7. Sonntag nach Trinitatis: Johannes 6,1-15 – Fünf Brote und zwei Fische

von Johannes Calvin

Mosaik in Tabga, See Genezareth

''Christus hat es ganz deutlich gemacht, daß er der Welt nicht nur das geistliche Leben bringt, sondern vom Vater auch dazu bestimmt ist, den Leib zu erhalten.''

Johannes 6,1-15 

1 Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, daran die Stadt Tiberias liegt. 2 Und es zog ihm viel Volks nach, darum, daß sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. 3 Jesus aber ging hinauf auf den Berg und setzte sich daselbst mit seinen Jüngern. 4 Es war aber nahe Ostern, der Juden Fest. 5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, daß viel Volks zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, daß diese essen? 6 Das sagte er aber, ihn zu prüfen; denn er wußte wohl, was er wollte. 7 Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug unter sie, daß ein jeglicher davon nehme. 8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: 9 Es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das unter so viele? 10 Jesus aber sprach: Schaffet, daß sich das Volk lagere. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich bei fünftausend Mann. 11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, wieviel sie wollten. 12 Da sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, daß nichts umkomme. 13 Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die übrigblieben denen, die gespeist worden.

V. 1. „Danach fuhr Jesus weg...“ Während sonst der Evangelist die Taten und Worte Christi zu sammeln pflegt, die die andern drei Evangelisten übergangen hatten, wiederholt er hier gegen seine Gewohnheit die Geschichte eines Wunders, das auch von ihnen erzählt worden ist. Das tut er aber mit der Absicht, um von da aus auf Christi Rede überzugehen, die er am Tage darauf in Kapernaum hielt; denn sie hing mit dem Wunder zusammen. Obwohl also diese Erzählung auch bei den drei anderen Evangelisten steht, hat sie hier doch etwas Besonderes, weil sie ein anderes Ziel hat, wie wir sehen werden. Einige sagen, sie habe sich bald nach dem Tode Johannes des Täufers zugetragen. Dieses Ereignis sei der Grund für das Ausweichen Christi gewesen. Denn sobald sich Tyrannen einmal mit dem Blute der Frommen befleckt haben, entbrennen sie zu schlimmerem Wüten, nicht anders als maßloses Trinken den Trunkenen immer stärkeren Durst macht. Es ist so, als wollte Christus durch seinen Weggang die Wut lies Hemdes verrauchen lassen. Das Galilaische Meer steht für den „See Genezareth". Indem er hinzufügt, er habe der „See von Tiberias" geheißen, bczeichnete er den Ort deutlicher, an den Christus sich begab; denn nicht der ganze See hatte diesen Namen, sondern nur der Teil, an dem Tiberias lag.

V. 2. „Und es zog ihm viel Volks nach . . .“ Der Eifer, Christus nachzufolgen, ist daher so brennend, weil das Volk nach dem Anblick seiner Kraft bei den Wunderheilungen davon überzeugt war, er sei ein großer Prophet und von Gott gesandt. Übrigens läßt der Evangelist hier beiseite, was die drei anderen berichten, nämlich daß unter Lehren und Krankenheilungen ein Teil des Tages bereits vergangen war und die Jünger, als der Tag sich schon neigte, ihn darum gebeten hätten, die Scharen gehen zu lassen. Es genügte ihm, die Hauptsache kurz zu streifen, um uns bei dieser Gelegenheit zu dem hinzuführen, was gleich folgt. Übrigens sehen wir hier vor allem, welch brennender Eifer das Volk beseelte, Christus zu hören. Keiner nämlich denkt weiter an sich; in aller Ruhe erwarten sie alle in einer ganz verlassenen Gegend die Nacht. Um so weniger Entschuldigung haben wir für unsere Trägheit oder, besser, Gleichgültigkeit; denn wir räumen der himmlischen Lehre Christi so wenig den Vorrang vor der Sorge um unser leibliches Wohl ein, daß uns schon die geringsten Zerstreuungen von dem Gedanken an das ewige Leben ablenken, ja, es nur ganz selten vorkommt, daß Christus uns frei und los von weltlichen Behinderungen findet. Ihm gar auf einen einsamen Berg zu folgen, dazu wäre keiner geneigt; kaum jeder zehnte fände sich bereit, ihn aufzunehmen, selbst wenn er bei ihm daheim unter allen Bequemlichkeiten erschiene. Wie sehr aber auch diese Krankheit fast in der ganzen Welt verbreitet ist, so steht doch fest: Niemand ist für das Reich Gottes geeignet, der nicht gelernt hat, all solche Bequemlichkeit abzuschütteln und begieriger nadi der Speise für die Seele zu verlangen, als sich durch seinen Bauch hindern zu lassen. Aber da uns unser Fleisch immer zwingt, seinen Bedürfnissen zu dienen, muß man auch wiederum beachten, daß Christus aus freien Studien die Sorge für diejenigen auf sich nimmt, die sich selbst verleugnen. Denn er wartet nicht, bis die Hungrigen rufen, sie gingen vor Hunger zugrunde und es sei nicht ausreichend Nahrung da, sondern er gibt ihnen Speise, ohne gebeten zu sein. Es könnte einer sagen, das sei nicht immer so; oft sähen wir die Frommen, während sie sich dem Reiche Gottes verschrieben hätten, doch von Hunger erschöpft beinahe dahinschwinden. Darauf antworte ich: Wenn Christus auch auf diese Weise unsern Glauben und unsere Standhaftigkeit auf die Probe stellen wollte, so sieht er vom Himmel her unsere Not und sorgt sich darum, sie zu erleichtern, soweit es uns nützt. Daß er aber nicht sofort hilft, geschieht aus gutem, wenn auch uns verborgenem Grunde.

V. 3. „Jesus aber ging hinauf auf den Berg ...“ Ohne Zweifel suchte Christus die Einsamkeit zum Passahfest. Deshalb heißt es, er habe sich mit seinen Jüngern auf einem Berge niedergelassen. Doch war das seine Absicht nur als Mensch; Gottes Absicht indessen war anders, und ihr gehorchte er gern. Obwohl er daher dem Anblick der Menschen zu entfliehen suchte, läßt Gottes Hand ihn doch wie auf einem ruhmvollen Schauplatz auftreten. Die Menschenmenge nämlich war auf dem einsamen Berge größer als in irgendeiner volkreichen Stadt; auch ging so von seinem Wunder ein viel größerer Ruhm aus, als wenn er mitten auf dem Markt von Tiberias gestanden hätte. Deshalb lehrt uns dieses Beispiel, unsere Pläne so zu fassen, daß wir ohne Bedauern Gottes Überlegenheit anerkennen, der alles nach seinem Willen lenkt, auch wenn etwas anders ausgeht, als wir gedacht hatten.

V. 5. „Da hob Jesus seine Augen auf ... und spricht zu Philippus ...“ Was wir hier als ein Wort an Philippus allein lesen, hat er nach der sonstigen Überlieferung zu allen gesagt. Das ist nicht weiter sonderbar; denn wahrscheinlich ist es, daß Philippus die Meinung aller ausgesprochen hatte; daher antwortet Christus ihm besonders. So läßt er gleich danach Andreas als Sprecher auftreten, wo die anderen Evangelisten berichten, er habe alle in gleicher Weise angeredet. Er versucht in der Person des Philippus die Jünger alle, ob sie wohl ein Wunder erwarteten, wie sie es bald sehen sollten. Als er bemerkt, daß sie keine außergewöhnliche Hilfe vermuten, weckt er ihre gleichsam schlafende Aufmerksamkeit, damit sie wenigstens den gegenwärtigen Augenblick mit wachen Sinnen wahrnehmen. Der einzige Zweck aber aller ihrer Worte ist es, Christus dazu zu bringen, das Volk wegzuschicken. Vielleicht denken sie dabei auch an sich persönlich, daß nämlich nicht ein Teil der unbequemen Aufgabe ihnen zufalle. Deshalb verfolgt Christus sein Beginnen weiter, ohne auf ihre Einwürfe zu achten.

V. 7. „Philippus antwortete ihm ...“ Da die Jünger arm waren und nur sehr wenig Geld besaßen, wollte Andreas Christus mit der Größe der Summe, die für die Verpflegung der Menge notwendig war, abschrecken, als wenn er sagen wollte, ihre Mittel reichten zur Ernährung der Volksmenge nicht aus.

V. 10. „Jesus aber sprach...“ Daß die Jünger nicht schneller merkten, ihr Meister wolle ihnen Hoffnung machen, und es ihnen nicht in den Sinn kam, zu seiner Macht so viel Zutrauen zu haben, wie ihr gebührte, ist zwar zu tadeln, doch verdient es auch nicht geringes Lob, daß sie seinen Auftrag jetzt so schnell ausführten, obwohl sie nicht wußten, was er selbst vorhatte und wozu sie das taten, was sie jetzt tun sollten. Auch das Volk gehorcht so schnell; denn ohne zu wissen weshalb, lagern sich alle auf ein einziges Wort hin. Das ist der Beweis für den wahren Glauben, wenn Gott die Menschen wie im Finstern wandeln läßt. Dazu sollen wir lernen, daß wir für unsere Person zwar gar nichts wissen können, aber nichtsdestoweniger auch in einer verworrenen Lage auf einen guten Ausgang hoffen sollen, indem wir Gottes Führung folgen, der die Seinen niemals im Stiche läßt.

V. 11. „Jesus aber nahm die Brote ...“ Nicht nur einmal hat Christus uns durch sein Beispiel ermahnt, jede Mahlzeit mit einem Gebet zu beginnen. Alles, was Gott für unseren Gebrauch bestimmt hat, fordert uns als ein Zeichen seiner unendlichen Güte und väterlichen Liebe gegen uns dazu auf, ihn zu preisen. Die Danksagung ist, wie Paulus (1. Tim. 4, 4) lehrt, gewissermaßen eine Heiligung, so daß wir dadurch beginnen, einen reinen Gebrauch von dem zu machen, was wir genießen. Daraus folgt, daß diejenigen, die ohne an Gott zu denken, seine Gaben hinunterschlingen, sie gottlos herabwürdigen. - Um so mehr ist diese Mahnung zu beherzigen, als wir sehen, wie heutzutage ein großer Teil der Welt sich wie die Tiere mästet. Jesus wollte das Brot, das er den Jüngern gab, unter ihren Händen wachsen lassen. Daraus entnehmen wir die Lehre, daß Gott unsere Arbeit segnet, wenn wir uns gegenseitig Dienste erweisen. Wir wollen jetzt den Sinn des ganzen Wunders zusammenfassen: es hat mit den andern gemein, daß Christus in ihm seine Macht in Verbindung mit seiner Güte offenbart hat. Es liegt für uns darin auch eine Bestärkung der Überzeugung, daß uns nach seiner Verheißung alles andere zufallen wird, wenn wir seiner Mahnung folgen und das Reich Gottes suchen. Denn wenn er die Sorge für die übernommen hat, die nur infolge eines plötzlichen Verlangens zu ihm gekommen waren, wie sollte er dann für uns nicht dasein, wenn wir beständigen Herzens ihn suchen? Mag er es zwar bisweilen zulassen, wie ich schon sagte, daß die Seinen Mangel leiden, wird doch seine Hilfe sie niemals im Stich lassen. Wenn er uns nur in der äußersten Not hilft, hat er dafür die besten Gründe. Man bedenke auch: Christus hat es ganz deutlich gemacht, daß er der Welt nicht nur das geistliche Leben bringt, sondern vom Vater auch dazu bestimmt ist, den Leib zu erhalten. Der Überfluß an allen Gütern ist ihm in die Hände gelegt, daß er sie in Strömen unter uns ausgieße: er ist die lebendige Quelle, die aus dem ewigen Vater strömt.

Daher bittet Paulus (1. Kor. 1, 3) ihn und den Vater gemeinsam um alle Güter. Und an anderer Stelle (Eph. 5, 20) lehrt er, daß wir in allem durch ihn Gott danken müssen. Und diese Gabe eignet nicht nur seiner ewigen Gottheit, sondern auch in seiner menschlichen Gestalt hat der himmlische Vater ihn uns zum Hausvater eingesetzt, um uns durch seine Hand zu sättigen. Wenn wir aber auch nicht Tag für Tag mit unsern eigenen Augen Wunder sehen, so offenbart Christus seine Macht doch nicht weniger darin, daß er uns reichlich ernährt. Und gewiß lesen wir nichts davon, daß er jedesmal, wenn er die Seinen speisen wollte, sich neuartiger Mittel dazu bediente. Daher wäre es ein falsches Gebet, wenn einer verlangen wollte, Christus mochte ihm irgendwie ungewöhnlich Speise und Trank zukommen lassen. Man muß hinnehmen, daß Christus dem Volke keine großartigen Mahlzeiten zubereitete; mit Gerstenbrot und getrocknetem Fisch mußten die Leute zufrieden sein, die bei jener Mahlzeit seine wunderbare Macht unverhüllt sehen Konnten. Wenn er nun aber auch heute nicht fünftausend Menschen mit fünf Hinten sattmacht, so hört er doch nicht auf, die ganze Welt wunderbar zu erhalten. Freilich ist es ein Widerspruch für uns, daß der Mensch nicht von Brot allein lebe, sondern von dem Wort, das aus Gottes Munde kommt (Deut. 8, 3). Wir sind nämlich den von außen kommenden Mitteln zur Erhaltung unseres Daseins so sehr verhaftet, daß uns nichts schwerer wird, als nur von Gottes Fürsorge abzuhängen. Daher stammt unsere große Unruhe, sobald einmal kein Brot zur Hand ist. Wenn aber einer alles richtig gegeneinander abwägt, dann müßte er in all unserer Nahrung Gottes Güte erkennen. Aber die Wunder der Natur scheinen uns durch alltägliche Gewohnheit selbstverständlich. Doch steht uns darin nicht so sehr nur unsere Trägheit im Wege als vielmehr unser verkehrter Sinn. Wen nämlich gibt es, der nicht lieber hundertmal im irrenden Schweifen seiner Gedanken Himmel und Knie absuchte, als seine Augen auf Gott zu richten, der sich ihm darbietet?

V. 13. „Da sammelten sie und füllten... zwölf Körbe...“ Als viertausend Menschen von sieben Broten satt geworden waren, wie Matthäus (15, 37) schreibt, gibt er die gleiche Zahl von Körben Brot an, die nach der Mahlzeit übrig waren, wie die Zahl der Brote betragen hatte. Da also für eine größere Menschenmenge weniger Brote ebenfalls genügten und fast doppelt soviel übrigblieb, erkennen wir daraus noch besser, wie kraftvoll der Segen Gottes ist, vor dessen Anblick wir unsererseits einfach die Augen schließen. Man muß auch noch auf folgendes achten: obwohl Christus, um das Wunder recht deutlich zu machen, befiehlt, die Reste in Körbe zu füllen, mahnt er zugleich die Seinen mit den Worten zur Sparsamkeit: sammelt es, damit nichts umkomme. Die Freigebigkeit Gottes darf kein Anlaß zu Verschwendung werden. Wer also Überfluß hat, soll daran denken, daß er einst Rechenschaft über seinen maßlosen Reichtum ablegen muß, wenn er nicht eifrig und treu für gute und Gott wohlgefällige Zwecke einsetzt, was ihm zugeflossen ist.

14 Da nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll. 15 Da Jesus nun merkte, daß sie kommen würden und ihn greifen, damit sie ihn zum König machten, entwich er abermals auf den Berg, er selbst allein.

V. 14. „Da nun die Menschen . . .“ Das Wunder scheint den Erfolg gehabt zu haben, daß sie seinen Urheber als Messias anerkennen; das war das Ziel, das Christus verfolgte. Aber diese Kenntnis von Christus setzen sie bald für einen verkehrten Zweck ein. Es ist der häufigste Fehler der Leute: sobald Gott sich ihnen offenbart, verderben sie seine Wahrheit mit ihren Irrtümern und verkehren sie ins Gegenteil. Ja, wenn sie den rechten Weg eingeschlagen zu haben scheinen, verfehlen sie ihn durch eigene Schuld doch bald wieder.

V. 15. „Da Jesus nun merkte . . .“ Daß die Leute Christus den Ehrentitel König übertragen wollten, war nicht unbegründet; darin aber fehlten sie sehr, sich die Freiheit zu nehmen, ihn zum König zu wählen. Denn die Schrift behält das Gott allein vor, wie es im Psalm 2, 6 heißt: „Ich habe meinen König eingesetzt." Und was für ein Königreich sinnen sie ihm an? Natürlich ein irdisches, und das liegt seiner Rolle völlig fern. Hieraus wollen wir lernen, wie gefährlich es ist, in göttlichen Dingen Gottes Wort nicht zu beachten und unseren eigenen Gedanken zu folgen. Es gibt nämlich nichts, was unser falscher Scharfsinn nicht verderben könnte. Und was hilft der Vorwand lies Eifers, wenn wir durch unsere falsche Verehrung Gott größere Schmach antun, als wenn einer absichtlich seinen Ruhm bekämpfen wollte? Wir wissen, mit welcher Wut die Feinde versuchten, Christi Ruhm auszulöschen. Jener Augenblick, als er zur Kreuzigung geführt wurde, war gewiß der Höhepunkt ihrer Macht. Und doch ist so der Welt das Heil gebracht worden, und Christus selbst hat über Tod und Hölle einen herrlichen Triumph gefeiert. Wenn er es nun geduldet hätte, zum König gewählt zu werden, wäre es um sein geistliches Königreich geschehen gewesen, das Evangelium wäre mit ewiger Schande gebrandmarkt und die Hoffnung auf das Heil gänzlich vernichtet worden. Nur das erreichen schließlich die angeblichen Ehren und Verehrungen, die unbedacht von Menschen ersonnen worden sind, daß sie Gott seine wahre Ehre nehmen und ihn dafür mit Schande beladen. Zu bemerken ist auch der Ausdruck „greifen“. Sie wollten Christus „greifen“, sagt der Evangelist, das heißt, sie wollten ihn mit Gewalt, auch wenn er noch so sehr dagegen gewesen wäre, „zum König machen“. Wenn wir deshalb wünschen, dem zu gefallen, dem wir eine Ehre übertragen, müssen wir immer darauf sehen, was er selbst verlangt. Wer Gott selbsterfundene Ehren aufnötigt, tut ihm gewissermaßen Gewalt an und legt Hand an ihn, während Gehorsam die Grundlage rechter Gottesverehrung ist. Außerdem lernen wir hieraus, wie ehrfürchtig wir beim reinen und einfachen Wort Gottes bleiben müssen, weil die Wahrheit, sobald wir auch nur ganz wenig von ihr abweichen, von unserer Verderbtheit befallen wird, so daß sie schon aufhört, sich selbst ähnlich zu sein. Sie wußten es aus Gottes Wort, daß der verheißene Erlöser ein König sein sollte; aber nach ihrem Verständnis dachten sie nur an ein weltliches Königreich und trugen ihm gegen Gottes Wort die Königsherrschaft an. Sooft wir so dem Worte Gottes unsere eigenen Gedanken beimischen, entartet der Glaube zu leichtfertigen Vermutungen. Also sollen sich die Gläubigen an Bescheidenheit gewöhnen, daß nicht Satan sie zu verkehrtem Feuereifer hinreiße und sie nicht wie die Riesen der Sage auf Gott losstürmen, der doch nur dann richtig verehrt wird, wenn wir ihn so umfassen, wie er sich uns anbietet. Sonderbar aber ist es, daß in fünftausend Menschen eine so rasende Verwegenheit aufkam, daß sie kein Bedenken trugen, durch die Wald eines neuen Königs die Wallen des Pilatus und die Macht des Römischen Reiches gegen sich herauszufordern. Sicher hätten sie sich niemals so weit vorgewagt, wenn sie nicht im Vertrauen auf die Verheißungen der Propheten gehofft hätten, Gott stehe auf ihrer Seite und sie blieben so Sieger. Indessen irrten sie in ihren Gedanken an ein Königreich; dazu hatten die Propheten nirgends ermutigt. So fern lag es also, daß sie bei ihrem Versuch Unterstützung durch die Hand Gottes finden konnten; und deshalb entzog sich Christus ihnen lieber.

 


Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Vierzehnter Band: Das Johannes-Evangelium, Neukirchener Verlag, 1964, S. 144ff.