Der dreieinige Gott in Aktion - Calvins Lehre vom Heiligen Geist

von Barbara Schenck und Georg Rieger

Eine Einführung zur Trinität bei Johannes Calvin

„Was ist der Sinn des menschlichen Lebens?“ fragt der Genfer Katechismus (1545) und antwortet: „Die Erkenntnis Gottes unseres Schöpfers.“ Das ist für Calvin kein „kaltes Gedankenspiel“, sondern eine tiefgehende Erkenntnis, durch die allein der Mensch auch zu sich selbst findet.

Wer ist unser Gott? 
Der christliche Gott ist der dreieinige Gott, klassisch formuliert: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das ist für Calvin elementar wichtig: Reden wir von Gott außerhalb dieser „drei Personen“, „so flattert nur ein leerer Begriff von Gott ohne Beziehung zu dem wahren Gott in unserem Gehirn herum“ (Institutio I,13,2).

Einheit in Dreieinigkeit
Das dreieinige Wesen Gottes, die Trinität, erklärt Calvin im Genfer Katechismus, Frage 19: das Wesen Gottes des Vaters wirkt „als Anfang und Ursprung und erste Ursache aller Dinge“, der Sohn als dessen „ewige Weisheit“ und der Heilige Geist als „dessen alles durchwirkende göttliche Kraft“. An uns Menschen handelt der dreieinige Gott gemeinschaftlich: „aus der Freundlichkeit Gottes, des Vaters“ gelangen wir „durch die Wirkungskraft des Heiligen Geistes in die Gemeinschaft mit Christus“ (Institutio IV,1,3).

Gott, der Vater zeigt sich uns als Schöpfer, der die Welt am Anfang geschaffen hat und weiterhin erhält.
Der Sohn füllt drei Rollen aus, die im Alten Testament die Geschicke des Volkes Israel leiten: Jesus Christus ist unser König, Priester und Prophet.

In diesem dreifachen Amt – ein von Calvin geprägtes Bild – lenkt Gott auch unser Leben: Als König regiert Christus als treuer Helfer in aller Not. Als Priester ist Christus Mittler zwischen Gott und Mensch. Und als Prophet ist er „Gottes Gesandter“ und „Lehrer“, der uns den Willen des Vaters nahe bringt.

Der Heilige Geist ist die „wunderbare Kraft“ Gottes, die auf besondere Weise zwischen Gott und Mensch wirkt. Im Geist kommt Gott uns nahe: „Der Heilige Geist ist das Band, durch das uns Christus wirksam mit sich verbindet“ (Institutio III,1,1).

Gottes Geist - Quelle der Wahrheit
In Calvins Theologie ist die Lehre vom Heiligen Geist, die Pneumatologie „ein ganz zentrales und profilbestimmendes Thema“ (Michael Beintker). Calvin nimmt das alttestamentliche Zeugnis ernst und bedenkt auch das die ganze Welt umfangende Wirken des Geistes in der Schöpfung (1. Mose 1,1; Psalm 104,29f). Gott „erfüllt, bewegt und kräftigt“ mit seinem Geist „alle Dinge“. Jede Wahrheit stammt vom Geist Gottes, auch die in Mathematik, Medizin, Recht oder Kunst, auch dann, wenn sie von Menschen ausgesprochen wird, die sich nicht zu Jesus Christus bekennen (vgl. Institutio II,2).

Der Geist Gottes wirkt den Glauben
Ohne den Geist gäbe es keinen Glauben: „Zwar ist das Wort Gottes wie die Sonne: es scheint allen, denen es gepredigt wird, aber bei Blinden ohne Frucht! Wir aber sind in diesem Stück allesamt von Natur blind, und deshalb kann der Strahl des Wortes nicht in unseren Sinn eindringen, wenn ihm nicht der Heilige Geist als inwendiger Lehrmeister durch seine Erleuchtung Zugang verschafft!“ (Institutio III,2,34). „Glaubenserfahrung ist Geisterfahrung“ (Michael Beintker).

Gott in Aktion
Auf den Punkt gebracht: „Geist bedeutet für Calvin: Gott in Aktion, in Wirkung, in dichtester, intensivster Nähe, aber ebenso auch in anonymer, verborgen bleibender Vitalität.“ (Michael Beintker)

Der Heilige Geist im Abendmahl
Auch die Sakramente Taufe und Abendmahl bleiben kraftlos, wenn der Heilige Geist als „innerlicher Lehrmeister“ nicht präsent ist. Mit dieser Betonung der Präsenz (Anwesenheit) des Heiligen Geistes im Abendmahl ist Calvin übrigens der Abendmahlslehre Luthers näher als der Zwinglis.

Wenn die Gläubigen unter den Einsetzungsworten Brot und Wein empfangen, werden sie „durch Gottes verborgene und wunderbare Kraft“ „der eigentlichen Wirklichkeit des Leibes und Blutes Jesu Christi teilhaftig“. In diesem „Mysterium“ ist der Heilige Geist das „verbindende Band“ zwischen Christus und den Glaubenden, die „in ein gemeinsames Leben zusammenwachsen“. Der Genfer Katechismus fasst zusammen: „Im Abendmahl sind zwei Dinge beisammen, nämlich Brot und Wein, die mit den Augen gesehen, mit den Händen berührt und mit dem Geschmack wahrgenommen werden, und Christus, durch den unsere Seelen innerlich als mit der ihnen zukommenden Nahrung gespeist werden.“ Dadurch werden wir „wie mit einem Pfand unserer zukünftigen leibli-chen Auferstehung vergewissert, da auch der Leib an diesem Zeichen des Lebens teilhat.“

Den Glauben nähren
Der durch den Geist im Menschen gewirk-te Glaube muss immer wieder gestärkt werden. Diese Aufgabe übernehmen die Sakramente. Das Abendmahl „nährt“ den Glauben. Dabei passt Gott sich dem begrenzten Auffassungsvermögen des Menschen an. „Weil der Mensch ein Wesen mit vielen Sinnen ist und der Mensch oft zu schwach ist, sich vom gehörten Wort allein bewegen zu lassen – darum gibt es die Sakramente, die sinnenfällig den schwachen Menschen abholen.“ Sie sind Teil der „ganzheitlichen göttlichen Pädagogik“ (Georg Plasger).

Ohne Geist kein Glaube - Zitate
„Das vornehmste Werk des Heiligen Geistes aber ist der Glaube“. (Institutio III,1,4)

„Ist der Heilige Geist nicht dabei, so können die Sakramente unseren Herzen nicht mehr schenken, als wenn der Glanz der Sonne blinden Augen erstrahlt oder eine Stimme an taube Ohren klingt.“ (Institutio IV,14,9)

Weiter lesen?
Johannes Calvin, Institutio. Unterricht in der christlichen Religion. Im Internet unter www.calvin-institutio.de
Johannes Calvin, Der Genfer Katechismus von 1545, in: Calvin Studienausgabe Bd. 2, Neukirchen-Vluyn 1997 (CStA 2)
Michael Beintker, Calvins Theologie des Heiligen Geistes (2008)
Georg Plasger, „Das Calvinjahr 2009 als theologische Herausforderung“. Vortrag auf der Gesamtsynode der Evang.-ref. Kirche im April 2008, beide Vorträge auf www.reformiert-info.de/calvin
Georg Plasger, Johannes Calvins Theologie – eine Einführung, Göttingen 2008)


Barbara Schenck und Georg Rieger