Calvinismus und Kapitalismus

Anmerkungen zur sog. Max-Weber-These. Von Martin Eberle

Calvins Portrait auf einer Silbermedaille

Die Max-Weber-These, die eine 'unbeabsichtigte Wahlverwandschaft' zwischen dem Calvinismus und dem modernen Kapitalismus annimmt, wird von Dr. Martin Eberle aus Magdeburg ausführlich vorgestellt. Er hält die These Webers zwar für einseitig, keineswegs aber für erledigt.

Vor hundert Jahren entspann sich eine Auseinandersetzung um eine These, die bis heute ebenso faszinierend wirkt wie sie herbe Kritik erntet. Die Rede ist von Max Webers Essay „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“. In dessen Kern steht die These eines Zusammenhanges zwischen dem Menschentyp, den der Calvinismus formte, und der Entstehung des modernen Kapitalismus.

Webers religionssoziologische und wirtschaftsethische Studie ist eines der Gründungsdokumente der Soziologie in Deutschland. Bei einer weltweiten Umfrage unter Fachwissenschaftlern wurde die „Protestantische Ethik“ noch vor einigen Jahren in der Liste der bedeutendsten soziologischen Schriften auf Platz 4 gewählt. Theologischerseits ist sie die meistzitierte Schrift Max Webers.
Bevor ich auf die Rezeption von Webers These eingehe, will ich versuchen, seine Argumentation zu skizzieren.

Das Argument in der „Protestantischen Ethik“
Den Ausgangspunkt bildet Webers Ansicht, dass der Kapitalismus den neuzeitlichen Menschen eine Lebensführung aufzwinge, die so irrational sei, dass diese nicht aus der ökonomischen Entwicklung und dem Streben nach einem guten Leben heraus erklärbar scheint. Entlang einer um 1900 verbreiteten Meinung, die über Jahrhunderte gewachsen ist, versuchte er, die angenommene Nähe von Protestantismus und modernem Kapitalismus plausibel zu machen. Dazu erläutert er zunächst, anhand eines Zitats von Benjamin Franklin, was er unter dem „Geist des Kapitalismus“ versteht. Es ist „das Ideal des kreditwürdigen Ehrenmannes und vor allem: der Gedanke der Verpflichtung des einzelnen gegenüber dem als Selbstzweck vorausgesetzten Interesse an der Vergrößerung seines Kapitals“ (Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I, Tübingen 91988, 33). Dieses Ethos, diese „ethisch gefärbte … Maxime der Lebensführung“ (ebd.) ist es, was Weber als „Geist des Kapitalismus“ bezeichnet. Charakteristisch ist ihm der „Gedanke der Berufspflicht“, dessen Herkunft Weber erklären will. Und es geht Weber darum herauszufinden, welche Umstände diesen Geist befördert und ihm zum Durchbruch verholfen haben.
Fündig wird er beim asketischen Protestantismus, dessen ausgeprägteste Variante der Calvinismus darstelle. Allerdings stellt Weber sofort fest, dass alle protestantischen Konfessionen „materialistischer oder doch antiasketischer Weltfreude“ (aaO. 29) feindlich gegenüber standen. Nicht kapitalistische Elemente in den Religiositäten, sondern ihre „rein religiösen Züge“ und deren mögliche Auswirkungen auf die Lebensführung sind daher Gegenstand der Untersuchung. Dass nun die religiösen Lehren allesamt offensichtlich keine kapitalistischen Tugenden fördern wollten, besagt noch nichts über die praktische Wirkung religiöser Überzeugungen.

Die praktischen Antriebe zum Handeln
In einem zweiten Schritt macht Weber deutlich, dass es ihm „auf die Ermittelung derjenigen durch den religiösen Glauben und die Praxis des religiösen Lebens geschaffenen psychologischen Antriebe, welche der Lebensführung die Richtung wiesen und das Individuum in ihr festhielten“ (aaO. 86), ankommt. Den für den Kapitalismus spezifischen Berufsbegriff leitet Weber zunächst von Luthers Berufsverständnis her. Obwohl Luther selbst eine „gegenüber der Spätscholastik, direkt (vom kapitalistischen Standpunkt aus) ‚rückständige’ Vorstellungsweise vom Wesen des kapitalistischen Erwerbs“ (aaO. 74) hatte und „zu einer auf grundsätzlich neuer oder überhaupt prinzipieller Grundlage ruhenden Verknüpfung der Berufsarbeit mit religiösen Prinzipien [...] nicht gelangt“ (aaO. 77) ist, erhöhte seine Lehre vom Beruf „die religiöse Prämie für die innerweltliche, beruflich geordnete Arbeit“ (aaO. 74). Hierin liegt die „nicht unmittelbar“ (aaO. 79), sondern indirekt wirkende Bedeutung seiner Lehre für die später mit dem kapitalistischen Geist kompatible Ethik. Mit der „religiösen Prämie“ als wirksamem Anreiz sowie der Akzentuierung auf unmittelbare statt einfach direkte Wirkungen sind zwei Stichworte genannt, die für die weitere Untersuchung wie überhaupt für Webers religionssoziologische Studien von zentraler Bedeutung sind und seine Fragestellung kennzeichnen. Die religiöse Prämierung eines bestimmten Verhaltens ist nicht nur und manchmal sogar nur gering durch ethische Vorschriften bedingt, sie ist vielfältiger und wirksamer als ethische Vorschriften, sie ist es, die die „praktischen Antriebe zum Handeln“ liefert. Damit ist auch Webers Verständnis von Ethik genannt: weniger die ethische Lehre als die vielfältigen Motive, die das Handeln tatsächlich leiten, interessieren den Soziologen Max Weber. Denn die Wirkungen religiöser Lehre sind vielgestaltig, und gerade die indirekten, oft nicht intendierten Folgen solcher Lehren sind es, die Weber interessieren.

Prädestination als wirtschaftsethisch relevante Vorstellung
Die Untersuchungsperspektive ist also eingeschränkt auf „‚Wahlverwandtschaften’ zwischen gewissen Formen des religiösen Glaubens und der Berufsethik“ (aaO. 83). Dabei geht er von der „rein religiösen Lehre“ aus und erörtert, wie diese sich auf die Wirtschaftspraxis auswirken konnte. Innerhalb des Calvinismus glaubt Weber in der Prädestinationslehre und ihren Wirkungen auf die Lebensführung der Gläubigen einen zentralen Impuls gefunden zu haben. Die Vorherbestimmung einiger Menschen zu ewigem Leben, anderer zum ewigen Tode hat nach Weber zum „Gefühl einer unerhörten Vereinsamung des einzelnen Individuums“ (aaO. 93) geführt. Weder Werkgerechtigkeit noch Beichte boten Wege zur Entlastung des Gläubigen. Die Heilsgewißheit „im Sinn der Erkennbarkeit des Gnadenstandes [musste] zu absolut überragender Bedeutung aufsteigen“ (aaO. 104). Die Lehre vom „syllogismus practicus“, d.h. der Rückschluß aus den guten Werken auf den Gnadenstand, bot einen Weg zur Heilsgewißheit. Die Folge ist, dass „der Calvinist [...] seine Seligkeit – korrekt müßte es heißen: die Gewißheit von derselben – selbst schafft [...] in einer zu jeder Zeit vor der Alternative: erwählt oder verworfen? stehenden systematischen Selbstkontrolle“ (aaO. 111). Die methodische Systematisierung und Rationalisierung der Lebensführung „nun gab der reformierten Frömmigkeit ihren spezifisch asketischen Zug“ (aaO. 116). Da diese asketische Lebensführung aber von an und in der Welt Handelnden getragen wurde, hatte sie rein innerweltlichen Charakter. Den „positiven Antrieb zur Askese“ für die religiösen Massen bot der für Weber in dieser Hinsicht fundamentale „Gedanke[] der Bewährung des Glaubens im weltlichen Berufsleben“ (aaO. 120.125). „Produkt des asketischen Protestantismus“ ist eine „systematische[] rationale[] Gestaltung des Gesamtlebens“ (aaO. 125). Die innerweltliche Askese als Charakteristikum des asketischen Protestantismus schuf in Aufnahme von Luthers Berufsgedanken die spezifische puritanische Berufskonzeption, welche eine „Rationalisierung der Lebensführung innerhalb der Welt im Hinblick auf das Jenseits“ (aaO. 163) bewirkte.

Religiöse Prämierung der Berufsaskese und kapitalistischer Lebensstil
Im Beruf führt die innerweltliche Askese zu methodisch-systematischer Erfüllung der Aufgaben und Pflichten. Ist auf diesem Wege Reichtum zu erwerben, so ist er als von Gott vorgezeichneter und geschenkter zu ergreifen. Die religiöse Prämierung der puritanischen Berufsaskese schafft so das „Fachmenschentum“ und den „Geschäftsmenschen“. Dieses von „selbstgerechter und nüchterner Legalität“ (aaO. 180) getragene Berufsethos sieht Weber sich auch direkt auf „die Entwicklung des kapitalistischen Lebensstils“ (aaO. 183) auswirken. Die Konsumtion ist eingeschränkt durch die Verwerfung unbefangenen Genusses, also „irrationale Verwendung des Besitzes“. Die Produktion hingegen wird extrem angeregt durch „die religiöse Wertung der rastlosen, stetigen, systematischen, weltlichen Berufsarbeit als schlechthin höchsten asketischen Mittels und zugleich sicherster und sichtbarster Bewährung des wiedergebornen Menschen und seiner Glaubensechtheit“ (aaO. 192). Das Ergebnis ist rechenhafter Umgang mit dem Erworbenen und Investition statt Verbrauch: „Kapitalbildung durch asketischen Sparzwang“ (ebd.). Der dadurch bestimmte kapitalistische Lebensstil ist freilich nicht erst im asketischen Protestantismus aufgetreten, „aber erst in der Ethik des asketischen Protestantismus fand er seine konsequente ethische Unterlage“ (aaO. 190). Asketischer Protestantismus und kapitalistischer Geist erweisen sich also als wahlverwandt, als zueinander adäquat, so dass der kapitalistische Geist mit der puritanischen Ethik eine Liaison eingehen kann, die ihm den entscheidenden Durchbruch verschafft und zugleich eine neue Form des Kapitalismus hervorbringt. Die Ethik des asketischen Protestantismus hat also zum schon vor ihr und neben ihr existenten kapitalistischen Geist einerseits in ihrer Wirkung ein positives Verhältnis ausgebildet. Die von außen betrachtet irrationale religiöse Rationalität des puritanischen Ethos überwand andererseits die Hemmungen, denen der kapitalistische Geist gegenüberstand. „Das ausschließliche Streben nach dem Gottesreich durch Erfüllung der Arbeitspflicht als Beruf und die strenge Askese [mussten] die ‚Produktivität’ der Arbeit im kapitalistischen Sinn des Wortes fördern“. (AaO. 201).

Kritik, die an Weber vorbeizielt
Webers historische Konstruktion ist ebenso anregend wie sie zu Widerspruch herausfordert. Allerdings wird dabei oft die Ebene verlassen, auf der Weber argumentiert. Wer etwa zur Widerlegung von Webers Verbindung von Calvinismus und Kapitalismus auf die kapitalismuskritische Äußerungen Calvins verweist, verfehlt Weber auf der ganzen Linie (Es verwundert, dass sich dieses Missverständnis auch bei Autoren findet, die Webers These zunächst zutreffend referieren; s. etwa Ulrich H.J. Körtner: Christentum und Wirtschaftswelt. Notizen zum Verhältnis von Calvinismus und Kapitalismus, in: Ders.: Reformiert und ökumenisch – Brennpunkte reformierter Theologie in Geschichte und Gegenwart, Salzburger Theologische Studien Bd. 7, Innsbruck/Wien 1998, 80ff; Kurt Lüthi: Calvinismus und Kapitalismus. Überlegungen zur These Max Webers, in: P. Karner (Hg.): Typisch evangelisch reformiert. Texte, Wien 1992, 233-253.). Zum einen hat Weber selbst auf den Unterschied zwischen den Lehren des Reformators und seinen Nachfahren hingewiesen. Zum anderen versucht er das tatsächliche Ethos statt die ethischen Lehren ins Blickfeld zu rücken. Und schließlich sind es nicht selten nicht-intendierte, indirekte Wirkungen und Verknüpfungen, die Weber herausarbeitet.

Berechtigte Kritik an der Wertung des Prädestinationsgedankens
Treffender sind da schon Anfragen an bestimmte historische Zurechnungen, die als historisch unzutreffend eingestuft werden. Im Zentrum der Kritik steht Webers Argument, die calvinistische Prädestinationslehre habe die Gläubigen zu einsamem Heilsstreben veranlasst und zur Bestätigung des Gnadenstandes durch wirtschaftlichen Erfolg. Dieser Zusammenhang, den Weber selbst so nur bei einer schmalen Gruppe von Personen – namentlich den englischen Puritanismus des 17. Jahrhunderts – für gegeben hält, ist mit guten Gründen widerlegt worden. Historiker wie Hartmut Lehmann oder Kaspar von Greyerz haben bei Studien zur Frömmigkeitsgeschichte festgestellt, dass sich in der Seelsorgeliteratur der Zeit keine Hinweise auf „Angstaffekte“ und einsames Heilsstreben finden.
Sind diese Forschungsergebnisse also eine Widerlegung von Webers These? Schließlich treffen sie das zentrale Argument, nämlich die Wirkung der calvinistischen Prädestinationslehre auf die Lebensführung der Gläubigen. Ist Webers These also „destruiert“ (so die explizite Absicht der Argumentation bei Frank Jehle: Prädestination – reformiertes Zentraldogma? Zur Auseinandersetzung mit Max Webers These über den Zusammenhang von Calvinismus und Kapitalismus, St. Gallen, 2000, 3 [www.reformiert-info.de/side.php?news_id=1745&part_id=0&part3_id=56&navi=3]).

Fortbestand der Kernthese
Hier lohnt es sich, die Untersuchungsergebnisse genau zu studieren. So nimmt Hartmut Lehmann den grundsätzlichen Impuls Webers auf, wenn er darauf abhebt, dass statt der Heilsbemühungen frommer Individuen eher die „Bemühungen christlicher Gruppen um das ewige Heil“ sowie die Umsetzung von „theologischen Prämissen“ in ethische Maximen und wirtschaftsethisches Verhalten ins Zentrum der Untersuchung gerückt werden sollten. Entscheidend auch die Schlussfolgerung bei Kaspar von Greyerz. Zwar habe die Prädestinationslehre in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts an Einfluss verloren. Doch die autobiographischen Texte englischer Puritaner dieser Zeit zeigen die immense Bedeutung der Vorsehungslehre für die Gläubigen. Gott wurde nicht nur als alltäglicher Helfer angesehen; „Unfälle, Krankheiten, Epidemien, Erdbeben, Flutkatastrophen und ähnliche Ereignisse waren faktisch Gottes direkte Strafe für Sünden Einzelner oder einer Gemeinschaft“ (Kaspar von Greyerz: Predestination, Covenant, and Special Providence, in: Hartmut Lehmann und Günther Roth (Hg.): Webers’s Protestant Ethic. Origins, Evidence, Contexts, 1987, 273-284, 280 – Übers. ME). Der Effekt aber dieses speziellen Vorsehungsgedankens „resultierte in ebenso rigoroser Selbstkontrolle wie jener, die mutmaßlich der Prädestinationsgedanke hervorgebracht hat“ (aaO. 283 – Übers. ME). Man korrigiere also die fehlerhafte historische Zurechnung in Webers, ersetze Prädestination durch spezielle Vorsehung, und Webers These ist alles andere als destruiert.

Fazit
Was ist also dran an Webers These? Es ist v.a. der Blick des Soziologen auf die Wirklichkeit und die Wirkungen der Religion, der bereichert. Die Unterscheidung zwischen ethischer Lehre und den praktischen Antrieben zum Handeln weitet den Blick auf den Niederschlag religiöse Vorstellungen bei den Gläubigen. In seinen späteren religionssoziologischen Studien hat Weber seine Perspektive erweitert und verfeinert. Zum einen nimmt er die in der „Protestantischen Ethik“ ausgeblendete Wirkung von Wirtschaft und sozialer Schichtung auf die Religion mit hinein. Zum anderen differenziert er die ethosbildenden Faktoren in sozioökonomische Bedingtheiten, die Relevanz religiöser Rollen, die Wirkung der Organisationsform auf das religiöse Leben und einen Komplex ideeller Ursachen. Dieser das Ethos leitende Ursachenkomplex aus Gottesvorstellung, Heilsvorstellungen, Erlösungsweg, Weltverhältnis und ethischer Lehre mündet in den Heilsprämien, die letztlich das Handeln prägen. Es ist die umfassende Perspektive und die Frage nach der Relevanz der Religion, die Weber nach wie vor zu einem wichtigen Impulsgeber macht. (Für eine ausführliche Darstellung von Webers ethischer Perspektive siehe Martin Eberle: Verstehende Wirtschaftsethik. Max Webers Studien zum antiken Judentum in theologisch-ethischer Perspektive, LIT Verlag, Berlin 2008).
Webers These zum Verhältnis von Calvinismus und Kapitalismus ist einseitig, er hat das nie geleugnet. In seinen späteren Schriften hat er eine umfassendere Perspektive eingenommen, die gerade in den letzten Jahren wieder neue Aufmerksamkeit erfährt. Richtig ist Multikausalität. Der Theologie kann die Weberlektüre wichtige Zusammenhänge aufweisen, der sich die Reflexion der Religion nicht entziehen kann. In der Paradoxie von Ursache und Wirkung, der Realität nichtintendierter Folgen und unbeabsichtigter Wahlverwandtschaften werden religiöse Absichten weder schlecht gemacht noch klein geredet. Religion wird auf ihre vielfältigen Wirkungen in der Gesellschaft hin beleuchtet. Eine Theologie und eine Glaubenstradition, die von ihrem Selbstverständnis her gesellschaftlich relevant sein wollen, können diese Anstöße dankbar aufnehmen.

© Dr. Martin Eberle

Die Wirtschaftsethik Calvins und die Widerlegung der Max-Weber-These

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