9. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 25,14-30 – das Leben der Frommen wie das eines Kaufmannes

von Johannes Calvin

Hans Holbein d.J. (1532): Portrait des hansischen Kaufmanns Georg Gisze

''Denn wenn Gott auch durch unsere Taten nicht bereichert wird und nicht zunimmt, so heißt es doch von uns, daß wir Gott selbst Frucht und Gewinn bringen, wenn wir unseren Brüdern soviel wie möglich nützen und alle Gaben, die wir von Gott empfangen haben, gut zu ihrem Heil anlegen.''

Matthäus 25,14-30
14 Gleichwie ein Mensch, der über Land zog, rief seine Knechte und vertraute ihnen seine Habe an; 15 und einem gab er fünf Zentner Silber, dam anderen zwei, dem dritten einen, einem jeden nach seiner Tüchtigkeit, und zog hinweg. 16 Alsbald ging der hin, der die fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit denselben und gewann andere fünf. 17 Desgleichen, der die zwei Zentner empfangen hatte, gewann zwei andere. 18 Der aber den einen empfangen hatte, ging hin und machte einen Grube in die Erde und verbarg seines Herrn Geld. 19 Über eine lange Zeit kam der Herr dieser Knechte und hielt Rechenschaft mit ihnen. 20 Da trat herzu, der die fünf Zentner empfangen hatte, und legte andere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit andere fünf Zentner gewonnen. 21 Da sprach sein Herr zu ihm: Ei, die frommer und getreuer Knecht, du bist über weitem getreu gewesen, ich will dich über viele setzten; gehe ein zu deines Herrn Freude! 22 Da trat auch herzu, der die zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe mit denselben zwei andere gewonnen. 23 Sein Herr sprach zu ihm: Ei, du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzten; gehe ein zu deines Herrn Freude! 24 Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wußte, daß du ein harter Mann bist: du schneidest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; 25 und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. 26 Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wußtest du, das ich schneide, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe, 27 so solltest du mein Geld zu den Wechslern getan haben, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das meine zu mir genommen mit Zinsen. 28 Darum nehmt von ihm den Zentner und gebt dem, der die zehn Zentner hat. 29 Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. 30 Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Matth. 25, 15. „Einem jeden nach seiner Tüchtigkeit.“ Mit diesem Wort unterscheidet Christus nicht etwa die natürlichen Gaben von denen des Heiligen Geistes; denn es gibt keine Fähigkeit oder Geschicklichkeit, die wir nicht als von Gott empfangen betrachten müßten. Wer also zwischen sich und Gott als dem Urheber seiner Fähigkeiten teilen wollte, würde völlig leer ausgehen. Was soll das jedoch heißen, daß der Hausvater dem einen mehr, dem anderen weniger anvertraut, je nach der Tüchtigkeit des einzelnen? So wie Gott einen jeden befähigt und mit natürlichen Gaben ausgestattet hat, so trägt er ihm auch dies oder das auf, er übt ihn bei seinen Handlungen, er führt ihn von seiner Tätigkeit zur andern und gibt ihm Gelegenheit und deutlichen Anlaß zum Handeln. Wieder einmal machen sich die Papisten lächerlich, wenn sie hier herauslesen, Gott teile jedem seine Gaben nach dem Maß seines Verdienstes zu. Denn wenn ein alter Ausleger hier auch das Wort „Tugend" gebrauchte, meinte er damit doch nicht, die Menschen würden von Gott geehrt, je nachdem sie sich aufgeführt und das Lob einer Tugend verdient haben, sondern nur insoweit, wie der Familienvater sie für geeignet hält. Und wir wissen, daß niemand von Gott aufgrund seiner Taten als geeignet befunden wird.

Matth. 25, 20. „Da trat herzu, der die fünf Zentner empfangen hatte.“ Wer die Gaben nützlich anwendet, die Gott ihm übergeben hat, wird hier ein Händler genannt. Es ist sehr geschickt, das Leben der Frommen mit dem eines Kaufmanns zu vergleichen; denn sie sind auf Gemeinschaft untereinander angewiesen. Der Fleiß jedoch, mit dem jeder das ihm aufgetragene Werk ausführt, der Beruf selbst, die Möglichkeit, Gutes zu tun, und alle übrigen Gaben werden mit den Waren verglichen, weil sie den Zweck haben, den gegenseitigen Verkehr unter den Menschen zu fördern. Der Gewinn, den Christus erwähnt, ist der allgemeine Nutzen, der zur Verherrlichung Gottes beiträgt. Denn wenn Gott auch durch unsere Taten nicht bereichert wird und nicht zunimmt, so heißt es doch von uns, daß wir Gott selbst Frucht und Gewinn bringen, wenn wir unseren Brüdern soviel wie möglich nützen und alle Gaben, die wir von Gott empfangen haben, gut zu ihrem Heil anlegen. Denn der himmlische Vater schätzt das Heil der Menschen so hoch, daß er alles, was dafür verwandt wird, ansieht, als wäre es für ihn geschehen. Damit wir nun nicht müde werden, Gutes zu tun, erklärt Christus, daß keiner umsonst arbeitet, der seinen Beruf treulich ausübt. Bei Lukas (19, 19) heißt es, daß der, der fünf Pfund gewonnen hat, über fünf Städte gesetzt wird. Damit drückt Christus aus, daß die Herrlichkeit seines Reiches bei seinem endgültigen Kommen völlig anders sein werde, als sie jetzt erscheint. Denn jetzt besorgen wir fleißig gewissermaßen die Geschäfte eines Abwesenden, dann aber wird er eine reiche und mannigfache Fülle an Ehren zur Verfügung haben, mit der er uns herrlich auszeichnet. Bei Matthäus (25, 21 usw.) ist der Ausdruck einfacher: „Gehe ein zu deines Herrn Freude“. Das bedeutet, daß die treuen Knechte, deren Dienste ihm gefallen haben, mit ihm an der seligen Fülle aller Güter teilnehmen werden. Nun fragt sich, was der Zusatz (Matth. 25, 28) heißen soll: „Nehmt von ihm den Zentner und gebt ihn dem, der die zehn Zentner hat“. Denn das widerspricht doch jeglicher Geschäftsregel. Wir müssen uns daran erinnern, worauf ich immer wieder hingewiesen habe, daß man nicht pedantisch am einzelnen Buchstaben kleben darf. Der wahre Sinn ist der: Obgleich jetzt auch träge und untaugliche Knechte mit den Gaben des Geistes ausgerüstet sind, so werden sie am Ende doch aller Gaben verlustig gehen, so daß ihnen anstelle der herrlichen Güter nur Mangel und schmachvolle Dürftigkeit bleibt. Christus sagt, diese trägen Knechte vergrüben ihren Zentner oder ihr Pfund in die Erde, da sie nur ihrem Müßiggang und Vergnügen nachgehen und keinerlei Mühe auf sich nehmen wollen. Und so beobachten wir es tatsächlich an vielen, die nur sich selbst und ihrer eigenen Bequemlichkeit zugetan sind, dafür aber alle Aufgaben der Liebe umgehen und keinerlei Interesse haben an der allgemeinen Auferbauung. Wenn es heißt, daß der Hausvater nach seiner Rückkehr die Knechte vor sich gerufen habe, damit sie Rechenschaft ablegten, so sollen die Guten daraus Mut schöpfen, wenn sie erkennen, daß sie ihre Arbeit nicht vergeblich tun; den Faulen und Vergnügungssüchtigen jedoch soll es einen gehörigen Schrecken einjagen. Wir müssen also lernen, täglich uns selbst anzuspornen, bevor der Herr kommt und Abrechnung mit uns hält.

Matth. 25, 24. „Ich wußte, daß du ein harter Mann bist.“ Dieses Wort über die Härte des Herrn gehört nicht zum Hauptgedanken des Gleichnisses. Und es ist nutzlose Grübelei, wenn man hier erörtert, wie streng und hart Gott mit den Seinen verfährt. Denn Christus wollte hier genausowenig eine Aussage über Gottes Härte machen wie er den Wucher empfehlen will, wenn er den Hausvater sagen läßt, daß sie sein Geld hätten auf die Bank bringen sollen, damit es wenigstens um die Zinsen zugenommen hätte. Christus will nur andeuten, daß keiner eine Entschuldigung für seine Trägheit hat, der Gottes Gaben unterdrückt und sein Leben in Müßiggang verbringt. Daraus ersehen wir auch, daß Gott nichts mehr gefällt, als wenn einer sein Leben zum Wohl und Nutzen der menschlichen Gemeinschaft einsetzt. Der Satz (25, 29): „Wer da hat, dem wird gegeben werden“, wurde schon in Kapitel 13 erklärt. Auch was die „Finsternis“ (25, 30) bedeutet, haben wir schon zu Matth. 8 « erklärt: es ist einfach der Gegensatz zu dem erleuchteten Haus. Im Altertum fanden die Mahlzeiten oft nachts statt, und es wurden dazu viele Fackeln und Lampen entzündet. Darum spricht Christus davon, daß die, die im Reich Gottes keinen Einlaß finden, in die Finsternis hinausgeworfen werden.


Aus: Otto Weber, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Dreizehnter Band: Die Evangelien-Harmonie 2. Teil, Neukirchener Verlag, 1974, S. 164ff.