Eine Einführung in den Heidelberger Katechismus

Von Stefan Maser, Hoerstgen

Heiliggeistkirche in Heidelberg.

Der Heidelberger Katechismus: Lern- und Unterrichtsbuch reformierter Gemeinden seit fast 450 Jahren, evangelische Bekenntnisschrift in vielen Ländern

Grundlage

Alle Christinnen und Christen haben das Recht zu lernen, selbst Bescheid zu wissen und alles, was ihnen gesagt wird, in der Bibel nachzuprüfen. Diese Überzeugung steht am Anfang der evangelischen Kirche.
Darum ist zusammen mit der Kirchenordnung für die evangelische Pfalz 1563 ein einzigartiges Lern- und Unterrichtsbuch entstanden, der „Heidelberger Katechismus“ (auch „Pfälzer Katechismus“ genannt).
In etwa 40 Sprachen übersetzt und hochgeschätzt wurde es bald vielerorts zur Bekenntnisschrift und damit bis heute zum Bindeglied zwischen reformierten Gemeinden und Kirchen in der ganzen Welt.

Verfasst wurde der Heidelberger Katechismus von Zacharias Ursinus und maßgeblich an der Einführung beteiligt war Caspar Olevian, lateinische Gelehrtennamen nach damaliger Mode für Zacharias Bär und Caspar aus Olevig bei Trier. 29 und 27 Jahre waren der Theologieprofessor und der Kirchenrat damals alt. Freilich hatte besonders Ursinus bereits sorgfältig studiert, wie die Reformatoren, besonders Philipp Melanchthon und Johannes Calvin, den evangelischen Glauben erklärt hatten.

Das kleine Buch hat es in sich. Drei Bestandteile finden sich auf jedem Blatt:
Fragen, insgesamt 129, die teilweise auch heute, nach fast 450 Jahren, noch brennend sind:

„Was ist wahrer Glaube?“ (Frage 21)
„Soll man auch die kleine Kinder taufen?“ (Frage 74)
„Tut denn Gott dem Menschen nicht damit Unrecht,
dass er in seinem Gesetz von ihm fordert, was er nicht tun kann?“ (Frage 9)

Hochkonzentrierte Antworten, kaum eine länger als fünf Sätze. Und die Stellen aus der Bibel, die diese Antwort begründen, unentbehrlich für eine Kirche, die kein Lehramt über der Gemeinde (wie das des Papstes) kennt.

Den besten Eindruck vom Ganzen gibt gleich die Frage 1 und der erste Satz der Antwort dazu:

„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“
„Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben nicht mir,
sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre!“

Der einzelne Mensch mit seiner Trostbedürftigkeit kann in einmaliger Weise ins Zentrum gerückt werden – weil Jesus Christus für ihn eingetreten ist und eintritt.

Der Hauptteil des Katechismus ist dann in drei Schritten aufgebaut:
Von des Menschen Elend
Von des Menschen Erlösung
Von der Dankbarkeit
Alles, was Christinnen und Christen in ihrer Gemeinde tun, wird als „Dankbarkeit“ erkannt und eingeordnet: der Gottesdienst im herkömmlichen Sinn des Wortes wie der Gottesdienst im Alltag sind nichts als Dankbarkeit. „Gebet“ (hier findet sich dann auch das „Unser Vater“, Frage 118-129) und „Gebot“(mit den 10 Geboten, Frage 92-115) gehören in diesen dritten Teil. Sie sind freie, dankbare Antwort auf Gottes Wort und Wohltat in Jesus Christus.

Gerade hier will der Heidelberger Katechismus beim (Bibel-) Wort genommen werden und zum freien, fröhlichen, getrösteten und mutigen Glauben und Leben helfen – und bestimmt zu nichts anderem.

Entdeckungen

Es ist nicht leicht, ein so altes und so hochkonzentriertes Büchlein zu lesen, auch nicht in einer der Ausgaben mit modernisierter Sprache. Aber es lohnt sich und kann auf viele Gedanken bringen:

Wenn nötig scheuen die Verfasser auch in einem Lern- und Unterrichtsbuch keineswegs schwierige Theologie: Auf die Frage „Wo ist Christus?“ („Ist denn Christus nicht bei uns bis ans Ende der Welt, wie er uns verheißen hat?“, Frage 47) wird Schulkindern und Gemeinde als notwendige Klärung zugemutet, dass Christus als Gott auch außerhalb von Christus als Mensch ist. Trost muss begründet und verantwortet sein, auch gedanklich!

Im dritten Druck, nach den Lehrentscheidungen des katholischen Konzils von Trient, wurde dem Katechismus die Frage 80 über Abendmahl und römisch-katholische Messfeier hinzugefügt. Sie enthält schärfste Abgrenzung und Verurteilung. Darin ist der Heidelberger Katechismus ein Dokument seiner Zeit. Solche Verdammungssätze passen nicht zur geschwisterlichen Zusammengehörigkeit der christlichen Konfessionen. Aber was in den Sätzen davor über das Abendmahl steht, muss doch gesagt werden, auch im ökumenischen Gespräch, damit aus dem Glauben an Jesus Christus kein Aberglaube wird.

Deshalb setzt der Reformierte Bund seit 1977 zu Frage 80:
„Der Katechismus spricht hier die harte Sprache des Kampfes, der in der Reformationszeit um die rechte Lehre geführt wurde. Der Gegensatz der Auffassungen über die römisch-katholische Messe und das evangelische Abendmahl besteht auch heute noch. An die Stelle der Verdammung ist aber das ökumenische Gespräch zwischen den Kirchen getreten.“

Was Christus für die Menschen tut wird in Frage 31 mit drei „Berufen“ aus Gottes Volk Israel erklärt:
„oberster Prophet und Lehrer“,
„einziger Hoherpriester“
und „ewiger König“.
Gerade diese Formulierungen sind im 20. Jahrhundert für neue theologische Rede fruchtbar worden (Karl Barth; Kirchliche Dogmatik, Band IV/1) – und sie helfen im Kirchlichen Unterricht oder in Gemeindekreisen noch heute zu Gesprächen über Jesus, bei denen mehr herauskommt als das, was alle ohnehin schon irgendwie denken.

Ein guter Text weist über sich hinaus. Der Katechismus stößt Gedanken an, die seine Verfasser noch nicht ausgeführt haben. Könnten nicht Taufe und Abendmahl (Frage 65 bis 85) auch im dritten Teil, „Von der Dankbarkeit“ stehen, als „gute Werke“ der Gemeinde, „die aus wahrem Glauben nach dem Gesetz Gottes ihm zu Ehren geschehen“ (Frage 91)? Das evangelische Verständnis des Gottesdienstes als dankbare und freie Antwort könnte so noch deutlicher werden.


Stefan Maser, Pfarrer in Horstgen, Kirchenkreis Moers