Calvin und die Predigt

von Klaus Bröhenhorst

Ferdinand Hodler: Gebet in der Kathedrale von St. Pierre, Genf

''Die Prediger pflügen und säen, und nach der Saat pflegen sie die Erde, bis sie Frucht bringt. Diese Frucht aber ist ein Wunder der göttlichen Gnade, nicht das Ergebnis menschlichen Fleißes.'' (Johannes Calvin)

Kurz-Info für Ältestenprediger und Ältestenpredigerinnen
im Synodalverband X der Evangelisch-reformierten Kirche

Calvin als Prediger

Calvin war ein Vielprediger. Denn es gab in Genf nicht nur am Sonntag Gottesdienste, sondern auch an den Werktagen. „Zunächst predigte Calvin … sonntags zweimal und einmal an jedem Montag, Mittwoch und Freitag. Doch im Herbst 1542 drängten ihn einige, die seine Verkündigung schätzten, noch häufiger zu predigen… Dies erweis sich jedoch als eine zu schwere Bürde… (ab Oktober 1549) predigte Calvin gewöhnlich eine Woche lang täglich, die nächste Woche pausierend sowie an Sonntagen zweimal.

Seine Gewohnheit war es, das Alte Testament an Wochentagen auszulegen, das Neue Testament an Sonntagen, obgleich er den Sonntagnachmittag manchmal auch den Psalmen widmete.“[1]

In Genf wurde 1549 ein Franzose namens Denis Raguenier angestellt mit der Aufgabe, Calvins Predigten mitzustenographieren.

Von diesen Predigten sind durch Unachtsamkeit etliche verloren gegangen, aber gut 1300 sind erhalten geblieben.

Calvin „hatte nur wenig Zeit für die unmittelbare Vorbereitung, aber seine genaue Kenntnis der Bibel und seine umfassende Lektüre konnte er in seinem Gedächtnis immer abrufen.“[2] Es wird so ähnlich gewesen sein, wie bei Calvins akademischer Tätigkeit als Dozent, von der Jean Budé berichtet…(nämlich) „dass sich Calvin kaum eine halbe Stunde Zeit (nahm), um sich auf seine Vorlesungen vorzubereiten. Er las meistens den Text auf Hebräisch, übersetzte ihn ins Lateinische… begann dann mit seiner Erklärung (und) redete…, ohne von seinen Aufzeichnungen Gebrauch zu machen, ´fließend aus dem Handgelenk`.“[3]

Mit ca. 45 Minuten Dauer sind Calvins Predigten relativ kurz. Calvin predigte stets schriftgebunden, in Form von Homilien, denen er oft „ganze Bücher der Bibel zugrunde legte.“[4]

Wie sehr sich Calvin selber als Prediger verstand, wird auch daran ersichtlich, dass er bei seinem zweiten Start in Genf im Jahre 1541 „mit der Schriftstelle fortfuhr, mit der er am Ostersonntag 1538 aufgehört hatte“, was er selber mit den Worten kommentiert: „womit ich andeutete, dass ich mein Predigtamt für eine Zeit unterbrochen, es aber nicht gänzlich aufgegeben hatte“.[5]

Warum Calvin die Predigt so hoch achtet

Calvin ist überzeugt, „dass sich der (Heilige) Geist an die menschliche Predigt bindet. Sie ist nichts anderes als das Werkzeug des Geistes. … Denn der Geist Gottes bedient sich der Predigt des Evangeliums, um uns aufs beste zu erleuchten.“

Calvin sieht die Predigt im Zusammenhang mit der Prophetie, die er nicht als visionäre Hervorbringung von Zukünftigem versteht, sondern als ein „Lehramt“ und alle „Weissagung“ somit als „Kunst der Schriftauslegung“.

Im Horizont schriftbezogener Lehre also wird von Calvin die Predigt verhandelt. Von dieser schriftbezogenen Lehre meint er, dass deren Abschaffung „der Untergang der Kirche wäre“, weshalb „wir lieber den Himmel einstürzen lassen“[6] sollte, als auf sie zu verzichten.

Dabei ist es natürlich nicht die Phonetik als solche, die selig macht. Es ist nicht das „äußerliche Wort“. Calvin meint: „… die äußere Predigt wird ohne den geringsten Erfolg bleiben, wenn nicht die Belehrung durch den Geist hinzutritt.“[7]

Natürlich ist Calvin für die Realität nicht blind. Besonders vor der Reformation wäre es so gewesen, dass „die alten Mütterchen (aus der Predigt) … mehr Unsinn heimbrachten, als sie in einem ganzen Monat hinter dem Ofen aushecken konnten“, so ein merkwürdiges Gebräu von „dunklen Schulfragen“ und „hübsche(n) Fabeln“.[8] Nun aber, im Lichte des wiederentdeckten Evangeliums, müsse das eigentlich anders sein. Sei es auch immer noch so, dass „sich viele alberne und unerfahrene Prediger auf den Kanzeln tummeln, die ihre eigenen bedeutungslosen Einfälle herplappern“[9], und kann er auch selber in einer Predigt über die Weihnachtsgeschichte sagen: „Wenn z.B. gepredigt wird, so ist das nichts besonders Anziehendes für uns. Man hört da einen Menschen reden; und was für einen?“[10] – dennoch verbindet sich für Calvin mit dem Auftrag der Hirten und Lehrer nichts Geringeres als: „die Erbauung der Gemeinde, das ewige Heil der Seelen, die Erneuerung der Welt.“[11]

Die Predigt gehört also als vorzügliches Instrument in den „heilspädagogischen Drive“, der das Denken Calvins auszeichnet. „Ein jeder Mensch kann uns zum Zeugen der göttlichen Gnade werden. Aber nach den Worten des Paulus hat Gott dieses Amt besonders den Predigern übertragen…“[12]

Was Calvin von denen, die predigen, erwartet

Sorgfalt: „Wen ich auf die Kanzel steige, ohne zu geruhen, in ein Buch hineinzublicken, und frivolerweise bei mir selbst denken sollte: ´Nun ja, wenn ich hinaufsteige, wird Gott mir schon genügend Stoff geben, über den ich sprechen kann`…. dann wäre ich vermessen.“[13]

Authentizität: „Wer nicht selbst die Kraft des Evangeliums eingesogen hat, kann nicht von Herzen predigen.“[14]

Ungekünsteltheit: „Gott hat von Anfang an sein Evangelium ungeschmückt verkündigen lassen… die klare und einfache Predigt macht seine Wahrheit deutlicher, und der Heilige Geist wirkt besser ohne unsere äußere Nachhilfe.“[15] (In diesem Zusammenhang: „Alle Beredsamkeit hat nur dienende Stellung…“[16])

Christuspredigt: „Darum verlässt der die rechte Quelle, der etwas anderes als Christus allein predigt… Denn wie Christus des Gesetzes Ende ist, so ist er auch das Hauptstück und der Inbegriff aller geistlichen Predigt…  Wahre Predigt von Christus ist nur dort, wo man etwas von jenem gleichmäßigen und beständigem Ja verspüren kann, das nach Paulus das Wesen Christi ausmacht.“[17](In diesem Zusammenhang: „Die Predigt allein und nicht irgendeine magische Absolutionsformel spendet Vergebung der Sünden.“ [18] (Das erinnert stark an Zwingli!)

Ernsthaftigkeit: „… daher ist es ihre (= der Prediger) erste Aufgabe, die Gnade Gottes anzubieten, aber die zweite, auch mit allem Eifer darauf zu dringen, dass sie nicht vergeblich angeboten werde.“[19]

Selbstbegrenzung: „Alle treuen Hirten der Gemeinde … bewirken nichts anderes, als dass er selbst (= Christus) allein der Leiter seiner Gemeinde sei und als der alleinige Hirte dastehe.“[20] Zudem: „Wer in stolzer Zuversicht und Sorglosigkeit den Dienst am Wort antritt, kennt weder das eigene schwache Herz noch die Größe seiner Aufgabe.“[21]

Berufungsgewissheit: „Solche unerschütterliche Gewissheit müssen die Diener Gottes beweisen… Sie müssen wissen, dass ihre Lehre ebenso wenig umzustoßen ist wie Gott selbst.“[22]

„Biss“: „Wer sich … zum Predigtamt rüstet und nicht zugleich zu tapferem und entschlossenem Kampf bereit ist, wird eine Enttäuschung nach der anderen erleben.“[23] Dazu: „Der Gleichgültige ist zu diesem Amt untauglich…“[24]

Vorbildlichkeit: „Das ist ja die erste Forderung, die an einen Prediger gestellt wird, dass er nicht nur mit seinem Munde, sondern auch durch sein Leben predige.[25]

Fröhlichkeit und Entschlossenheit: „Gott verlangt eifrige Diener, die ihm mit Freuden gehorchen und die ihre Fröhlichkeit in der Entschlossenheit ihres Handelns beweisen.“[26]

(Gott-)Vertrauen: „… nie erlege er seinen Dienern eine Pflicht auf, ohne ihnen zugleich die nötigen Kräfte und Fähigkeiten zu verleihen.“[27]

Warten können: „Die Prediger pflügen und säen, und nach der Saat pflegen sie die Erde, bis sie Frucht bringt. Diese Frucht aber ist ein Wunder der göttlichen Gnade, nicht das Ergebnis menschlichen Fleißes.“[28]

Mitfreude: „Eine mürrische Strenge kommt nur daher, dass wir uns an dem Heil der Gemeinde nicht so freuen, wie wir es sollten.“[29]

Offenheit für Kritik: „Ein guter Pastor muss seine Predigt und seine Lebensführung von der Gemeinde prüfen und beurteilen lassen. Wer sich vor dieser Prüfung nicht scheut, bringt damit schon den Erweis seines guten Gewissens.“[30]

Zitation
Klaus Bröhenhorst, Calvin und die Predigt (2009), auf reformiert-info, URL: http://reformiert-info.de/4658-0-105-16.html (Abrufdatum)

[1] Parker, 180

[2] Parker, 182

[3] Spijker, J190

[4] Parker, 179

[5] Zit.: Parker, 179

[6] Komm1.Thess, 392f

[7] KommJoh., 386

[8] CStA,1,2,373f.

[9] Komm1Thess, 393

[10] WeihnPred., 103

[11] Komm1Thess, 387

[12] Komm2.Kor, 534

[13] Zit.: Parker, 182

[14] Komm1.Kor, 302

[15] Komm1.Kor, 317

[16] Komm2.Kor., 582

[17] Komm2.Kor,294

[18] Komm2.Kor,535

[19] Komm2.Komm, 537

[20] KommJoh, 264

[21] Komm1.Kor., 325

[22] Komm2.Kor, 494

[23] Komm2.Kor, 572

[24] Komm2.Kor, 580

[25] KommPhil (Müller), 66

[26] Komm.1,Kor, 392

[27] KommJoh, 477

[28] Komm1.Kor, 334

[29] Komm2.Kor, 498

[30] Komm1.Kor, 341

 


Pfr. Klaus Bröhenhorst, Hildesheim
 

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