1. Advent - Matthäus 21,1-9: Jesu Einzug in Jerusalem auf einem Esel

Mit Johannes Calvin durch das Kirchenjahr 2008/09

Giotto di Bondone: Einzug in Jerusalem, 1304-06, Fresko in der Cappella Scrovegni in Padua (Detail)

''Damit also das ärmliche Auftreten Christi nicht zum Hindernis für uns wird, daß wir in diesem Schauspiel seine geistliche Herrschaft erkennen, soll uns diese himmlische Weissagung (Sacharja 9,9) vor Augen stehen, womit Gott seinen Sohn auch in dieser häßlichen Bettlergestalt mehr geschmückt hat, als wenn alle Abzeichen von Königen an ihm geprangt hätten. Ohne diese Würze würde uns diese Geschichte niemals geschmeckt haben.''

Matthäus 21,1-9
1 Da sie nun nahe an Jerusalem kamen, nach Bethphage an den Ölberg, sandte Jesus seiner Jünger zwei 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in den Flecken, der vor euch liegt, und alsbald werdet ihr eine Eselin finden angebunden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas fragen wird fragen, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Alsbald wird er sie euch lassen. 4 Das geschah aber, auf daß erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sach. 9,9): 5 „Saget der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen der lastbaren Eselin.“ 6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. 8 Aber viel Volks breitete die Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! (übersetzt von Johannes Calvin)

Christus ließ sich den Esel von seinen Jüngern nicht bringen, weil er von dem Fußmarsch ermüdet gewesen wäre, sondern er verfolgte damit einen andern Zweck. Da der Zeitpunkt seines Todes bevorstand, wollte er in einer feierlichen Weise zeigen, von welcher Beschaffenheit sein Reich sei. Zwar hatte er das schon getan von seiner Taufe an; aber am Ende seiner Berufung mußte er noch einmal ein Bild davon geben. Nachdem er bisher auf den Königstitel verzichtet hat, bekennt er sich selbst jetzt öffentlich als König; denn er ist dem Ziel seiner Laufbahn nicht mehr fern. Warum das? Da seine Heimkehr in den Himmel bevorstand, wollte er vor aller Augen seine Herrschaft auf Erden beginnen. Jener ganze Aufwand aber wäre lächerlich gewesen ohne die Weissagung des Sacharja.
Um sich die Ehre eines Königs beizulegen, zieht Christus auf einem Esel in Jerusalem ein. Eine großartige Herrlichkeit! Selbst um den Esel mußte er erst jemanden bitten, und da ihm Reitzeug und die passende Ausstattung fehlten, mußten die Jünger ihre Kleider auf das Tier legen. Ein Zeichen dafür, daß er überhaupt nichts besaß. Er zog zwar ein großes Gefolge nach sich; aber es waren doch nur Menschen, die zufällig aus den umliegenden Dörfern zusammengelaufen waren. Freudige Beifallsrufe erklangen; aber sie kamen aus der Mitte des ärmsten verachteten Volkes. Es könnte fast scheinen, als habe Christus sich absichtlich dem allgemeinen Gespött ausgesetzt. Aber da er zwei Dinge zeigen wollte, die eng zusammengehörten, mußte er so handeln: Er wollte ein klares Bild von seiner Herrschaft geben und dabei zeigen, daß sie nichts mit den irdischen Reichen gemeinsam habe und auch nicht auf den vergänglichen Reichtum dieser Welt gebaut ist. Aber auch das wäre unbeteiligten Menschen noch sehr närrisch vorgekommen, wenn Gott nicht lange davor durch seinen Propheten bezeugt hätte, daß der König, der kommen werde, um seinem Volk das Heil zu bringen, genauso sein werde. Damit also das ärmliche Auftreten Christi nicht zum Hindernis für uns wird, daß wir in diesem Schauspiel seine geistliche Herrschaft erkennen, soll uns diese himmlische Weissagung vor Augen stehen, womit Gott seinen Sohn auch in dieser häßlichen Bettlergestalt mehr geschmückt hat, als wenn alle Abzeichen von Königen an ihm geprangt hätten. Ohne diese Würze würde uns diese Geschichte niemals geschmeckt haben. Darum liegt auf den Worten des Matthäus ein großes Gewicht, wenn er sagt, die Weissagung des Propheten sei damit in Erfüllung gegangen. Denn da er sah, daß an Glanz und Pracht hängende Menschen mit ihrem natürlichen Urteilsvermögen kaum einen Sinn in diese Geschichte bringen können, führt er sie vom Anblick der bloßen Tatsache zur Betrachtung der Weissagung.

Matth. 21,2. „Gebt hin in den Flecken“. Da Jesus bereits in Bethanien war, forderte er den Esel nicht, um sich die Beschwerde des Fußmarsches zu erleichtern. Er hätte den restlichen Weg leicht noch zu Fuß gehen können. Aber wie die Könige ihre Wagen besteigen, damit sie besser gesehen werden, so wollte auch der Herr bei dem Volk auffallen und durch irgendein Zeichen den Beifall seiner Begleiter als berechtigt erscheinen lassen, damit niemand auf den Gedanken komme, daß man ihm die königliche Ehre gegen seinen Willen erweise. Aus welchem Ort er nun die Eselin herbringen ließ, ist unsicher, wenn man nicht einfach annehmen will, daß es irgendein Dorf in der Nähe Jerusalems war. Es ist lächerlich, wenn einige Ausleger den Ort allegorisch auf Jerusalem deuten. Nicht weniger sinnvoll ist die Allegorie, die manche in der Eselin und dem Füllen finden. Die Eselin soll danach das jüdische Volk darstellen, das Gott zuerst unterworfen und mit dem Joch seines Gesetzes gezähmt hatte. Mit dem Füllen jedoch wären die Heiden gemeint, weil auf ihm noch nie jemand geritten ist. Darum hätte Christus sich auch zuerst auf die Eselin gesetzt, denn er sollte ja bei den Juden mit seinem Werk beginnen; dann wäre er auch auf das Füllen gestiegen, da er ja an zweiter Stelle auch über die Heiden gesetzt war. Zwar scheint Matthäus von einem Reiten auf zwei Tieren zu sprechen. Aber da in der Schrift oft Doppelausdrücke vorkommen, ist es nicht weiter verwunderlich, wenn er hier zwei Reittiere statt eines nennt. Übrigens geht ja aus den beiden anderen Evangelisten deutlich hervor, daß Christus nur auf dem Füllen geritten ist. Sacharja selbst (vgl. 9,9) beseitigt schließlich jeglichen Zweifel, da ja auch er nach dem allgemeinen hebräischen Sprachgebrauch die gleiche Sache zweimal bezeichnet.

„Alsbald werdet ihr eine Eselin finden.“ Damit nichts die Jünger in ihrer Bereitschaft zum Gehorsam hindere, kommt der Herr ihren Fragen rechtzeitig zuvor. Zuerst bedeutete er ihnen, daß sie nicht aufs Geratewohl geschickt würden. Denn sie würden das Füllen mit seiner Mutter gleich beim Betreten des Dorfes finden. Außerdem würde niemand etwas dagegen haben, wenn sie es wegführten, sie sollten nur sagen, er brauche es. Auf diese Weise bewies er ihnen seine Gottheit. Denn nur Gott kann etwas einsehen, das nicht vor Augen liegt, und die Herzen der Menschen zur Zustimmung lenken. Natürlich war es möglich, daß der Besitzer des Esels Christus freundlich gesinnt war und gern einwilligte; dennoch stand es nicht im Vermögen eines sterblichen Menschen, zu erraten, ob der Besitzer zu Hause sein werde, ob es ihm dann gerade passen würde oder ob er unbekannten Männern überhaupt Vertrauen schenken würde. Wie Christus die Jünger stärkt, um sie zum Gehorsam willig zu machen, so beobachten wir an ihnen, daß sie sich daraufhin auch willfährig zeigen. Und der Erfolg beweist, daß die ganze Sache von Gottes Hand gelenkt ist.

Matth. 21,5. „Sagt der Tochter Zion“. Das ist nicht wörtlich aus Sacharja übernommen. Aber der Evangelist überträgt das, was Gott einem einzigen Propheten zu predigen aufgetragen hat, klug und passend auf alle frommen Lehrer. Denn die einzige Hoffnung der Kinder Gottes, an der sie sich stützen und aufrechterhalten sollten, war, daß einst der Erlöser kommen werde. Darum bezeugt der Prophet den Gläubigen, das Kommen des Christus sei Grund zu voller, echter Freude. Denn da Gott ihnen nur gnädig ist, wenn ein Mittler für sie eintritt, der Messias aber der Mittler ist, der die Seinen von allem Bösen befreit, was kann es außer ihm noch geben, das die in ihren Sünden verlorenen und vom Elend bedrückten Menschen fröhlich macht? Genauso müssen wir ohne Christus von tiefer Trauer erfüllt sein. Darum erinnert der Prophet die Gläubigen daran, daß sie Anlaß zu wahrer Freude haben, weil der Erlöser für sie da ist. Nun rühmt der Prophet den Christus zwar noch mit anderen Worten, z. B., daß er gerecht sei und mit Heil ausgerüstet; aber Matthäus nimmt nur diese eine Aussage auf, die er seiner Absicht anpaßt, nämlich, daß der Christus arm komme und sanftmütig, also nicht wie irdische Könige, die mit einem prächtigen, glanzvollen Auftritt prunken. Schon daran wird seine Armut gezeigt, daß er auf einem Esel und auf einem Füllen der Eselin reitet; denn zweifellos war das die Weise, wie das arme Volk ritt, und paßt so gar nicht zu königlicher Pracht.

Matth. 21,6. „Die Jünger gingen hin“. Wie gesagt, wird hier gelobt, daß die Jünger so schnell zum Gehorsam bereit waren. Denn Christi Ansehen war nicht so groß, daß sein bloßer Name genügt hätte, unbekannte Menschen zu bewegen; auch mußten die Jünger fürchten, in den Ruf von Dieben zu kommen. Wir sehen also hieraus, wie sehr sie ihrem Herrn ergeben waren, da sie nicht widersprechen, sondern im Vertrauen auf seinen Auftrag und seine Vorhersage eilen, den Befehl auszuführen. Auch wir sollen an ihrem Beispiel lernen, allen Hindernissen zum Trotz dem Herrn den Gehorsam zu erzeigen, den er von uns fordert. Denn er selbst wird die Hindernisse wegräumen, den Weg bahnen und nicht zulassen, daß unsere Anstrengungen vergeblich sind.

Matth. 21,8. „Aber viel Volks breitete die Kleider auf den Weg“. An dieser Stelle erzählen die Evangelisten also, Christus sei vom Volk als König anerkannt worden. Es konnte zwar wie eine Komödie wirken, daß die gemeinsame Masse Zweige abhieb, die Kleider auf den Weg breitete und Christus als König grüßte, ohne daß dieser Titel einen Inhalt für sie haben konnte. Dennoch war ihr Tun ernst gemeint, sie bezeugten damit aus tiefstem Herzen ihre Ehrerbietung; darum hat sie auch Christus als geeignete Herolde seiner Herrschaft angesehen. Wir haben keinen Grund, uns über einen solchen Beginn zu wundern; denn auch heute, wo er zur Rechten des Vaters sitzt, entsendet er von seinem himmlischen Thron geringe Menschen, die seine Herrlichkeit doch nur - für unser Empfinden -in einer verachtenswerten Weise rühmen können. Daß das Abhauen der Palmzweige mit einem alten feierlichen Brauch an diesem Tag zusammenhing, wie einige Ausleger vermuten, scheint mir nicht wahrscheinlich. Eher scheint diese Ehre Christus auf Antrieb des Geistes ganz unvorhergesehen zuteil geworden zu sein, denn die Jünger, denen sich das übrige Volk dann anschloß, hatten nichts dergleichen vorher geplant. Das geht auch aus den Worten des Lukas hervor.

Matth. 21,9. „Hosianna dem Sohn Davids!“ Das ist in Wirklichkeit ein Gebet, und zwar aus dem Ps. 118,25, wo es heißt: „O Herr, hilf! O Herr, laß wohl gelingen!“ Matthäus führt absichtlich die hebräischen Worte an, damit wir erkennen, daß der Beifall Christus nicht unüberlegt gezollt wurde und daß die Bitten, die den Jüngern in den Mund kamen, nicht gedankenlos ausgesprochen wurden. Sie folgen ehrfurchtsvoll der Form des Gebets, die der Heilige Geist durch den Mund des Propheten der ganzen Gemeinde angewiesen hatte. Denn obgleich in dem Psalm vom Reich des David die Rede ist, meint der Dichter doch eigentlich das ewige Reich, das der Herr ihm verheißen hatte, und er will, daß es die andern auch so verstehen. Es sollte für die Gemeinde ein Gebet für alle Zeiten sein, das auch nach dem Sturz der davidischen Königsmacht in Gebrauch war. So war es allgemein Gewohnheit geworden, daß man sich bei der Bitte um die verheißene Erlösung dieser Psalmworte bediente. Matthäus führt, wie gesagt, den berühmten Psalm auf hebräisch an, um zu zeigen, daß Christus von der Menge als der Erlöser anerkannt worden ist. Aber nicht nur dem alten Bundesvolk hat der Geist geboten, täglich um das Kommen des Reiches Christi zu bitten, auch für uns gilt dieselbe Regel. Und da Gott nur durch die Hand seines Sohnes herrschen will, sprechen wir mit der Bitte: „Dein Reich komme“ dasselbe aus, was im Psalm noch deutlicher herauskommt. Wenn wir außerdem Gott bitten, daß er uns seinen Sohn als König erhalten wolle, bekennen wir, daß diese Herrschaft weder durch Menschen aufgerichtet ist noch durch Menschenmacht aufrechterhalten wird, sondern daß sie durch den himmlischen Schutz unbesiegbar dasteht. Es heißt, Christus komme „im Namen des Herrn“, weil er sich nicht selbst einführt, sondern auf Gottes Befehl und Auftrag hin die Herrschaft ergreift. Das geht noch klarer aus Markus hervor, wo noch ein anderer Zuruf genannt wird (11,10): „Gelobt sei das Reich unsers Vaters David, der da kommt!“ So riefen sie im Blick auf die Verheißungen; denn der Herr hatte ja bezeugt, daß sein Volk endlich einen Befreier bekommen solle, und als Mittel dieser Erneuerung hatte er die Herrschaft Davids genannt. Wir sehen also, daß Christus hier als der Mittler geehrt wird, von dem die Wiederherstellung des Heils und überhaupt aller Dinge zu erwarten war. Daraus, daß es nur geringes, ungebildetes Volk war, das die Herrschaft Christi als Reich Davids ausrief, sollen wir erkennen, daß diese Auffassung damals allgemein verbreitet war, die doch heute vielen erzwungen und ungereimt erscheint, weil sie sich in der Schrift zu wenig auskennen. Bei Lukas werden noch einige Worte hinzugefügt (19,38): „Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Diese Worte wären völlig klar, wenn sie nur ganz mit dem Lobgesang der Engel (vgl. Luk. 2,14) übereinstimmten. Denn dort sprechen die Engel die Ehre Gott im Himmel zu, den Menschen aber den Frieden auf der Erde. Hier werden sowohl Friede wie Ehre auf Gott bezogen. Dem Sinn nach findet sich jedoch kein Unterschied. Zwar geben die Engel den Grund genauer an, warum man Gottes Ehre besingen muß, weil nämlich durch seine Barmherzigkeit die Menschen den Frieden in dieser Welt genießen; aber im Grunde geht das doch nicht über die Worte der Volksmenge hinaus, die den Frieden im Himmel rühmt. Denn wir wissen, daß die armen Seelen in dieser Welt nur Frieden finden, wenn Gott vom Himmel aus sich mit ihnen versöhnt.

Quelle: Johannes Calvins Auslegung der Evangelien-Harmonie. 2. Teil, übersetzt von Hiltrud Stadtland-Neumann und Gertrud Vogelbusch (Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift. Neue Reihe, Bd. 13/2), Neukirchen-Vluyn 1974, 169-174

Eine Auslegung der Heiligen Schrift

 

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