Im Dialog mit Calvins Auslegung von Psalm 1

eine Predigt von Sylvia Bukowski

©Georg Rieger

Calvin: ''Daher kann ein jeder seine Religion nicht nach seinem Gutdünken bilden, sondern die Regeln der Frömmigkeit sind dem Worte Gottes zu entnehmen.'' - ''Ach, Monsieur Calvin! würde ich da am liebsten sagen, das klingt ja, als hätten Sie geahnt, wie sehr das heute unsere Gefahr ist, vor allem seit es keine wirklich verbindliche Tradition mehr gibt!''

Liebe Gemeinde!

In Calvins Psalmenauslegung ist nach Einschätzung vieler Kenner das Herzstück seiner Theologie zu finden, nämlich das Bemühen, die Erkenntnis Gottes mit der Selbsterkenntnis des Menschen zu verbinden.
Aber hier findet man auch das Herz des Reformators selber wie in keiner anderen Schrift. So bekennt Calvin in der Einleitung: „die Leser werden merken, dass ich bei der Erklärung der geheimen Gedanken Davids und aller anderen wie von eigenen Erfahrungen rede.“ Und er entdeckt in den Psalm alles, was den Menschen und auch ihn selbst in besonderer Weise „in seinem Innersten hin- und herschleudert,“ wie er sagt: „Schmerz, Niedergeschlagenheit, Furcht, Zweifel, Hoffnung, Sorge, Verwirrung ...“

Gleichzeitig bieten die Psalmen Calvin auch einen festen Halt in einer Welt, die er zunehmend als „bedrohlich und chaotisch“ empfindet, weil „sich alles ändert, und nichts mehr sicher ist“- ein Lebensgefühl, das Ihnen gegenwärtig sicher auch nicht fremd ist.

Als guter Seelsorger, der Calvin ohne jeden Zweifel gewesen ist, will er die Schätze, die er in den Psalmen gefunden hat, auch seiner Gemeinde erschließen. Denn unter seinen HörerInnen sind viele, die wie er selbst aus Frankreich fliehen mussten. Hinter ihnen liegt das Trauma von Verfolgung und schwerer persönlicher Verluste, vor ihnen eine ungewisse Zukunft. Viele Fragen werden sie täglich quälen, auch und gerade Fragen des Glaubens. Deshalb predigt er regelmäßig über die Psalmen, übrigens als einzigen alttestamentlichen Text auch an Sonntagen. Mit seiner Auslegung will Calvin die verwundeten und angefochtenen Seelen seiner Gemeinde, wie er sagt: „trösten und zum Lob Gottes aufrichten“ – ein Vorsatz, der bis heute alle Psalmpredigten prägen sollte (und nicht nur sie)

Ich möchte mit Calvin nun über seine Auslegung von Psalm 1 ins Gespräch kommen und lese den Psalm zunächst in der vertrauten Lutherübersetzung:

1 Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen /
noch tritt auf den Weg der Sünder
noch sitzt, wo die Spötter sitzen,
2 sondern hat Lust am Gesetz des HERRN
und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!
3 Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, /
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl.
4 Aber so sind die Gottlosen nicht,
sondern wie Spreu, die der Wind verstreut.
5 Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht
noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.
6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten,
aber der Gottlosen Weg vergeht.

Calvins Fazit, das er seiner detaillierten Auslegung voranstellt, lautet: „Diejenigen, die sich eifrig mit der Betrachtung der himmlischen Weisheit beschäftigen, sind glücklich, während die gemeinen Verächter Gottes endlich ein schreckliches Ende nehmen werden, wenn sie auch eine Zeitlang glücklich sind“ Und wenig später bekräftigt er, „dass es den Verehrern Gottes, die fortwährend bestrebt sind, durch das Gesetz Gottes sich fördern zu lassen, immer gut gehen wird.“

Aber das widerspricht doch jeglicher Erfahrung, würde ich da sofort einwenden, und könnte unzählige Beispiele nennen, wie oft gerade fromme Menschen leiden mussten und müssen.
Das wäre für Calvin allerdings sicher nichts Neues. Ihm selber geht es in den Jahren, in denen er sich besonders intensiv mit den Psalmen beschäftigt, auch gar nicht gut. Sein einziges Kind ist kurz nach der Geburt gestorben, seine Frau wenig später, in Genf hat er viele Feinde, die ihn verleumden und unter Druck setzen, und seine körperlichen Beschwerden nehmen immer mehr zu. Alles in allem eigentlich mehr Grund zu klagen, vielleicht sogar Gott anzuklagen, als zu behaupten, den Frommen werde es immer gut gehen!

Aber für Calvin besteht das wahre Glück, ganz im biblischen Sinn, nicht einfach nur in einem Leben, in dem alles glatt läuft und gelingt. Glück liegt für ihn in einem „guten Gewissen,“ und in der Gewissheit, „vor Gott bestehen zu können.“

Das schärft Calvin auch seiner Gemeinde ein, der die Erfolge der Gottlosen sicher bisweilen eine schwere Anfechtung sind, genau wie vielen Psalmbetern, die oft beklagen, dass es gerade denen so gut geht: „Für sie gibt es keine Qualen. Gesund und feist ist ihr Leib; sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute und werden nicht wie andere Menschen geplagt“, beschwert sich z.B. der Beter des 73. Psalms.

In Anlehnung an die letzten Verse von Psalm 1 hält Calvin dagegen: „obwohl ihnen alles glückt, bevor sie gerichtet werden, sind sie doch nicht glücklich, weil ihr Glück nicht auf der Grundlage der Rechtschaffenheit und des reinen Gewissens gegründet ist.“ Und dann spricht er ausführlich über das letzte Gericht, in dem Christus die Schafe von den Böcken scheiden wird. Dann wird, so Calvin, die Gottlosen „ihr böses Gewissen quälen,“ weil sie „jedes Mal, wenn sie über ihr Leben Rechenschaft geben müssen, wie aus einem Schlafe erwachen und erkennen, dass es nur ein Traum war, als sie sich für glücklich hielten und dass sie damals nicht recht bei Besinnung waren.“

Man merkt an dieser wie an vielen anderen Stellen seiner Psalmen-Auslegung, wie wichtig Calvin die biblische Erwartung von Gottes Gericht ist. Aber ich müsste ihm sagen, dass das bei uns heute ganz anders ist: „Wir haben schon Schwierigkeiten mit der Rede von den Gottlosen, Monsieur Calvin, und erst recht mit deren krassen Verurteilung, die Sie von der Bibel unhinterfragt übernehmen! Wir wollen uns Gott nicht mehr als strengen Richter vorstellen! Deshalb sind bei uns Gerichtspredigten völlig tabu! Keiner will sie mehr halten und keiner will sie mehr hören!“

Würde Calvin jetzt seinen berühmt berüchtigten strengen Blick aufsetzen, und uns verurteilen? Oder könnte  er vielleicht verstehen, dass wir nach all den Jahren, in denen mit einem allwissenden, strafenden Gott große Angst und Seelennot unter den Gläubigen verbreitet worden ist, nun ganz und gar den liebenden Gott in den Mittelpunkt unserer Verkündigung stellen und immer wieder betonen, dass Gottes Arme offen sind für alle, auch für die Bösen? Immerhin hat Calvin selbst der römisch-katholischen Kirche scharf vorgeworfen, sie mache den Gläubigen nur Angst vor Gott, statt sie zur Liebe zu ihm zu führen.

Aber trotz allem denkbaren Verständnis würde Calvin gewiss auch fragen, ob wir Gott nicht zu stark verharmlosen, wenn wir ihn auf den „lieben Gott“ reduzieren, der keinem mehr ernsthaft etwas tut. Denn wie soll so ein harmloser, lieber Gott die tiefen Wunden heilen, die menschliche Bosheit an Leib und Seele hinterlässt, wie könnte er eine echte Versöhnung möglich machen zwischen Opfern und Tätern? Oder um es mit Calvins Worten zu sagen: „wie die Unordnung der Welt wieder in den rechten Stand setzen?“

Calvin hört die biblischen Gerichtsankündigungen, die in vielen Psalm und auch hier in Psalm 1 vorkommen, mit den Ohren eines derer, die ganz konkret unter Gottlosen gelitten haben, und das heißt im biblischen Sinn unter Menschen, denen nichts heilig ist, die glauben, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein und skrupellos ihre eigenen Interessen durchsetzen, sei es mit Einschüchterung und Lügen – wir würden heute sagen: mit mobbing, oder sei es mit offener Gewalt. Außerdem bleibt Calvin nicht unberührt von den Berichten anderer Flüchtlinge, die von unvorstellbaren Gräueltaten, selbst gegen Frauen und Kinder erzählen, und auch das soziale Elend, in dem die Davongekommenen nun in der Fremde leben müssen, liegt ihm schwer auf der Seele.

Deshalb also, weil Calvin die Psalmen aus der Opferperspektive liest, ist es für ihn und seine Gemeinde zuallererst ein großer Trost, dass Gott kein Leiden übersieht und dass er die, die es verursacht haben, zur Rechenschaft ziehen wird. In der Auslegung von Psalm 1 spricht Calvin ausdrücklich davon, dass „Gott ein Rächer aller Verbrechen ist, und wenn er sich auch eine Zeitlang verborgen hält, so wird er doch einmal alle Gottlosen verderben.“ und Calvin folgert daraus: „Deshalb müssen wir immer, wenn Unordnung herrscht, an Gottes Vorsehung denken, durch die alles in der Welt wieder in die rechte Ordnung gebracht wird, damit wir uns durch das Scheinglück der Gottlosen nicht täuschen lassen.“

Im Zusammenhang mit Psalm 1 spricht Calvin immer wieder pauschal von dem „Verderben“ oder dem „schrecklichen Ende“, das die Gottlosen erwartet. Diese Redeweise mobilisiert bei uns aber sofort Widerstände, weil sie unvereinbar scheint mit Gottes großer Güte. An anderer Stelle unterscheidet Calvin allerdings auch wohltuend (und biblisch genauer) zwischen Person und Tat. So schreibt er in seinem Kommentar zu Vers 21f. aus Psalm 139, wo vom Hass gegen die Gottlosen die Rede ist: „Der Hass, von dem der Prophet hier spricht, ist nicht so sehr gegen die Person wie gegen ihre Fehler gerichtet. Wir sollen, so weit es uns möglich ist, mit allen Menschen Frieden halten. Auch sollen wir begrüßen, wenn allen Menschen Heil widerfährt, und wenn irgend möglich, sollen sie (die Gottlosen) mit menschlicher Zuwendung und allerlei Anstrengung auf den rechten Weg zurückgebracht werden.“ Es geht Calvin in seiner Auslegung der biblischen Gerichtsankündigung entgegen aller, für uns oft nur abschreckend wirkenden Sätze, im Grunde immer darum, Gottes Gerechtigkeit nicht von seiner Liebe zu trennen. Denn Gott der Richter ist für Calvin kein anderer ist als der liebende Vater, und Gottes Gericht ist für ihn vor allem „Ausdruck seiner Treue und Barmherzigkeit, mit der er seine Gläubigen beschützt.“

Jene sollen sich Calvins Auslegung von Psalm 1 zufolge, allerdings möglichst „von der Gemeinschaft der Gottlosen trennen und absondern, um nicht von der allgemeinen Gottlosigkeit fortgerissen zu werden.“

Mir kommen bei diesen Sätzen sofort die Puritaner in den Sinn, die das ja konsequent versucht haben und letztlich doch gescheitert sind. Denn in ihre rigide Frömmigkeit hat sich sehr bald eine fatale Selbstgerechtigkeit eingeschlichen, und die Laster sind lediglich in eine größere Heimlichkeit verdrängt worden, aber nicht wirklich überwunden worden. In einer frommen Absonderung von der Gesellschaft kann daher, glaube ich, heute auch der treuste Reformierte keinen gangbaren Weg mehr erkennen.

Worin Calvin allerdings recht hat, ist, dass zum Christsein auch ein klares Nein zu Manchem gehört, was in der Gesellschaft propagiert oder einfach hingenommen wird und in der reformierten Tradition ist dieses Bewusstsein immer in besonderer Weise wach geblieben. Denken Sie an die von ref. Theologie geprägte Barmer Erklärung. Oder nehmen Sie das klare Nein zu Atomwaffen, das der ref. Bund in den 80er Jahren beschlossen hat oder als aktuelles Beispiel das sog. Anti- Mammon-Programm mit dem soziale Ungerechtigkeit sowohl global als auch im eigenen Konsumverhalten bekämpft werden soll. Mit diesen Einsprüchen gegen verhängnisvolle politische, bzw. gesellschaftliche Trends haben reformierte ChristInnen ihre christliche Verantwortung öffentlich wahrgenommen und sich deutlich abgegrenzt von Ideologien und Verhaltensweisen, die dem Willen Gottes eindeutig widersprechen.

Der Antrieb dazu war immer das konsequente Hören auf Gottes Wort und das Vertrauen, im Befolgen seiner heilsamen Weisung Zukunft zu haben, so wie es Calvin der Gemeinde immer wieder nahegelegt hat, auch in der Auslegung von Psalm 1. Da schreibt er: „Gott wird nur dann recht verehrt, wenn man seinem Wort gehorsam ist (da klingt der praktische Aspekt deutlich an). Und dann folgt ein wahrhaft prophetischer Satz: „ Daher kann ein jeder seine Religion nicht nach seinem Gutdünken bilden, sondern die Regeln der Frömmigkeit sind dem Worte Gottes zu entnehmen.“

„Ach, Monsieur Calvin!“ würde ich da am liebsten sagen, „das klingt ja, als hätten Sie geahnt, wie sehr das heute unsere Gefahr ist, vor allem seit es keine wirklich verbindliche Tradition mehr gibt!“ Und ich würde ihm beispielsweise von dem Interview mit einer offiziell beauftragten Evangelistin der rheinischen Kirche erzählen, zu deren Programm wie sie sagt, Atemübungen, Räucherstäbchen, Klangschalen und Perlen des Glaubens gehören, und wo man neben der Bibel auch Schriften  muslimischer Sufis und buddhistischer Mönche liest.

Ich sehe förmlich vor mir, wie Calvin bei diesen Sätzen blass wird, noch blasser als sonst. Und wenn die Evangelistin ihm zu erklären versuchte, dass man heute eben auch solche Wege gehen muss, um Menschen bei ihrer diffusen religiösen Sehnsucht abzuholen, würde er ganz sicher zurückfragen: Abholen, wohin? In was für ein Christentum, in was für eine Kirche, in welche Verbindlichkeiten des Glaubens?

Für Calvin selbst bleibt die Beschäftigung mit Gottes Wort, wie es die Bibel bezeugt, in jedem Fall maßgeblich und das Zentrum jedes christlichen Lebens. In der Auslegung von Psalm 29 schreibt er: „Was Menschen außerhalb der Bibel über den Glauben sagen, ist kühl und schal und sonders Wissen, das dazu führt, Gott zu loben. Darum findet man die Wahrheit darüber, was Frömmigkeit ist, ausschließlich in Gottes Wort.“ Deshalb liegt ihm alles daran, Menschen in Predigt und Unterricht an die Bibel heranzuführen und sie für Gottes Wort zu begeistern. Darin sieht er sich von Psalm 1 bestätigt, wo von der „Lust“ am Gesetz des Herrn die Rede ist. Er unterstreicht diesen Satz in seiner Auslegung durch die Bemerkung, dass Gott „keinen Gefallen hat an einem knechtischen und erzwungenen Dienst, sondern dass nur die rechte Schüler des Gesetzes sind, die mit Freudigkeit an dasselbe herangehen und an der Belehrung durch das Gesetz solche Freude haben, dass es für sie nichts Besseres gibt als darin befördert zu werden.“

Da hat Calvin vielleicht auch etwas von seinen jüdischen Gesprächspartnern und ihrer Torafreude gelernt! Jedenfalls sollte das auch unser Ziel bleiben: Die Neugier auf Gottes Wort zu behalten und bei anderen zu wecken, es immer weiter zu ergründen und es dadurch als Quelle tiefer Lebensfreude für uns und andere zu entdecken, auch und gerade in bedrückenden Zeiten.

Calvin schreibt: „In dieser stürmischen Welt ist Gottes Wort der einzig feste Punkt – ein Stückchen Himmel auf Erden, denn es steht fest in Ewigkeit.“ In seiner Psalmen-Auslegung legt uns der Genfer Reformator diese Einsicht theologisch und auch ganz persönlich ans Herz. Bleiben wir in diesem Sinn „Calvinisten“ oder besser gesagt: bleiben wir nach Gottes Wort reformiert! Amen

Predigt, gehalten am 28. Juni in der Evangelisch-reformierten Gemeinde in Hamburg

 


Pfr. Sylvia Bukowski, Wuppertal