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Calvin-Predigten

Im Dialog mit Calvin. Eine Predigt zu Invokavit - 1. Mose 14: Melchisedek - Beispiel des Trostes Gottes für sein Volk

von Martin Filitz, Halle

Treffen von Abraham und Melchizadech, Ölgemälde von Dierick Bouts

''Verehrter, lieber Johannes Calvin,
... Für Sie ist es kein Problem, daß die Auslegung dieses Verses aus der Thora (1. Mose 14,18) auf Christus hinzielt. Zwei Ämter vereinigt Melchisedek in sich: das des Priesters und das des Königs. Damit steht er in der hebräischen Bibel einzigartig da... Melchisedek weist also über sich selbst und über die Geschichte Israels im engeren Sinne hinaus auf den, der Priester, König und Prophet in einem war und ist. So werden wir das im II. Buch der Institutio lesen, und kundige Theologen sagen uns, daß diese Lehre von den drei Ämtern Christi die Mitte Ihrer christologischen Überlegungen ist. ...''

 

"Wir haben zu zeigen begonnen, dass der hier genannte Melchisedek ein Bild unseres Herrn Jesu Christi gewesen ist. Damit wir nun dieser Lehre größere Aufmerksamkeit schenken, müssen wir uns an das gestern schon Betonte erinnern, dass Gott mit einem feierlichen Eid geschworen hat, der zukünftige König über das Volk werde auch Priester sein. (...) In der Tat, wenn wir das eine vom andern trennen würden, so wäre unser Glaube an unsern Herrn Jesus Christus sehr schwach und hätte keinen gewissen und festen Grund. Denn zwei Dinge sind zu unserem Heil erforderlich: einerseits, dass Gott uns als Gerechte aufnimmt und uns als seine Kinder anerkennt; zweitens, dass wir von seiner Hand geführt werden, dass wir durch seine unüberwindliche Kraft erhalten und beschützt werden. Wenn wir nur eins von beiden annehmen wollten, so würde es bloß zur Hälfte genügen. Der Grund dafür ist folgender: setzen wir den Fall, dass Gott uns gnädig wäre und dass er uns unsere Sünden nicht zurechnete: wenn der Teufel dabei Macht über uns hätte und wir allen Angriffen, die er gegen uns richtet, ungeschützt ausgesetzt wären, was hieße das anders, als dass wir arme, verlorene Menschen wären? Wenn andererseits Gott seine Macht bloß zu unserem Schutz entfalten würde und wir nicht mit ihm versöhnt wären und nicht für gerecht gehalten und geachtet würden, so müssten wir immer wieder Rechenschaft ablegen, und wehe uns, wenn wir ohne Barmherzigkeit gerichtet würden! Aber wir wissen, dass unsere Gerechtigkeit darin besteht, dass Gott Erbarmen mit uns hat, dass er all unsere Fehler begräbt. Also musste unser Herr Jesus Christus als König und als Priester erscheinen.“ (Johannes Calvin, Die zweite Predigt über Melchisedek (1. Mose 14, 18-21))

Verehrter, lieber Johannes Calvin,

Ihr bevorstehender Geburtstag gibt vielfältigen Anlass, auch Ihre Texte wieder zu lesen. Ich muß gestehen, daß ich dies mit größerem Gewinn tue, als ich ursprünglich vermutet habe. Gilt doch Ihre „Institutio“ als ein gelehrtes, dogmatisches Werk, zu dem der Zugang nicht eben leicht ist. Ihr älterer Kollege Martin Luther scheint da griffiger und seine Sprache uns Nachgeborenen angemessener. Aber die Leichtigkeit des Zugangs muß ja nicht über die Qualität der Texte entscheiden. Und ich sehe, bei Ihnen ist das nicht so. Besonders Ihre Schriftauslegungen haben es mir angetan. Ungewohnte Einblicke und Ausblicke, Zusammenhänge, die auf den ersten Blick so nicht erkennbar sind. Und immer wieder die Verbindung von hebräischer und griechischer Bibel, von Mosebund und Christusbund, auf die Sie hinweisen, die Sie uns Auslegern und Predigern späterer Zeiten ins Stammbuch schreiben.

Nicht anders ist es in Ihrer Auslegung von 1. Mose 14,18. Melchisedek, der fast vergessene Priesterkönig von Salem: In Ihrer Auslegung wird er zu einer bedeutenden, die Verbindung beider Testamente dokumentierenden Gestalt. Ihre Zeit war noch wenig belastet von dem, was sich in den biblischen Wissenschaften als „historisch-kritische Methode“ etabliert hat. Sie gehen von der Einheitlichkeit des biblischen Textes aus, während wir gelernt haben, zu differenzieren, verschiedene Schichten voneinander abzuheben, theologische Interessen und Prägungen der Verfasser zu orten, um so möglichst nahe an die historischen Bedingungen des Textes und seines Inhaltes heranzukommen. So, wurden wir belehrt, wird man den Texten am besten gerecht. Nur daß nicht selten ein Trümmerhaufen übrig blieb, der den Zusammenhang der Texte ganz aus dem Auge verlor. Wir sind gebrannte Kinder. Wir können hinter die historisch-kritische Erforschung der biblischen Texte nicht zurück. Aber bei Ihnen können wir lernen, daß die Atomisierung der Bibel nicht der Weisheit letzter Schluss ist und sein muß. Bei Ihnen können wir lernen, daß über den Einzeltext hinaus Zusammenhänge die Bibel durchziehen, die von den neutestamentlichen Autoren durchaus noch gesehen wurden, die aber im nach-aufgeklärten Bewusstsein verloren gegangen sind. Melchisedek ist solch eine biblische Figur, die Sie nur im Zusammenhang dessen sehen können, was der Hebräerbrief über Christus, den Priester nach der Weise Melchisedeks zu sagen weiß. Wir würden es höchstens wagen, umgekehrt, vom Hebräerbrief auf diesen Vers in Gen.14,18 zu blicken. Für Sie ist es selbstverständlich, auch die entgegengesetzte Blickrichtung einzuschlagen. Nicht erst die Autoren des Neuen Testaments finden in den Schriften der hebräischen Bibel Hinweise auf Christus. Vielmehr ist Christus verborgen gegenwärtig in der Thora, den Propheten und den Schriften. Für Sie ist es kein Problem, daß die Auslegung dieses Verses aus der Thora auf Christus hinzielt.

Zwei Ämter vereinigt Melchisedek in sich: das des Priesters und das des Königs. Damit steht er in der hebräischen Bibel einzigartig da. Selbst David und Salomo waren Könige, aber keine Priester, und wo sich Könige priesterliche Würde anmaßten, da scheiterten sie. Melchisedek weist also über sich selbst und über die Geschichte Israels im engeren Sinne hinaus auf den, der Priester, König und Prophet in einem war und ist. So werden wir das im II. Buch der Institutio lesen, und kundige Theologen sagen uns, daß diese Lehre von den drei Ämtern Christi die Mitte Ihrer christologischen Überlegungen ist. Melchisedek also ein Vor-Schein, dessen, was uns in Christus begegnet, in gewisser Weise ist er vor Abraham ausgezeichnet. Und wenn der Hebräerbrief von ihm sagt, daß er weder Vater noch Mutter noch Stammbaum hatte (7,3), dann ist das für Sie ein deutlicher Hinweis auf die Präexistenz Christi, ohne die festzuhalten christliche Theologie nun einmal nicht sein kann. Das kann man in der Tat bei Ihnen lernen, daß die beiden Naturen Christi zusammenzuhalten sind, daß der arianische Weg der Christologie ein Irrweg ist.

„Jetzt ist es unsere Aufgabe, diese Stelle zu unserem Nutzen anzuwenden, d.h. nicht daran zu zweifeln, dass, wie unser Vater Abraham urbildlich von Melchisedek gesegnet worden ist, so auch heute unser Vater Jesus Christus, der ewige Priester, im Namen Gottes, seines Vaters, uns segnet. Denn seine Bitte ist nicht vergeblich; sie muss Erfolg haben. Wir wissen, dass er unfehlbar erhört wird. So sollen wir daraus schließen, dass wir Jesus Christus vor Gott, seinem Vater, zum Beistand haben, wenn wir unser Vertrauen auf ihn setzen. Wenn wir in Adam verflucht sind und uns noch täglich durch unsere Fehler und Übertretungen neuen Fluch zuziehen, so wird das doch ausgelöscht und wieder gutgemacht, weil unser Herr Jesus Christus in seiner Güte das Amt des Segens für uns verwaltet. (...) So müssen wir, in Kürze gesagt, diese Stelle Moses zu unserem Nutzen und zur Erbauung unseres Glaubens anwenden, in der gesagt wird, Abram, der Vater der Gläubigen, sei gesegnet worden. Dabei sehen wir, dass Abram an sich verflucht war, da er ja den priesterlichen Segen empfängt. Auch Melchisedek erkennt, dass wir in uns bloß Armut haben, und dass Gott uns segnen muss, und dass wir seinen Segen mit aller Demut umfassen müssen, wenn wir des Gutes froh werden sollen, das uns durch unseren Herrn Jesus Christus gebracht worden ist und das er uns täglich durch die Predigt des Evangeliums anbietet.“ (Johannes Calvin a.a.O.)

Aber Melchisedek ist für Sie noch mehr. Er ist für Sie der Trost einer Kirche, die sich ganz allein und verlassen glaubt. Denn Melchisedek ist in einem Götzenland ganz allein der Priester des lebendigen Gottes. Er hat die Knie nicht gebeugt vor Baal. Und in seiner Einsamkeit ist er behütet und bewahrt geblieben. Ich glaube, Sie haben Ihre französischen evangelischen Landsleute im Blick, die sich angesichts der feindlichen Übermacht des römisch-katholischen Hofes und der römisch-katholischen Kirche allein und verlassen vorkommen. Aber nicht nur sie. Spätere haben diese Texte auf sie bezogen gelesen: die Gemeinden unter dem Kreuz, die vertriebenen Pfälzer und Hugenotten, die Christen, die sich von den Diktaturen des 20. Jahrhunderts an den Rand gedrängt fühlten und sich verlassen glaubten. Ich glaube, nur schwerlich käme einer von uns auf den Gedanken, diese Randfigur der Bibel als Beispiel des Trostes Gottes für sein Volk heranzuziehen. Vielen Dank, daß Sie uns die Augen geöffnet haben dafür, daß die Bibel bei allem Vorbehalt auch wörtlich genommen sein will, dass sich Verheißung gerade auch im Detail erschließt und Trost nicht nur aus den großen Trostworten der Psalmen und der Propheten.

Lieber Johannes Calvin, wie gesagt: wir haben gelernt, die Bibel historisch-kritisch zu lesen, und wir wissen, welchen Gewinn wir aus dieser Betrachtungsweise für die Erschließung biblischer Texte haben. Bei Ihnen sehen wir, wie man die Bibel im Zusammenhang lesen kann, in der Verbindung der beiden Testamente von Mosebund und Christusbund und wie sich da neue Dimensionen des Verstehens öffnen. Dabei sind Sie nicht fundamentalistisch oder biblizistisch. Sie können mit den biblischen Bildern spielen und sie in neuen Zusammenhängen zur Sprache bringen. Diese Sicht auf den biblischen Text möchte ich für mein eigenes Bibellesen und Auslegen fruchtbar machen.

Es grüßt Sie herzlich aus Halle an der Saale

Ihr dankbarer Schüler

Martin Filitz

 


Pfarrer Martin Filitz, Halle