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4. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 6,36-42 – Richtet nicht!

von Johannes Calvin

''Die Gläubigen brauchen nicht blind zu sein, daß sie keine Unterschiede kennen; sie sollen sich nur (so weit) beherrschen, daß sie nicht eifriger kritisieren, als billig ist.''

Lukas 6,36-42
36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Matth. 5, 48. „Darum sollt ihr vollkommen sein.“ Diese „Vollkommenheit" meint nicht Gleichheit, sondern kann nur auf Ähnlichkeit gedeutet werden. Wie breit auch der Graben zwischen uns und Gott sein mag, so wird uns doch befohlen, vollkommen zu sein wie er, wenn wir nur nach ebendem Ziel streben, das er uns in seiner Person vorhält. Mag jemand eine andere Deutung vorziehen; doch geschieht hier kein Vergleich zwischen Gott und uns. Vollkommenheit Gottes heißt einmal: uneigennützige, lautere Gesinnung, die nicht durch Gewinnsucht beeinträchtigt wird, zum andern: unvergleichliche Güte, die mit der menschlichen Bosheit und Undankbarkeit im Streit liegt. Das geht besser aus den Worten des Lukas hervor: „Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“. Denn Barmherzigkeit ist einem Diener um Lohn zuwider, der um seinen persönlichen Vorteil bemüht ist.

37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben! 38 Gebet, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überfließend Maß wird man in euern Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr meßt, wird man euch wieder messen.

(...)

41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht gewahr? 42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht en Balken in deinem Auge?

Matth. 7, 1. „Richtet nicht.“ Mit diesen Worten verbot Christus nicht das Richten überhaupt, sondern er wollte eine fast allen gemeinsame Krankheit heilen. Wir sehen nämlich, daß jeder den andern ein scharfer Kritiker ist, gegen sich selbst aber Nachsicht übt. Die Lust dieses Fehlers ist es, daß er fast niemanden nicht mit der Begierde kitzelt, fremde Fehler aufzuspüren. Freilich geben alle zu, es sei ein unerträgliches Übel, sich so boshaft gegen die Brüder zu benehmen und sich seine eigenen Fehler zu verzeihen. Das verurteilten einst auch die Heiden in vielen Sprich Wörtern; doch alle Zeiten krankten daran, und wir heute sind nicht ausgenommen. Es kommt sogar noch eine andere, schlimmere Seuche hinzu, daß ein guter Teil (der Menschen) sich anmaßt, andere für ihre ungehemmten Sünden zu verurteilen. Diese schlimme Lust, durchzuhecheln, zu verspotten, zu schmälern, tadelt Christus, wenn er sagt: „Richtet nicht!" Die Gläubigen brauchen nicht blind zu sein, daß sie keine Unterschiede kennen; sie sollen sich nur (so weit) beherrschen, daß sie nicht eifriger kritisieren, als billig ist. Denn wer nach Verurteilung der Brüder verlangt, wird das Maß der Strenge immer übersteigen. Dahin geht das Wort bei Jakobus (vgl. 3, 1): „Werfe sich nicht ein jeder zum Lehrer auf." Er schreckt die Gläubigen nicht ab oder hält sie davon fern, teilweise Zurechtweisung zu üben, nur sollen sie (dabei) nicht ehrsüchtig nach Ruhm streben. Richten bedeutet hier soviel wie „seine Nase in fremde Angelegenheiten stecken". Diese Krankheit zieht einmal beständig die Ungerechtigkeit nach sich, daß wir aus einem leichten Vergehen das schwerste Verbrechen machen; danach weitet sie sich in die schurkische Kühnheit aus, daß wir dünkelhaft über irgendeine Sache ein unheilvolles Urteil fällen, wenn man sie auch zum Guten hätte wenden können. Wir sehen jetzt, worauf Christus hinaus will: wir sollen nicht übermäßig lüstern, pedantisch oder mißgünstig sein oder auch nicht mit allzu großer Freude über den Nächsten herfallen. Wer sich nämlich nach Gottes Wort und Gesetz richtet und sein Urteil an der Liebe mißt, wird immer bei sich selbst mit der Kritik beginnen und dadurch das richtige Maß und die rechte Linie bei seinen. Urteil einhalten. Wie falsch wird darum dieses Zeugnis mißbraucht, wenn man unter dem Vorwand dieser uns von Christus anbefohlenen Mäßigung den Unterschied zwischen Gut und Böse aufheben will! Es ist uns nicht nur freigestellt, alle Sünden zu verdammen, sondern wir müssen es sogar tun, wenn wir nicht Gott selbst widerstreben, seine Gebote verleugnen, sein Urteil ungültig machen und seinen Richterstuhl umstürzen wollen. Er will nämlich, daß wir Herolde dieses Urteilsspruches seien, der die Taten der Menschen öffentlich anzeigt. Nur wollen wir untereinander so viel Bescheidenheit pflegen, daß er selbst unser einziger Gesetzgeber und Richter bleibt.

„Auf daß ihr nicht gerichtet werdet.“ Er kündigt die Strafe für jene Richter an, die so sehr begehren, die Fehler anderer abzuschießen. Die Zeit wird kommen, wo sie ebenso unmenschlich von anderen behandelt weiden, wo sie die Strenge, die sie gegen andere übten, am eigenen  Leib zu spüren  bekommen. Wie uns nichts lieber und kostbarer ist als unser Ruf, so empfinden wir es als besonders bitter, mit den Schmähungen der Leute und einem üblen Ruf belegt zu werden. Aber durch unsere Schuld ziehen wir eben das auf uns herab, vor dein wir uns mit Haut und Haar so sehr fürchten. Wer untersuchte nämlich nicht (gern) die Angelegenheiten anderer genauer, als ihm zukommt? Wer zürnt nicht allzu ausdauernd über leichte Vergehen? Wer mißbilligte nicht pedantisch, was an sich schon Mittelpunkt (des Geredes) war? Was ist das sonst als Gott durch unser Benehmen zur Rache herausfordern, daß er Gleiches mit Gleichem  vergelte? Wenn auch die gerechte Strafe Gottes sich vollzieht, indem entsprechend die geschädigt werden, die andere richteten, so ist es doch der Herr, der durch Menschen die Rache vollstreckt. Denn daß Chrysostomus und einige andere die Strafe auf das zukünftige Leben beschränken, ist erzwungen. Wie Jesaja (33, 1) droht, daß man Räuber auch berauben werde, so meint Christus, die Rächer werden nicht ausbleiben, die ungerechte und schmähsüchtige Menschen mit der gleichen giftigen Zunge, mit der gleichen Strenge bestrafen. Wenn die Menschen, die allzu gierig darauf gerichtet waren, die Brüder zu verurteilen, in der Welt auch der Strafe zu entkommen suchen, so entfliehen sie doch nicht dem Gericht Gottes.

Bei Lukas wird noch die Verheißung hinzugesetzt: „Vergebet, so wird euch vergeben. Gebet, so wird euch gegeben“. Wer sich also den Brüdern freundlich menschlich und wohlwollend erzeigt hat, dem wird Gott schenken, daß er die gleiche Milde anderer an sich fühlt, daß er gütig und liebevoll von ihnen behandelt wird. Zwar kommt es oft vor, daß die Kinder Gottes einen sehr üblen Lohn empfangen und mit vielen ungerechten Vorwürfen belastet werden; doch widerstreitet das dem Ausspruch Christi nicht. Denn von den Verheißungen, die sich auf das gegenwärtige Leben beziehen, wissen wir, daß sie nicht durchgängig und ausnahmslos gelten. Wenn auch der Herr zeitweise zuläßt, daß die Seinen in Unschuld schmachvoll bedrückt und fast zugrunde gerietet werden, erfüllt er doch zugleich, was er an anderer Stelle sagt, nämlich daß ihre Lauterkeit leuchtet wie das Morgenrot (vgl. Jes. 58, 8). So ist sein Segen immer stärker als ungerechte Schmähreden. Wenn er die Gläubigen unwürdigen Vorwürfen aussetzt, so will er sie damit demütigen, um endlich dennoch ihre gute Sache ans Licht zu bringen Auch wenn die Gläubigen selbst trotz ihres Bemühens, ihren Brüdern wohlwollend zu begegnen, sich gegen Brüder und Unschuldige, die keine Strafe verdienen, zu maßloser Härte hinreißen lassen, fordern sie durch eigene Schuld das gleiche Urteil gegen sich heraus. Sicherlich empfangen sie (für ihre Wohltaten) nicht ein volles, überlaufendes Maß zurück; das ist der Undankbarkeit der Welt zuzuschreiben, doch sind sie zu einem Teil auch selbst schuld, weil es niemanden gibt, der so großzügig, wie er sollte, mit den Brüdern umgeht

Matth. 7, 3. „Was siebst du aber den Splitter...“ Er legt ausdrücklich, den Finger auf ein Gebrechen, unter dem die Heuchler allgemein leiden. Denn sie sind scharfsichtig genug, die Fehler anderer zu erkennen, und das nicht nur in strenger Weise, sondern sie weiten sie fast grausig aus, während sie ihre eigenen hinter sich werfen. Sie sind sogar so geschickt, diese zu verdünnen, damit auch das gröbste Verbrechen verzeihlich erscheinen möchte. Beide Übel greift Christus darum an, die aus Mangel an Liebe übertriebene Scharfsichtigkeit, mit der wir allzu hartherzig die Fehler der Brüder aufspüren, und die Nachsicht, mit der wir unsere Sünden bedecken und hegen.

40 Der Jünger ist nicht über seinen Meister; wenn der Jünger vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.

Matth. 10, 24. „Der Jünger ist nicht über seinen Meister.“ Nun ermuntert er sie durch sein Beispiel zur Geduld, und dieser Trost ist wahrlich so geartet, daß er alle Trauer aufschluckt, solange wir nur finden, daß der Sohn Gottes das gleiche Geschick mit uns teilt. Damit uns dennoch um so mehr Ehrfurcht ankomme, entlehnt er ein doppeltes Gleichnis aus menschlicher Gepflogenheit. Der Jünger rechnet sich zur Ehre an, wenn er dem Meister gleichgestellt wird; mehr Auszeichnung wagt er freilich nicht zu begehren. Ferner, was die Herren sich unnachgiebig an Zumutung auferlegen, dem unterziehen sich willig auch die Knechte. Da in beiden Fällen der Sohn Gottes über uns gestellt ist, weil ihm der Vater das gewaltigste Reich übergeben und dabei die Rolle des Meisters eingeschlossen hat, sollten wir uns schämen, etwas zu fliehen, was er um unsertwillen gern auf sich nahm. Aber dies bedarf mehr des Nachdenkens als der Erklärung; denn an sich ist es klar. Lukas bringt im 6. Kapitel diesen Ausspruch zwischen anderen Predigtstücken völlig unvermittelt und ohne Zusammenhang; da aber Matthäus bei dieser Stelle trefflich zeigt, worauf sie abzielt, konnte er sie nach meiner Schätzung nirgends besser unterbringen als hier. Übrigens darf man in der Übersetzung weder nach Erasmus noch nach einem alten Ausleger gehen, aus folgendem Grund: das griechische Wort für „vollkommen" bedeutet soviel wie: „tauglich", „der Sache entsprechend". Da Christus außerdem hier über das Gleichnis, nicht über die Vollkommenheit spricht, etwa so, daß nichts natürlicher sei, als daß der Jünger dem Vorbild des Meisters nacheifere, scheint die letztere Bedeutung eher zuzutreffen.

Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Zwölfter Band: Die Evangelien-Harmonie 1. Teil, Neukirchener Verlag, 1966, S. 198ff, 226ff und 302ff.

 

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