Epiphanias - Mt 2,1-12: Die Kunst der Weisen

von Johannes Calvin

"Ich leugne nicht, daß ihre Kunst den Weisen hilfreich war. Aber ohne eine neue und außerordentliche Offen­barung hätte sie ihnen nicht genügen können..."

Matthäus 2,1-6
1 Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande zur Zeit des König Herodes, siehe, da kamen Weise vom Morgenland nach Jerusalem und sprachen: 2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten. 3 Da das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm das ganze Jerusalem 4 und ließ versammeln alle Hohenpriester und Schriftgelehrten unter dem Volk und erforschte von ihnen, wo der Christus sollte geboren werden. 5 Und sie sagten ihm: Zu Bethlehem im jüdischen Lande; denn also steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): 6 „Und du Bethlehem im jüdischen Lande bist mitnichten die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein Herr sei.“

V. 1. „Da Jesus geboren war.“ Wie es kam, daß Christus in Bethlehem geboren wurde, das übergeht Matthäus. Der Geist Gottes, der die Evangelisten sich zu Schreibern erwählt hatte, hat mit Absicht ihre Feder so gelenkt, daß sie alle ein und dieselbe Geschichte übereinstimmend beschrieben, und doch jeder in seiner besonderen Weise, damit die Wahrheit Gottes um so gewisser und klarer würde, wenn man sieht, daß die, die seine Zeugen sind, nicht nach einer zurechtge­machten Vorlage arbeiteten, sondern daß jeder für sich schlicht und unbefangen, ohne Rücksicht auf den anderen, niederschrieb, was der Geist ihm eingab.
Eine denkwürdige Geschichte wird uns hier erzählt. Aus Chaldäa berief Gott die Weisen, daß sie nach Judäa gingen, Christus anzubeten, als er ohne Herr­lichkeit in der Niedrigkeit des Stalles lag. Wahrlich ein wunderbarer Rat Gottes! In Verborgenheit und Armut ließ er seinen Sohn in die Welt treten, und dennoch ehrte er ihn hoch durch außerordentliche Zeichen, damit unserem Glauben nichts fehle, was zum Erweis seiner göttlichen Majestät gehört. Ein Stern verkündigt vom Himmel her den als König, dessen Thron eine Krippe ist, weil man ihm nicht einmal beim gewöhnlichen Volk eine Stätte gewährt. Im Orient leuchtet seine Majestät auf - in Judäa erscheint sie nicht, dort wird sie sogar entehrt durch Schmähungen aller Art. Was soll das? Der himmlische Vater wollte uns den Stern und die Weisen zu Führern setzen, die uns geradewegs zu seinem Sohn leiten sollen. Dabei hat er ihn jeder irdischen Herrlichkeit entblößt, damit wir erkennen sollten, daß sein Reich geistlich ist. Daher ist diese Geschichte für uns bedeutsam, einmal deshalb, weil Gott die Weisen als die Erstlinge aus den Heiden zu seinem Sohn brachte, und dann, weil er zur weiteren Stärkung unseres Glaubens das Reich Christi durch das Zeugnis der Weisen und des Sternes ver­herrlicht hat, damit wir uns nicht an der bösen Mißachtung stoßen, die ihm von Seiten des eigenen Volkes widerfuhr. Bei Persern und Chaldäern wurden bekannt­lich die Sternkundigen und Philosophen „Weise“, Magier, genannt. Daher liegt die Vermutung nahe, daß sie aus Persien kamen. Wie groß ihre Anzahl war, wissen wir nicht, und es ist besser, nicht zu wissen, als frech etwas Zweifelhaftes für gewiß auszugeben. Die Katholiken behaupten kindlich, es seien drei gewesen nach der Zahl der Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Als wären die Geschenke nicht gemeinsam von ihnen dargebracht worden! Ein alter Schrift­steller hat in seinem unvollendeten Kommentar zu Matthäus unter dem Namen Chrysostomus angegeben, es seien vierzehn Magier gewesen. Das sagt auch nicht mehr, könnte aber aus alter Vätertradition stammen. Aber gewiß ist auch dies nicht. Mehr als lächerlich ist die katholische Oberlieferung, die aus den Magiern Könige macht, weil Ps. 72, 10 geweissagt ist, daß Könige von Tarsis, den Inseln und Saba kommen würden mit Geschenken für den Herrn. Aber solche törichten Ausleger verdrehen die Welt; sie verwechseln Süden und Westen mit dem Osten und verfälschen Gottes Wahrheit in Lüge.
An unserer Stelle legt sich die Frage nahe, ob der hier erschienene Stern zu denen gehörte, mit denen Gott bei der Schöpfung den Himmel geziert hat, und ob die Weisen vermöge der Wissenschaft der Sternkunde zu erkennen imstande waren, daß der Stern die Geburt Christi anzeige. Es ist zwar nicht der Mühe wert, hierüber lange zu streiten; doch lassen die Worte des Matthäus die An­nahme zu, daß es ein außergewöhnlicher Stern war. Denn daß er mit einemmal verschwand und ebenso plötzlich wieder erschien sowie daß er nach Bethlehem seinen Weg nahm und über dem Haus stehenblieb, in dem Christus war, dies alles erlaubt den Schluß, daß es keiner von den gewöhnlichen Sternen gewesen ist. Viel wahrscheinlicher ist es, daß es sich um eine Art von Kometen gehandelt hat. Damit hängt auch die Antwort auf die zweite Frage zusammen: da die Sternkunde auf das Gebiet der Natur beschränkt ist, konnte sie allein nicht die Führerin der Weisen zu Christus sein. Sie mußte durch eine verborgene Offenbarung des Geistes unterstützt werden. Ich leugne nicht, daß ihre Kunst den Weisen hilfreich war. Aber ohne eine neue und außerordentliche Offen­barung hätte sie ihnen nicht genügen können.

V. 2. „Wo ist der neugeborene König der Juden?“ Von dem „geborenen“ König der Juden reden die Weisen nicht, wie eine gar zu scharfsinnige Auslegung meint, im Gegensatz zu einem von Menschen gemachten oder erwählten; sie stellen vielmehr ganz einfach den neugeborenen, der jetzt noch ein Kind ist, dem als Mann gegenwärtig über das Volk herrschenden König gegenüber. Denn gleich nachher fügen sie hinzu, nicht der Ruf seiner Taten oder seine sonstige Berühmt­heit hätten sie hergezogen, sondern lediglich das Zeichen, das am Himmel erschie­nen war und die zukünftige Herrschaft weissagte. Wenn aber die Weisen beim Anblick des Sternes so lebendig erfaßt wurden, wehe dann uns, wenn wir kalt und träge sind, Christus zu suchen, nachdem er sich uns in seiner königlichen Majestät zu erkennen gegeben hat!

„Wir sind gekommen, ihn anzubeten.“ Der Stern war erschienen, um die Weisen nach Judäa zu bringen, damit sie Zeugen und Herolde des neuen Königs würden. Was sie selbst betrifft, so waren sie nicht gekommen, Christus den Dienst der Anbetung zu beweisen, der dem Sohn Gottes gebührt, sondern sie wollten ihn nur nach persischer Sitte als den hervorragendsten König begrüßen. Sie haben wahrscheinlich nichts anderes von ihm gedacht, als daß er mit einzigartiger Macht und Würde ausgerüstet werden sollte, so daß alle Völker mit Recht ihn bewun­dern und ehren würden. Möglicherweise haben sie sich auch beizeiten seine Gunst sichern wollen, damit er ihnen gewogen und gnädig sei, wenn ihm einmal die Herrschaft über den Osten zufallen sollte.

V. 3. „Der König Herodes ... erschrak.“ Herodes war wohl vertraut mit den Weissagungen von dem König Israels, der das Elend des Volkes wenden und der Zerrüttung ein Ende machen sollte. Von Jugend auf hatte er unter den Juden gelebt und in ihre Lage Einsicht gewonnen. Jene Verheißung war außerdem so verbreitet, daß sogar die Nachbarvölker davon wußten. Dennoch wird er bestürzt, als ob etwas Unerhörtes sich ereigne. Er hatte zwar davon gehört, aber er versagte Gott und seinen Verheißungen den Glauben; daher hielt er die Hoff­nung auf den Erlöser für eine eitle Hoffnung, besonders da er nach Art stolzer Menschen in törichtem Selbstvertrauen sich eingebildet hatte, das Reich werde ewig ihm und seinem Haus verbleiben. Früher hatte er, sicher in seiner Glücks­trunkenheit, die Weissagung verachtet. Jetzt schreckt ihn die Erinnerung an sie. Er wäre durch das einfache Wort der Weisen sicher nicht so betroffen worden, wenn ihn nicht die Weissagungen in den Sinn gekommen wären, die ihm bis dahin töricht und lächerlich erschienen waren. So läßt der Herr wohl zu, daß die Ungläubigen schlafen, dann aber schreckt er sie plötzlich aus ihrer Ruhe auf. Mit dem König erschrak ganz Jerusalem, entweder weil das Unvermutete und Neue an der Sache die Bürger aufregte, obwohl sie sonst eine freudige Nachricht wie die von der Geburt eines Königs begierig annahmen, oder weil sie schon so sehr an Unheil gewöhnt und durch das Unglück so sehr abgestumpft waren, daß sie von jeder Veränderung befürchteten, ihr Elend möchte noch schlimmer wer­den. Durch die beständigen Kriege waren sie so mitgenommen, ja fast aufge­rieben worden, daß ihnen ihre jämmerliche und grausame Knechtschaft erträglich, ja sogar erwünscht dünkte, wenn nur der Friede erhalten blieb. Wir erkennen daraus, wie schwer Gottes Geißel sie geschlagen hatte: denn sie waren so völlig gleichgültig geworden, daß ihnen vor der ihnen verheißenen Erlösung und dem versprochenen Heil fast graute. Matthäus will uns hier ihre Undankbarkeit beschreiben, da sie, gebrochen unter der Oberlast des Unheils, auch die Hoffnung und das Verlangen nach der Verheißungsgnade weggeworfen hatten.

V. 4. „Und ließ versammeln alle Hohenpriester.“ Obgleich kein Wort von Chri­stus am Hof des Herodes geredet worden war, kommen ihm doch sofort die lange vergessenen Weissagungen in den Sinn, sobald die Weisen einen König erwähnen. Sogleich ahnt er, jener König, nach dem die Weisen fragen, möchte der einst von Gott verheißene Messias sein. Daraus geht hervor, daß Herodes Grund hat, sich zu fürchten, da er so eifrig nachforscht. Denn weil alle Tyrannen furcht­sam sind und ihre eigene Grausamkeit ihnen selbst mehr Schrecken einflößt als den anderen, so mußte Herodes noch besorgter sein als die übrigen: denn er wußte, daß seine Herrschaft der Ordnung Gottes widerstreite. Diese ganze von dem König angestellte Untersuchung zeigt, wie völlig Christus vor der Ankunft der Weisen in Vergessenheit geraten war. Daß die Schriftgelehrten und Hohen­priester richtig nach der Schrift antworten, während sie später mit aller Macht die ganze Schrift zu verfälschen suchen, nur um nicht Christus huldigen zu müs­sen, dies geschah deshalb, weil ihnen damals Christus mit seinem Evangelium noch nicht beschwerlich war. So geben alle Ungläubigen ohne Schwierigkeit Gott recht, soweit es sich um allgemeine Wahrheiten handelt; fängt aber Gottes Wahr­heit an, sie persönlich anzufassen, so schäumt ihr giftiger Trotz heraus. Das lebendige Beispiel hierfür haben wir heutzutage an der Papstkirche. Ohne Widerspruch bekennen ihre Anhänger Christus als den eingeborenen Gottessohn, der in unserem Fleisch erschienen ist, und in den beiden Naturen sehen sie die eine Person. Geht es aber um die Kraft und das Amt Christi, so ist der Streit da: denn sie wollen nicht gedemütigt und noch viel weniger zu einem Nichts gemacht werden. Kurzum, solange die Ungläubigen denken, es geschehe ihnen kein Eintrag, erzeigen sie Gott und seinem Wort noch einige Ehrerbietung. Greift aber Christus ihren Ehrgeiz, ihre Habsucht, ihren Stolz, ihr falsches Vertrauen, ihre Heuchelei und Trügerei an, so vergessen sie alle Bescheidenheit und geraten in Zorn. Wir sollen also erkennen, wie die Verblendung der Feinde, der Wahrheit ihren hauptsächlichen Grund in den bösen Leidenschaften hat, die das Licht der Finsternis verkehren.

V. 6. „Und du Bethlehem.“ Die Schriftgelehrten haben ohne Zweifel wortgetreu die Stelle so angeführt, wie sie sich beim Propheten (Micha 5,1) findet. Matthäus aber begnügt sich mit dem bloßen Hinweis auf die Stelle. Außerdem schrieb er griechisch und folgte daher der in der griechischen Bibel vorliegenden Lesart. Denn aus Stellen wie der vorliegenden folgt, daß er das Evangelium nicht in hebräischer Sprache verfaßt hat. Wenn die Apostel ein Schriftzeugnis anrufen, so geben sie es nicht immer wörtlich wieder; zuweilen ist die Abweichung sogar bedeutend, aber immer ist die Anwendung sinngemäß und treffend. Daher dürfen wir uns nicht ängstlich an die einzelnen Worte hängen, wenn die Evangelisten Schriftstellen anführen, sondern sollen damit zufrieden sein, daß sie die Schrift niemals verdrehen, sie vielmehr dem ursprünglichen Sinn gemäß anwenden. Die Arbeit der Apostel war, Kindlein und Neulinge im Glauben mit Milch zu nähren, da sie feste Speise noch nicht zu ertragen vermochten. Heute liegt für die Kinder Gottes kein Grund vor, weshalb sie nicht fleißig und genau untersuchen sollten, welches der Inhalt einer angeführten Schriftstelle ist; die Tröpflein, die uns die Apostel geben, sollen sie bewegen, die Quelle selbst aufzusuchen. Was unsere Weissagung bei Micha betrifft, so lesen wir in der Grundstelle: „Und du Beth­lehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei.“ Statt Ephrata hat Matthäus geschrieben „im jüdischen Lande", allein der Sinn ist derselbe. Micha wollte nur durch das Bei­wort Ephrata dieses Bethelehem von einem anderen unterscheiden, das im Gebiet des Stammes Sebulon lag. Das folgende bietet mehr Schwierigkeit. Der Prophet sagt von Bethlehem, „die du klein bist unter den Städten in Juda“. Matthäus hingegen rühmt die Ehrenstellung des Ortes: er gehöre zu den ersten. Deshalb meinen einige Ausleger die Worte des Propheten als Frage lesen zu müssen. Richtiger ist jedoch die Erklärung, daß Matthäus durch die von ihm vorge­nommene Änderung die Gnade Gottes erheben wollte, die das kleine unbekannte Städtchen zum Geburtsort des größten Königs machte. Nur hat die Ehre, deren Bethlehem gewürdigt wurde, seinen Bürgern nichts geholfen, gereichte ihnen vielmehr zu größerem Verderben, weil der Erlöser gerade hier mehr als übel empfangen worden ist.

Matthäus 2,7-12
7 Da berief Herodes die Weisen heimlich und erkundete mit Fleiß von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, 8 und wies sie nach Bethlehem und sprach: Ziehet hin und forschet fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr`s findet, so sagt mir`s wieder, daß ich auch komme und anbete. 9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen hin, bis daß er kam und stand oben über, wo das Kindlein war. 10 Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut 11 und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder unt beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. 12 Und Gott befahl ihnen im Traum, daß sie nicht sollten wieder zu Herodes gehen, und sie zogen auf einem anderen Weg wieder in ihr Land.

Matth. 2,7. „Da berief Herodes die Weisen heimlich.“ Der Herrscher wagte es nicht, mit seiner Furcht und Unruhe offen herauszukommen: er kannte den Haß des Volkes gegen seine Person und wollte es nicht durch seine Furcht kühn machen. Vor den Leuten stellt er sich also, als ginge ihn alles nichts an; heimlich aber forscht er nach, um der drohenden Gefahr zu begegnen. Obgleich ihn das böse Gewissen immer furchtsam machte, so hat doch Gott zweifellos diesmal sein Herz mit ganz ungewöhnlicher Furcht erfüllt, so daß er eine Zeitlang wie von Sinnen war, ohne Verstand und Überlegung. Nichts wäre ja leichter gewesen, als den Weisen einen seiner Höflinge zum Geleit mitzugeben, der alles untersuchte und mit sicheren Nachrichten bald zurückkehrte. Herodes war doch sonst ein kluger und mutiger Mann. Um so wunderbarer ist es, daß er jetzt in der äußersten Gefahr, obwohl er über Mittel zur Abwehr verfügt, erschrocken und fast besin­nungslos daliegt. Wahrlich, nur durch ein Wunder ist der Sohn Gottes damals dem Rachen des Löwen entgangen. Heute bringt der Herr seine Feinde nicht weniger außer Fassung, damit sie nicht zahllose Künste ersinnen zum Verderben der Kirche, oft sogar nicht einmal die sich bietenden Gelegenheiten ergreifen. Das listige und heuchlerische Vorgehen aber, durch das Herodes die Weisen betrogen hatte, er werde auch kommen, anzubeten, hat der Herr auf andere Weise vereitelt. Während der König aus Furcht vor einem Volkstumult die Fassung verliert, ergreift ihn zugleich solcher Grimm, daß er vor einem Kampf mit Gott nicht zurückschrickt. Denn er wußte, daß ein neugeborener König, wenn er wirklich vorhanden wäre, nach Gottes Bestimmung den zertrümmerten Thron Davids wieder aufrichten müsse. Er greift also nicht Menschen an, sondern läßt sich in seiner Wut mit Gott in Streit ein. Einerseits ist er erfüllt von einem Schwindelgeist und kämpft mit Gott, andererseits handelt er knabenhaft, weil seine Überlegung ihn verlassen hat, so daß er wie ein Blinder im Dunkeln um­hertappte.

Matth. 2,9. „Als sie nun den König gehört hatten.“ Natürlich ist die Feigheit der Juden eine Schande, daß sich niemand den Ausländern als Begleiter anschließt, um den ihrem Volk verheißenen König anzuschauen. Die Schriftgelehrten be­schreiben ihnen den Weg und bezeichnen ihnen den Ort, wo er geboren ist. Doch lassen sie sie allein ziehen; niemand bewegt sich auch nur einen Schritt weit. Vielleicht fürchteten sie den Zorn des Herodes; aber auch darin zeigte sich eine frevelhafte Undankbarkeit, daß sie sich wegen des ihnen geschenkten Heils kei­ner Gefahr unterziehen wollten und die Ungnade des Tyrannen höher stellten als die Gnade Gottes. Ich habe ein wenig zuvor schon gezeigt, daß das ganze Volk völlig heruntergekommen war und lieber das erdrückende Joch der Tyrannei er­trug als sich Unbequemlichkeiten zuzog, die aus irgendeiner Veränderung ent­stehen konnten. Wenn Gott nicht die Herzen der Magier mit seinem Geist so stark gemacht hätte, so hätten sie an diesem Ärgernis zu Fall kommen können. Doch ihr glühender Eifer bleibt ungeschwächt, wenn sie auch ohne einen Begleiter los­ziehen. Aber sie haben ja auch keinen Anlaß zum Zweifel, wenn sie hören, daß der König, den der Stern ihnen gezeigt hatte, vor langen Zeiten schon in gött­lichen Weissagungen gepriesen worden war. Daraus, daß der Stern sie auf ihrem Weg dann bis nach Jerusalem führte und ebendort verschwand, kann man leicht ersehen, daß sie in Jerusalem nach dem neuen König forschen sollten. Und zwar geschah das, um den Juden jegliche Entschuldigung zu nehmen, die, nachdem sie auf den ihnen gesandten Erlöser hingewiesen waren, ihn nun wissentlich und willentlich verachten.

Matth. 2,11. „Und fanden das Kindlein.“ Ein neues Ärgernis hätte das mehr als entehrende Schauspiel bieten können; Christus hatte so wenig Königliches an sich, daß er geringer und verachteter war als irgendein Kind aus dem einfachen Volk. Aber da sie davon überzeugt sind, daß er von Gott zum König eingesetzt ist, treibt sie dieser einzige Gedanke, der tief in ihren Herzen wurzelt, zur Ehrerbie­tung gegenüber Christus. Denn sie sehen seine bis dahin noch verborgene Würde in dem Ratschluß Gottes. Da sie fest glauben, daß er einmal anders sein werde, als er jetzt vor ihnen lag, scheuen sie sich ganz und gar nicht, ihm königliche Ehren zu erweisen. Mit ihren Geschenken zeigen sie, woher sie kommen. Denn zweifellos bringen sie sie gleichsam als Ehrenzeichen ihres Heimatlandes. Wir wollen beachten, daß nicht jeder einzelne ein besonderes Geschenk gebracht hat, sondern daß die drei Gaben, von denen berichtet wird, von ihnen gemeinsam kommen. Wenn beinahe alle Ausleger hier über die Herrschaft, das Priestertum und das Begräbnis Christi nachdenken und dabei das Gold zum Symbol seiner Herrschaft, den Weihrauch zum Symbol seines Priestertums und die Myrrhe zum Zeichen seines Begräbnisses machen, so findet das meiner Ansicht nach keinen Anhalt im Text. Wir wissen, daß es bei den Persern üblich war, ein Geschenk bereit zu haben, wenn sie ihre Könige besuchten. Die Magier wählen diese drei Gaben aus, für die der Orient berühmt ist, so wie Jakob kostbare, auserlesene Früchte des Landes nach Ägypten sandte (vgl. Gen. 43, 11). Wenn sie ihn im übri­gen nach persischer Sitte als König anbeten, den sie damals noch für irdisch hiel­ten, und ihm die Früchte ihres Landes darbringen, so geziemt es sich für uns, ihn geistlich zu verehren. Denn das ist der rechtmäßige und vernünftige Gottesdienst, den er fordert, daß wir zuerst uns selbst ihm heiligen und dann alles, was unser ist.


Aus: Calvin, Auslegung der Heiligen Schrift. Die Evangelien-Harmonie 1. Teil, Neukirchener Verlag, 1966, S. 83ff.


Achim Detmers