Prophet des Herrn, dem will ich mich kundmachen in einem Gesicht oder will mit ihm reden in einem Traum; aber nicht also mein Knecht Mose, mündlich rede ich mit ihm.“ Träume dieser Art dürfen wir nicht mit den gewöhnlichen, natürlichen Träumen verwechseln; sie tragen das Kenn­zeichen der Gewißheit in sich und werden von Gott besiegelt und befestigt, da­mit ja kein Zweifel an ihrer Wahrheit aufkomme. Die gewöhnlichen Träume pflegen sich aus den Gedanken zu ergeben, die uns tagsüber bewegten, aus der natürlichen Verfassung, aus leiblichem Unwohlsein und ähnlichen Ursachen. Die Träume aber, die Gott uns sendet, sind immer von dem Zeugnis des Heiligen Geistes begleitet, der uns versichert, daß Gott es ist, der mit uns redet.
„Sohn Davids, fürchte dich nicht.“ Diese Ermunterung des Engels beweist, daß Joseph fürchtete, er möchte sich durch Stilleschweigen zu dem Ehebruch seiner Gattin ihrer Sünde teilhaftig machen. Der Engel nimmt ihm daher die vorge­faßte Meinung, damit er ruhigen Gewissens mit seiner Frau zusammenlebe. Die Anrede als Sohn Davids ist diesem Zweck ganz angemessen. Sie soll seine Ge­danken auf jenes hohe Geheimnis hinlenken, daß aus der Familie, der er mit wenigen anderen angehörte, das der Welt verheißene Heil kommen werde. Als daher Joseph den Namen Davids hörte, seines Stammvaters, mußte er der herr­lichen Bundesverheißung von der Erneuerung des Reiches gedenken, um nichts Unerhörtes und Seltsames in dem zu finden, was ihm gesagt wurde. Durch dieses eine Wort stellt der Engel Joseph alle Weissagungen der Propheten vor Augen und macht damit sein Herz für die gegenwärtig angebotene Gnade empfänglich.

V. 21. „Des Namen sollst du Jesus heißen.“ Ober die Bedeutung des Namens ist schon im Vorigen das Nötige gesagt worden. Der Engel gibt den Grund an, weshalb der Sohn Gottes so genannt werden soll: „Er wird sein Volk retten.“ So empfing Gottes Sohn, als er im Fleisch zu uns kam, zugleich vom Vater einen Namen, aus dem deutlich wird, zu welchem Zweck er gekommen ist, worin seine Kraft besteht und was wir allein von ihm zu erhoffen haben. Die Wurzel näm­lich des Namens Jesus stammt von dem hebräischen Wort für retten. Auf he­bräisch wird der Name anders ausgesprochen: Josua. Aber die Evangelisten schrieben griechisch und folgten der damals geläufigen Aussprache. Die griechi­schen Übersetzer lasen in Mose wie in den anderen Büchern Josua als Jesus. Der Engel sagt noch genauer: er wird sein Volk retten „von ihren Sünden.“ Das bedeu­tet erstens, daß die in sich verloren sind, die zu retten Christus gesandt wird; denn er wird ausdrücklich Retter der Gemeinde genannt. Wenn aber auch die in Tod und Elend versunken sind, mit denen Gott den Bund geschlossen hat, bis Christus ihnen das Leben wiedergibt, was gilt dann erst von den Draußenstehenden, denen niemals eine Lebenshoffnung erschienen ist? Daß in Christus das Heil ist, bedeutet also, daß das ganze menschliche Geschlecht dem Untergang verfallen ist. Zugleich müssen wir auf die Ursache dieses Untergangs achten. Denn der himmlische Richter verurteilt uns nicht willkürlich und ohne Grund. Der Engel bezeugt, wir seien verloren und lägen in der Verdammnis, weil wir durch unsere Sünden von dem Leben geschieden sind. Daraus erkennen wir die Verdorbenheit und Verkehrtheit unserer Natur; schuldlose und zu rechtem Wan­del tüchtige Leute brauchten ja keinen Erlöser. Aber wir alle ohne Ausnahme bedürfen seiner Gnade. Folglich sind wir Knechte der Sünde und ermangeln der wahren Gerechtigkeit.
Hier lernen wir ferner, inwiefern Christus rettet, nämlich weil er uns von den Sünden erlöst. Diese Erlösung besteht in zwei Stücken. Vermöge der vollendeten Sühne bringt er uns die Vergebung aus Gnaden, die uns von dem Urteil des Todes befreit und mit Gott versöhnt; indem er uns zweitens durch seinen Geist heiligt, erlöst er uns von der Herrschaft Satans, damit wir der Gerechtigkeit leben. Deshalb wird der Retter Christus nicht eher wirklich erkannt, als bis wir lernen, im Glauben die Vergebung der Sünden aus Gnaden zu ergreifen, in der Gewißheit, daß wir vor Gott gerecht sind, weil wir los sind von der Schuld; dann aber sollen wir ihn bitten um den Geist der Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit, da wir auf unsere Werke und unsere Kraft kein Vertrauen setzen können. Der Engel nennt die Juden das Volk Christi, weil er ihnen zum Haupt und König verordnet war; weil jedoch in der Folgezeit die Heiden dem Geschlecht Abra­hams eingepflanzt werden sollten, erstreckt sich diese Heilsverheißung ohne Unterschied auf alle, die durch den Glauben zu dem einen Leib der Gemeinde hinzugetan werden.

V. 22. „Das ist aber alles geschehen...“: Die hier aus dem Propheten Jesaja (7, 14) angeführte Weissagung ist den Lesern bekannt. Aber die Juden haben sie verdreht und darin ebenso blinden, albernen wie ungerechten Haß gegen Chri­stus und die Wahrheit bezeugt. Viele ihrer Rabbinen nämlich bezogen die Weis­sagung auf den König Hiskia, der doch schon etwa 15 Jahre vorher geboren worden war. Was ist das für eine Gier zu lügen, in Verdrehung der Natur einen jungen Mann wieder in seiner Mutter Leib hineinzudenken, daß er mit 16 Jahren geboren werde, und dies alles nur, um das helle Licht zu verdunkeln! Aber das sind wahrlich würdige Feinde Christi, die Gott mit dem Geist der Verdrehung und Verstockung betört hat. Andere stellen sich unter dem Immanuel irgend­einen unbekannten Sohn des Ahas vor, der noch geboren werden soll. Aber ich frage, mit welchem Recht wäre er Immanuel und Weltenherrscher genannt wor­den, da er doch gewöhnlich und ohne Ehren sein Leben beendete? Denn wenig später verheißt Jesaja ebenjenem Knaben, wer auch immer er sein wird, die Weltherrschaft. Die Auslegung auf einen Prophetensohn ist nicht weniger lächer­lich, denn im folgenden Kapitel bekommt der erwartete Prophetensohn von Gott den Namen Raube-Bald Eile-Beute. Der Name bezeugt nur Kriegswüten und schreckliche Verwüstung. Fragen wir also nach dem ursprünglichen Sinn dieser Verheißung.
Als bei der Belagerung Jerusalems König Ahas zitterte und vor Furcht keinen Rat mehr wußte, wurde der Prophet zu ihm gesandt mit der Verheißung, Gott werde die Stadt behüten. Da die bloße Verheißung sein fassungsloses Herz nicht beruhigte, muß ihm der Prophet anbieten, irgendein Zeichen vom Himmel oder von der Erde zu fordern. Aber Ahas verbarg heuchlerisch seinen Unglauben und wies das angebotene Zeichen zurück. Darum dringt der Prophet noch stärker auf ihn ein und fügt endlich hinzu: Dann wird euch der Herr selbst ein Zeichen ge­ben: Siehe, eine Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären. Dieses von dem Messias Gesagte erklären wir folgendermaßen: Du, Haus Davids, suchst nach Kräften die dir verheißene Gnade unwirksam zu machen; niemals aber wird eure Untreue die Treue und Wahrheit Gottes aufheben. Gott will die Stadt vor dem Feinde retten und ist sogar bereit, wenn euch sein Wort nicht genügt, euch irgendein Pfand seiner Treue zu geben, welches ihr wünscht. Ihr weist sowohl sein Wort wie sein Zeichen ab, nun wohl: Gott wird dennoch bei seinem Bund beharren. Denn kommen wird der verheißene Erlöser, in dessen Person Gott dem Volk seine Gegenwart und Gnade beweisen wird.
Die Juden entgegnen, Jesaja hätte wohl töricht und unvernünftig gehandelt, hätte er den Menschen jener Zeit ein Zeichen gegeben, das doch erst rund acht­hundert Jahre später offenbart worden wäre. Und auf diesen Einwand sind sie noch besonders stolz, weil er von christlicher Seite aus Unerfahrenheit oder Gleichgültigkeit übergangen und verdeckt worden ist. Aber seine Widerlegung erscheint mir nicht schwer, wenn wir beachten, daß die Juden den Bund der Kindschaft empfangen hatten, an dem alle anderen guten Gaben Gottes hängen. Es gab die allgemeingültige Verheißung, daß Gott sich die Söhne Abrahams zum Volk erwählt hatte. In dieser Verheißung gründeten alle einzelnen Verheißun­gen. Die Grundlage dieses Bundes wiederum war der Messias. Wir halten fest: Die Stadt (Jerusalem) sollte befreit werden, weil sie Gottes Heiligtum war, aus dem der Erlöser kommen sollte. Sonst wäre Jerusalem wohl hundertmal vergan­gen. Nun prüfe der fromme Leser einmal: nachdem das Königshaus offen das an­gebotene Zeichen zurückgewiesen hatte, ging da der Prophet nicht besser ganz zum Messias über, etwa mit den Worten: Obwohl diese Zeit des Heils, das ich ihr von Gott verheiße, nicht würdig ist, wird Gott dennoch im Gedenken an seinen Bund diese Stadt vor den Feinden erretten. Selbst wenn Gott jetzt kein beson­deres Zeichen seiner Gnade gibt, muß doch das eine genug und übergenug sein, daß aus der Wurzel Davids der Messias kommen wird. Wir müssen also beachten: Daß der Prophet die Ungläubigen zum Bund ganz allgemein zurückruft, ist eine Art Tadel dafür, daß sie kein besonderes Zeichen zuließen.
Aber mir scheint nun genügend bewiesen, daß der Prophet, als allen Zeichen die Tür verschlossen war, rechtzeitig zu Christus überging. Die Ungläubigen sollten dabei bedenken, daß kein anderer Grund für ihre Befreiung bestand außer dem mit den Vätern eingegangenen Bund. Und das wollte Gott allen Zeiten an jenem denkwürdigen Beispiel bezeugen, daß er deswegen beständig und dauernd gnädig gewesen sei gegen Abrahams Söhne, weil er mit ihnen den Bund in Christus eingegangen war, nicht wegen ihrer Verdienste.
Aber die Juden wollen diese Auslegung noch mit einem anderen Winkelzug erledigen. Sie weisen darauf hin, daß der Prophet fortfährt: „denn ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land verödet sein, vor dessen beiden Königen dir graut“ (Jes. 7,16). Daraus schließen sie, hier werde die Geburt eines Kindes verheißen, die nicht mehr lange ausstehen kann. Sonst würde ja nicht passen, was der Prophet von dem Geschick der beiden Könige voraussagt, bevor jener Knabe auch nur die halbe Kindheit hinter sich hätte. Ich entgegnete: Wo Jesaja ein Zeichen vom künftigen Heilbringer vortrug und auf ein Kind wies, das noch geboren werden und der wahre Immanuel oder mit den Worten des Paulus: „Gott geoffenbart im Fleisch" (1. Tim. 3,16) sein sollte, sprach er zugleich von irgendwelchen Kindern jener Zeit. Nachdem er auf den Bund allgemein hingewiesen hatte, kommt er wieder auf die besondere Verhei­ßung, derentwegen er gesandt worden war. So weist der erste Satz auf die letzte und völlige Erfüllung in einem bestimmten Knaben, dem allein der Titel Gott zukommt. Der zweite Satz aber bezieht sich auf die besondere Wohltat, die nahe bevorstand, und er bestimmt die Zeit nach der Kindheit derer, die gerade neu­geboren waren oder bald darauf geboren werden würden. - Bis hierher habe ich mit festen und beständigen Gründen die Verleumdungen der Juden widerlegt, mit denen sie die Ehre Christi zu verdrehen suchen, damit sie nicht in jener Verheißung aufleuchte.
Bleibt nur noch einer ihrer Einwände zu widerlegen. Frech werfen sie Matthäus vor, nach seinem Bericht gebäre eine Jungfrau den Christus, während das hebrä­ische Wort bei Jesaja einfach eine junge Frau meine. Und uns verhöhnen sie, wir ließen uns durch einen Übersetzungsfehler täuschen und glaubten an eine Zeugung durch den Heiligen Geist, während doch der Prophet nur vom Sohn einer jungen Frau spreche. Aber sie verraten Streitsucht, wenn sie das hebräische Wort einschränken wollen auf die verheiratete junge Frau, während die Schrift es durchweg für Jungfrauen gebraucht. Aber ich gestehe ihnen zu, daß ihre Obersetzung dem Buchstaben nach durchaus richtig ist: die Sache freilich tut unumstößlich dar und zwingt zu der Erkenntnis, daß der Prophet hier von wunderbarer, ungewöhnlicher Geburt berichtet. Er bringt ein Zeichen vom Herrn, nicht etwas Gewöhnliches, sondern etwas alles Oberragendes. Hätte er nur von einer gebärenden Ehefrau geredet, wäre jene großartige Einleitung doch lächerlich! Die Juden setzen mit solchen Argumenten nicht nur sich, sondern auch Gottes erhabene Geheimnisse dem Spott aus. Der Zusammenhang der Ver­heißung liefert noch ein weiteres beachtliches Argument: eine junge Frau ist schwanger, heißt es da. Warum wird kein Mann erwähnt? Der Prophet nennt noch etwas Ungewöhnliches. Später nämlich gibt er der jungen Frau auch noch das Amt, dem Knaben den Namen zu geben. Damit tut der Prophet etwas Außerordentliches. Denn wenn auch die Schrift häufiger berichtet, daß Mütter den Knaben die Namen gaben, so taten sie es doch immer aus der Vollmacht der Väter. Indem der Prophet also die Rede auf die junge Frau bringt, nimmt er den Männern im Blick auf diesen Knaben das Recht, das sie von Natur sonst besitzen.
So bleibt also fest bestehen, daß hier ein großes Wunder Gottes von dem Propheten gepriesen wird, das alle Gläubigen aufmerksam und ehrfürchtig bedenken sollen. Die Juden entweihen das unwürdig, indem sie von gewöhn­licher Schwangerschaft sprechen. In Wirklichkeit aber ist sie von der verborgenen Kraft des Geistes gewirkt.

V. 23. „Sie werden seinen Namen Immanuel heißen.“ Wenn die Schrift uns ver­sichert, Gott sei uns mit seiner Hilfe und Gnade nahe und strecke seine starke Hand zu unserem Schutz aus, braucht sie häufig den Ausdruck: Gott ist mit uns. Hier aber soll die Art und Weise erklärt werden, wie Gott mit den Menschen verkehrt; denn ohne Christus haben wir keine Gemeinschaft mit Gott; durch Christus haben wir jedoch nicht nur Anteil an seiner Gnade, sondern werden auch mit ihm vereinigt. Was aber Paulus Hebr. 2, 17 lehrt, daß die Juden unter dem Gesetz Gott nahe waren, während die Heiden in bitterer Feindschaft fern­standen, bedeutet nichts anderes, als daß Gott damals dem von ihm angenom­menen Volk in Schatten und Vorbildern Zeichen seiner Gegenwart gegeben hatte. Denn die Verheißung galt und war in Kraft (Deut. 7,21): „Der Herr, dein Gott, ist mitten unter dir!“ oder (Psalm 132,14): „Hier ist meine Ruhe ewiglich!“ Indessen, da jene enge Gemeinschaft mit Gott von dem Mittler abhing, wurde das, was von der Verheißung noch nicht tatsächlich erfüllt war, in Gleichnissen vorgebildet. Er war gegenwärtig als der zwischen den Cherubim Wohnende, da ja die Bundeslade das Bild und sichtbare Unterpfand seiner Herrlichkeit war. In Christus jedoch wurde Gott dem Volk wahrhaftig gegenwärtig, und der Dienst der Vorbilder und Schatten war zu Ende. Deshalb sagt Paulus (Kol. 2,9), in ihm wohne die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig. Sonst würde er ja kein rech­ter Mittler sein und die Menschen nicht mit Gott vereinigen können, wären nicht göttliche und menschliche Natur in ihm durch ein unauflösliches Band verbunden. Erst mit Christi Kommen im Fleisch gewann der Name Immanuel seine volle Bedeutung. Daraus folgt, daß die Gemeinschaft Gottes mit den Vätern noch nicht die vollkommene Gemeinschaft war, und ebenso, daß Christus der im Fleisch geoffenbarte Gott ist. Wohl hat er des Mittleramtes gewaltet von der Schöpfung an, aber doch nur auf Grund und im Zusammenhang mit der verheißenen vollen Offenbarung in der Fülle der Zeit. Deshalb empfing er den Namen Immanuel mit Recht erst damals, als er als Hoherpriester ins Mittel trat, um mit dem Opfer seines Leibes für die Sünde der Menschen genugzutun, sie um den Preis seines Blu­tes mit dem Vater zu versöhnen und alles, was zum Heil der Menschen gehört, zu vollenden. Somit müssen wir bei diesem Namen zuallererst an die göttliche Majestät Christi denken, damit wir ihm dieselbe Ehrerbietung erweisen, die dem eini­gen und ewigen Gott gebührt. Zugleich aber dürfen wir nicht vorübergehen an dem Segen, den uns die Betrachtung des Namens Immanuel nach Gottes Willen bringen soll. Denn sooft wir Christus anschauen, wie in seiner Person Gottheit und Menschheit vereinigt sind, dürfen wir dessen gewiß sein, daß Gott uns ge­hört, wenn wir durch den Glauben mit Christus verbunden sind. Daß der Evan­gelist schreibt: „sie“ werden heißen, während Jesaja die Einzahl gebraucht: „sie, die Jungfrau, wird ihn heißen Immanuel“, streitet nicht gegen das oben Ausgeführte. Der Prophet redet zunächst nur von der Jungfrau und braucht daher die Ein­zahl: sie wird nennen. Seitdem aber Gott diesen Namen öffentlich bekanntge­macht hat, ist es das gemeinsame Bekenntnis aller Gläubigen, daß Gott sich uns mitgeteilt und zu eigen gegeben hat in Christus.

V. 24. „Da nun Joseph erwachte.“ Die pünktliche Bereitwilligkeit Josephs, die uns hier beschrieben wird, ist ein ehrendes Zeugnis für seinen festen Glauben wie für seinen Gehorsam. Denn wären nicht jedes Bedenken und alle Unruhe seines Gewissens geschwunden gewesen, würde er niemals so willig seine Absicht mit einemmal geändert und die Gattin angenommen haben, nachdem er eben noch gemeint hatte, sich durch Zusammenleben mit ihr zu versündigen. Sein Traum muß also das Siegel göttlicher Gewißheit in sich getragen haben, so daß sein Herz nicht mehr schwanken konnte. Die Wirkung des Glaubens blieb denn auch nicht aus. Nachdem er den Willen Gottes erkannt hatte, war er sofort zum Ge­horsam bereit.

V. 25. „Er erkannte sie nicht.“ Die Frage, ob Maria nach ihrem Erstgeborenen noch andere Kinder gehabt habe, läßt sich aus den Worten des Evangelisten nicht entscheiden. Matthäus sagt nur, daß Jesus der Erstgeborene war, damit wir wüßten, daß seine Mutter eine Jungfrau war und vorher noch nicht geboren hatte. Ferner wird berichtet, daß Joseph sie vor der Geburt des ersten Sohnes nicht erkannte; aber auch dies bezieht sich nur auf jene Zeit. Weiter lesen wir in der Schrift nichts. Nur Neugierige und Streitsüchtige werden wegen dieser Frage Streit anfangen und hartnäckig auf ihren Meinungen beharren.
Aus: Calvin, Auslegung der Heiligen Schrift, Die Evangelienharmonie 1. Teil, Neunkirchener Verlag 1966, S. 58ff.


Achim Detmers