Calvin und die Reform des Gottesdienstes

»Und so ist es auch zweckmäßig und vernünftig, dass alle wissen und verstehen, was im Gotteshaus gesagt und getan wird; nur so können sie daraus Frucht und Erbauung gewinnen.«

Calvins Straßburger Psalmgesangbüchlein von 1539, dem ersten ev. Gesangbuch in franz. Sprache

Mit der Rückkehr nach Genf 1541 stand Calvin vor der Aufgabe, die begonnenen Reformen weiter voranzutreiben. Nach dem Straßburger Vorbild reformierte er den Gottesdienst und führte den Psalmengesang ein.

Zentrales Instrument der Gottesdienstreform war das Gesangbuch von 1542/43.  Jeder Christ, jede Christin in Genf sollte über die Inhalte des Gottesdienstes Bescheid wissen. Im Genfer Gesangbuch war neben den Psalmliedern der Ablauf des Gottesdienstes, der Abendmahls-, Tauf- und Traufeier sowie des Krankenbesuchs abgedruckt.

Calvin selbst gibt in der unten abgedruckten Vorrede zum Gesangbuch Einblicke in seine Gottesdiensttheologie: Der Gottesdienst und der Gesang dienen der Ehre Gottes und sind auf die gemeinsame Erbauung aller ausgerichtet. Deshalb ist es notwendig, dass alle Gläubigen Inhalt und Verlauf des Gottesdienstes nachvollziehen können. Der Gottesdienst ist für ihn dabei keineswegs eine bloß verstandesmäßige Angelegenheit. Zwar soll der Verstand durchaus erleuchtet werden, aber auch das ›Herz‹ soll unmittelbar berührt werden durch eine lebendige Bewegung aus dem Hei­ligen Geist. Eine besondere Rolle spielt dabei der Gesang, der die große Kraft und Wirkung hat, die Herzen der Menschen zu bewegen. Wobei Calvin deutlich macht, dass der Gesang in der Gegenwart Gottes und seiner Engel ein anderer zu sein hat als der Gesang auf den Straßen und in den Häusern. Für ihn müssen die Gesänge angemessen und heilig sein, was ihm in besonderer Weise durch die Psalmlieder der Bibel gewährleistet scheint.

Die Gesangbuchvorrede von 1543
»Johannes Calvin wünscht allen Christen und denen, die Gottes Wort lieb haben, Heil.
In der Christenheit ist es wichtig und etwas vom Nötigsten, dass jeder Gläubige die Gemeinschaft mit der Kirche an seinem Ort pflegt, indem er die Versammlungen besucht, die am Sonntag wie an den anderen Tagen stattfinden, um Gott die Ehre zu geben und ihm zu dienen. Und so ist es auch zweckmäßig und vernünftig, dass alle wissen und verstehen, was im Gotteshaus gesagt und getan wird; nur so können sie daraus Frucht und Erbauung gewinnen. Denn unser Herr hat die Ordnung, die wir einhalten, wenn wir uns in seinem Namen versammeln, nicht eingesetzt, um der Welt Unterhaltung zum Anschauen und Zuschauen zu bieten, sondern er hat vielmehr gewollt, dass seinem ganzen Volk daraus ein Gewinn entstehe, wie der heilige Paulus das bezeugt, wenn er anordnet, dass alles, was in der Kirche geschieht, auf die gemeinsame Erbauung aller gerichtet sein soll (I. Korinther 14,1-5); und das würde der Diener nicht an­ordnen, wenn es nicht die Absicht des Meisters wäre.
Nun darf es nicht vorkommen, dass wir der Unterweisung man­geln, all das zu verstehen, was zu unserem Nutzen eingerichtet wor­den ist. Denn es wäre ja aufs Höchste lächerlich, zu meinen, wir könnten andächtig sein, sei es zum Gebet, sei es zu den heiligen Handlungen, ohne etwas zu verstehen – obwohl das immer wieder behauptet wird. Die wirkliche Zuneigung zu Gott ist nichts Totes oder Plumpes, sondern es ist eine lebendige Bewegung aus dem Hei­ligen Geist, wenn das Herz unmittelbar berührt und der Verstand er­leuchtet wird. Und in der Tat, wenn man erbaut werden könnte durch Dinge, die man sieht, ohne zu wissen, was sie bedeuten, würde der heilige Paulus das Zungenreden nicht so streng verbieten und würde nicht behaupten, es gäbe keine Erbauung, wo es keine Lehre gibt (I. Korinther 14, 6-19). Darum, wenn wir die heiligen Ordnun­gen unseres Herrn, an die wir uns in der Kirche halten, recht in Ehren halten wollen, dann haben wir in erster Linie zu wissen, was sie ent­halten, was sie bedeuten und wohin sie zielen, damit ihr Gebrauch nützlich und heilsam und somit auch richtig geregelt sei.
Nun ist es im Ganzen dreierlei, was unser Herr uns bei unseren geistlichen Versammlungen zu halten befohlen hat, nämlich die Pre­digt seines Wortes, die öffentlichen und feierlichen Gebete und die Verwaltung der Sakramente. Ich sehe für diesmal davon ab, über die Predigt zu sprechen, weil es sich hier nicht darum handelt. Was die beiden anderen Elemente angeht, haben wir den ausdrücklichen Auftrag des Heiligen Geistes, dass die Gebete in der allgemeinen Volkssprache gehalten werden. Und der Apostel sagt, dass das Volk nicht mit «Amen» antworten kann, wenn das Gebet in einer fremden Sprache gesprochen worden ist (I. Korinther 14,16). So ist es, weil je­der muss teilnehmen können, wenn einer im Namen und an Stelle von allen spricht. Deshalb war es eine zu große Unverschämtheit von jenen, welche die lateinische Sprache in den Kirchen eingeführt haben, wo man sie nicht allgemein verstand. Und es gibt keine Spitz­findigkeit noch Sophisterei, die sie von dem Vorwurf befreien könnte, dass dies eine verkehrte und Gott missfällige Art sei. Denn man darf doch nicht annehmen, es gefalle ihm, was seinem Willen unmittelbar zuwiderläuft und gewissermaßen ihm zum Trotz ge­schieht. Man könnte ihn nicht mehr verachten, als indem man sol- cherart seinem Verbot zuwiderhandelt und sich mit dieser Aufleh­nung sich erst noch brüstet, als ob das eine heilige und wohllöbliche Sache wäre.
Was die Sakramente angeht: Wenn wir ihr Wesen genau betrach­ten, werden wir erkennen, dass es ein verkehrter Brauch ist, sie so zu feiern, dass das Volk davon nichts als den Anblick hat, ohne Erläute­rung der darin enthaltenen Geheimnisse. Wenn dies doch sichtbare Worte sind (wie Augustin die Sakramente bezeichnet), dann darf es dabei nicht nur ein äußerliches Schauspiel geben, sondern die Lehre muss damit verbunden sein, um ihnen Sinn zu geben. Unser Herr hat dies auch, als er sie einsetzte, deutlich gezeigt, denn er sagt, dass dies Zeugnisse des Bundes seien, den er mit uns geschlossen und mit sei­nem Tode besiegelt hat (I. Korinther 11,25). Es ist daher nötig, dass wir, um ihnen Raum zu geben, wissen und verstehen, was dabei ge­sprochen wird; andernfalls würde unser Herr vergeblich seinen Mund öffnen, um zu reden, wenn keine Ohren da wären, welche hören. Aber es ist nicht nötig, dies weiter zu erörtern. Denn, wenn man die Sache mit ruhiger Überlegung beurteilt, wird es keinen ge­ben, der nicht eingestünde, dass es reine Taschenspielerei ist, das Volk mit Zeichenhandlungen zu unterhalten, deren Bedeutung ihm überhaupt nicht erklärt wird. So ist es leicht einzusehen, dass man die Sa­kramente Jesu Christi entweiht, wenn man sie so verwaltet, dass das Volk von den Worten, die dabei gesprochen werden, rein nichts ver­steht. Und man sieht ja tatsächlich den Aberglauben, der daraus er­wachsen ist. Denn man meint allgemein, die Konsekration sowohl des Taufwassers, als auch von Brot und Wein beim Abendmahl unse­res Herrn sei eine Art Verwandlung. Das heißt, man meint, wenn man mit dem Munde die Worte geflüstert und ausgesprochen habe, spürten die fühllosen Elemente die Kraft, auch wenn die Menschen dabei nichts vernehmen. Aber die wahre Konsekration ist die, welche durch das Wort des Glaubens geschieht, wenn es verkündet und an­genommen wird, wie der heilige Augustinus sagt (So. Predigt zu Jo­hannes): das, was ausdrücklich enthalten ist in den Worten Jesu Chri­sti. Denn er sagt nicht zum Brot, es solle sein Leib werden, sondern er richtet das Wort an die Versammlung der Gläubigen und sagt: «Nehmet, esset, usw.» (Matthäus 26,26). Wenn wir demnach das Sa­krament richtig feiern wollen, müssen wir die Lehre haben, durch welche uns das, was damit gemeint ist, erklärt wird. Ich weiß wohl, dass das jenen recht fremd erscheint, die sich noch nicht daran ge­wöhnt haben, wie es mit allen neuen Dingen geht. Aber es ist ganz in Ordnung, dass wir, wenn wir Jesu Christi Jünger sein wollen, seine Anordnung unserer Gewohnheit vorziehen. Und es darf uns nicht als neu erscheinen, was er von Anfang an eingesetzt hat.
Wenn das noch nicht ins Verständnis eines jeden eindringen kann, dann müssen wir Gott bitten, dass er die Unwissenden erleuchten wolle, sodass sie verstehen, wieviel weiser er ist als alle Menschen auf der Welt, und lernen, nicht länger bei ihrem eigenen Verstand stehen zu bleiben, auch nicht bei der törichten und tollen Weisheit ihrer blinden Führer.
Was nun den Gebrauch in unserer Kirche angeht, schien es uns richtig, eine Art Formular der Gebete und Sakramente erscheinen zu lassen, damit jeder nachlesen kann, was er in der Christenversamm­lung sprechen und handeln hört. Umso mehr als dieses Buch nicht nur dem Volk dieser Kirche von Nutzen ist, sondern auch allen an­dern, die wissen wollen, welche Ordnung die Gläubigen befolgen sollen, wenn sie im Namen Jesu Christi zusammenkommen.
So haben wir in einem Handbüchlein gesammelt: die Ordnung für die Feier der Sakramente und für die Eheeinsegnung, ferner die Bitten und Lobpreisungen, die wir in Gebrauch haben. Von den Sa­kramenten wird ein ander Mal die Rede sein. Was nun die gemeinsa­men Gebete angeht, so gibt es deren zweierlei: Die einen werden mit schlichten Worten vorgetragen, die andern mit Gesang. Und das ist keine Erfindung aus allerjüngster Zeit. Denn seit den ersten An­fängen der Kirche gab es das, wie aus der Geschichte klar hervorgeht. Und selbst der heilige Paulus spricht nicht nur vom Beten mit dem Mund, sondern auch vom Singen (I. Korinther 14,15). Und wahr­haftig, wir wissen aus Erfahrung, dass das Singen große Kraft und Wirkung hat, die Herzen der Menschen zu bewegen und zu entflam­men, sodass sie Gott mit heiligerem und glühenderem Eifer anrufen und loben. Man sollte stets darauf achten, dass das Singen nicht ober­flächlich und flatterhaft sei, sondern Gewicht und Würde habe (wie der heilige Augustinus sagt), und dass man sorgfältig unterscheide zwischen der Musik, die gemacht wird, um die Menschen bei Tisch und zu Hause zu erfreuen, und den Psalmen, die in der Kirche gesun­gen werden, in der Gegenwart Gottes und seiner Engel. Wir hoffen nun, dass, wenn man die hier vorgelegte Gesangsform gerecht beur­teilen will, man sie für heilig und rein befinden wird, denn sie ist ausgerichtet auf die Erbauung, von der die Rede war.
Wie weit auch immer sich der Brauch des Singens ausbreitet, auch in den Häusern und auf dem Feld, so soll uns das ein Aufruf und wie ein Organ sein, um Gott zu loben und unsere Herzen zu ihm zu er­heben, um uns zu trösten, indem wir sein Vermögen, seine Güte, Weisheit und Gerechtigkeit bedenken; und das ist viel notwendiger, als man sagen kann.
Zum ersten ermahnt uns der Heilige Geist durch die Heilige Schrift nicht ohne Grund so nachdrücklich, uns in Gott zu freuen und dass all unsere Freude dahin ausgerichtet sein soll als auf ihr wah­res Ziel. Denn er weiß, wie sehr wir geneigt sind, uns an Nichtigem zu freuen. Ganz so nun, wie unsere Natur uns hinzieht und verführt, alle Mittel zu törichter und lasterhafter Belustigung zu suchen, so reicht uns unser Herr im Gegenteil, um uns von den Verlockungen des Fleisches und der Welt abzuziehen und zurückzuhalten, alle nur möglichen Mittel, um uns mit der geistlichen Freude zu beschäfti­gen, die er uns so sehr ans Herz legt.
Unter den anderen Dingen nun, die geeignet sind, den Menschen Wohnung und Genuss zu verschaffen, ist die Musik das erste oder doch eines der wichtigsten, und wir haben es als eine für diesen Ge­brauch bestimmte Gottesgabe einzuschätzen. Umso mehr sollen wir deshalb darauf achten, dass wir sie nicht missbrauchen, aus Furcht, sie zu besudeln und zu verseuchen, indem wir sie zu unserer Verdamm­nis verdrehen, wo sie von Gott zu unserem Nutzen und Heil be­stimmt ist. Auch wenn es keine andere Überlegung als nur diese eine gäbe, so müsste schon sie allein uns dazu veranlassen, den Gebrauch der Musik zu mäßigen, um sie der Sittsamkeit dienstbar zu machen und damit sie in keiner Weise Gelegenheit gäbe, die Zügel schießen zu lassen zu Sittenlosigkeit oder uns zu verweichlichen in ungeord­neten Vergnügungen, und in keiner Weise zur Sittenlosigkeit oder irgendeiner Unzucht werde.
Aber es gibt noch weitere Überlegungen: Es gibt ja in dieser Welt kaum etwas, das auf die Sitten der Menschen so oder so einen größe­ren Einfluss hätte, wie Plato das mit Recht darlegt. Und in der Tat, wir erfahren es, dass die Musik eine verborgene und fast unglaubliche Kraft hat, die Herzen in der einen oder anderen Weise zu bewegen. Darum müssen wir um so sorgfältiger sein, sie so zu handhaben, dass sie uns zum Nutzen ist und auf keine Weise zum Schaden. Aus die­sem Grunde beklagen sich die alten Kirchenlehrer des öfteren dar­über, dass das Volk ihrer Zeit sich unanständigen und unkeuschen Liedern hingibt, die sie nicht ohne Grund als tödliches und satani­sches Gift bezeichnen, das die Welt zugrunde richtet.
Wenn ich hier nun von der Musik spreche, so meine ich ihre bei­den Bestandteile, nämlich das Wort oder den Gegenstand und Inhalt und andererseits den Gesang oder die Melodie. Es stimmt, dass alle schlechte Rede, wie der heilige Paulus sagt (I. Korinther 15,33), die guten Sitten verdirbt, aber wenn die Melodie dabei ist, trifft dies das Herz sehr viel stärker und dringt darin ein; wie wenn der Wein durch einen Trichter ins Fass gegossen wird, so wird das Gift und die Ver­derbnis durch die Melodie bis auf den Grund des Herzens gebracht.
Was ist nun da zu machen? Wir brauchen Lieder, die nicht nur an­ständig, sondern auch heilig sind, Lieder, die uns gleich Stacheln zum Bitten, zum Lob Gottes reizen, zum Nachdenken über seine Werke, damit wir ihn lieben, fürchten, ehren und preisen. Dabei trifft zu, was der heilige Augustinus sagt: dass niemand etwas singen kann, was Gottes würdig ist, wenn er es nicht von ihm empfangen hat. Darum, wir mögen suchen, wo wir wollen, wir werden keine besseren und dazu geeigneteren Lieder finden als die Psalmen Da­vids, die der Heilige Geist ihm eingegeben und gemacht hat. Und so sind wir, wenn wir sie singen, gewiss, dass Gott uns die Worte in den Mund legt, als ob er selbst in uns sänge, um seine Ehre zu erhöhen. Deshalb ermahnt Chrysostomus sowohl Männer wie Frauen und kleine Kinder, sich anzugewöhnen sie zu singen, damit dies gleich­sam eine Versenkung sei, um sich der Gesellschaft der Engel beizuge­sellen.
Im Übrigen haben wir uns zu erinnern an das, was der heilige Pau­lus sagt, dass die geistlichen Lieder richtig nur mit dem Herzen ge­sungen werden können (Epheser 5,19; Kolosser 3,16). Das Herz aber beansprucht den Verstand. Und darin (sagt der heilige Augustinus) liegt der Unterschied zwischen dem Singen der Menschen und dem der Vögel. Denn ein Sperling, eine Nachtigall, ein Papagei singen schön, aber ohne Verstehen. Das besondere Geschenk an den Men­schen ist jedoch, dass er singen kann im Wissen, was er sagt. Herz und Gefühl sollen dem Verstand nachfolgen, was aber nicht möglich ist, wenn wir das Lied nicht in unser Gedächtnis eingeprägt haben, um niemals mit dem Singen aufhören zu müssen.
Aus diesen Gründen – ja aus dem eben genannten Grund schon al­lein, ohne alles Übrige, was gesagt wurde – soll dieses Buch jedem, der sich ehrbar und im Sinne Gottes erfreuen will, besonders emp­fohlen sein, im Blick auf sein Heil und zum Nutzen seiner Nächsten. So muss es auch von mir nicht besonders empfohlen werden, denn es trägt seinen Wert und sein Lob in sich. Nur dass die Welt richtig in­formiert ist, dass sie anstelle der zum Teil eitlen und lästerlichen, zum Teil albernen und plumpen, zum Teil schmutzigen und hässlichen und damit schlechten und schädlichen Lieder, die man vordem ge­braucht hat, sich von nun an daran gewöhnt, mit dem guten König David diese göttlichen und himmlischen Lieder zu singen.
Was die Melodien angeht, so schien es das Beste, dass sie gemäßigt würden so wie wir sie jetzt wiedergegeben haben, damit sie Gewicht und Würde bekommen, wie es dem Gegenstand angemessen ist, und auch, damit sie geeignet sind, in der Kirche gesungen zu werden, wie es dargelegt worden ist.
Genf, den 10. Juni 1543«

(aus: Markus Jenny, Luther, Zwingli, Calvin in ihren Liedern, Zürich 1983, 271-281)


Achim Detmers