Der Calvinismus in Europa – erzählt von Kelch, Hund, Schwert und den Gesichtern von Frauen

Schritte durch die Ausstellung ''Calvinismus. Die Reformierten in Deutschland und Europa''

Patene, Brotteller zum Abendmahl, von Abraham van Conninxlo 1661, A Lasco Bibliothek Emden

''Das tut einfach gut - diese Wertschätzung!'' - ''Und wie begeistert die Kuratoren und der Präsident der Museumsstiftung sind über die europäische Dimension des Calvinismus!'' - erste Reaktionen von Reformierten nach einem Gang durch die Ausstellung. Und zu Hause dann ein Blick in den Katalog - was für ein Schatz an Texten und Bildern. Der gehört in jede private und öffentliche reformierte Bibliothek. Ein kleiner Vorgeschmack für das eigene Museumserlebnis. Von Barbara Schenck

Die Ikonografie reformierter Kirchen und weltlicher Parlamente
Die Kunst: Spiegel einer neuen Freiheit
Polemik, Propaganda, Schauprozess
Protestanten mit Migrationshintergrund
Adelige Allian zen: ein reformiertes Netzwerk
Den Glauben nähren: das Abendmahl
Weibliche Diakonie
Calvinismus: den C- Faktor würdigen

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In dem Raum „Das Wort Gottes“ steht das größte Exponat der Calvinismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. Aus Eichenholz gefertigt, über drei Meter hoch, fast zwei Meter. Ein Katheder mit Schalldeckel, das zu einer Kanzel wurde. Für das Auditorium der Universität Utrecht fertigten die Tischler Hendrick Aertsen Struys und Jan Hendricksz. das Katheder 1644 an. Die orthodox-reformierte Pastorenausbildung in Utrecht zog auch Studenten aus Ungarn an. Im Jahr 1722 war ihre Zahl so groß, dass sie eine eigene Gemeinde bildeten und Gottesdienste in der Universität hielten, bei denen das Katheder als Kanzel diente. „Ein Schulmeister mit einem Schulbuch“ stehe „am Anfang der Geschichte des historisch wirksam gewordenen Reformiertentums“, schrieb Karl Barth über Johannes Calvin. Der Reformator selbst sah die Glaubenden als lebenslang Lernende in der „Schule Gottes“. Im Berliner Ausstellungsraum wird die Katheder-Kanzel zum Symbol für das Zusammenkommen einer Lehre, die rationalen Kriterien folgt, und einem Glauben, dessen Bekenntnis in die Öffentlichkeit tritt. In dieser Kombination von Glaube und Vernunft lässt sich eine Wurzel der modernen Rationalität entdecken.

Die Ikonografie reformierter Kirchen und weltlicher Parlamente

Zur Linken der Kanzel hängt im musealen Kirchenraum eine Tafel mit den zehn Geboten. Dieses Kunstwerk aus Celle zeigt mehr als eine Konsequenz aus der Hochachtung des Bilderverbots. Mit der Verkündigung unter dem Gesetz erscheint die Ausstattung reformierter Kirchen im Einklang mit Parlamentsgebäuden. Im Querbau wird die Öffentlichkeit in das Geschehen mit einbezogen, über den Redenden stehen Gesetze und das Auge Gottes, nicht etwas das Abbild eines weltlichen Herrschers.

Der quer angelegte Raum, schreibt Klaus Merten im Katalog, trat in Deutschland schon sehr früh im lutherischen Schlosskrichenbau auf, 1558 in Stuttgart und 1585 in Königsberg. Den Lutheranern sei er im Übrigen aber zunächst fremd geblieben. In den hessischen und nassauischen Ländern, wo Lutheraner und Reformierte beieinander lebten, prägte der reformierte auch den lutherischen Kirchenbau, namentlich bei den Projekten der Saarbrücker Ludwigskirche und der Frankfurter Paulskirche: „In diesen beiden Kirchen hätten auch Reformierte, ohne an irgendetwas Anstoß nehmen zu müssen, ihren Gottesdienst feiern können, so sehr hatte sich in diesen Regionen Deutschlands der lutherische Kirchenraum dem reformierten angenähert.“

Reformierte Bilder – Spiegel einer neuen Freiheit

Der Calvinismus hat eigene Bilderwelten geschaffen, erklärt Kuratorin Sabine Witt die Ausstattung eines Sonderkabinetts. Um die unter Vitrinenglas geschützten abgeschlagenen Köpfe von Heiligen versammeln sich Werke niederländischer Malerei aus dem 17. Jahrhundert. Der Bildersturm von 1566 befeite die Kunst von ihrem sakralen Zweck und den Vorgaben päpstlicher Aufträge. Einzelne Bürger begannen Kunstwerke zu sammeln und in Auftrag zu geben. Die niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts verhalfen dem Stillleben zu einer Blüte, die es später nicht wieder erreichte. Perlmuttern glänzt der in Gold- und Siberfassung zu einer Kostbarkeit stilisierte Nautiluspokal im Bild Willem van Aelsts. Die Oberfläche scheint so echt, dass beim Ansehen durch allen silbrigen Glanz hindurch die Kälte zu spüren ist. Ganz im Sinne Calvins veranschaulicht das Bild hinter allem Prunk und Luxus die Vergänglichkeit alles Irdischen. Der Nautilus, die aufgerollte Schale eines „lebenden Fossils“, demonstriert eine bereits tote Daseinsform.

Polemik, Propaganda, Schauprozess

Die bildende Kunst trat auch in den propagandistischen Dienst der Reformation und Gegenreformation. Die Hunde zwischen den Gottesdienstbesuchern auf den Bilder von Gijsbert Sibilla (1635), Susanna van Steenwijck (1639) und Hans Jurrianensz (1658) sind gemalte calvinistische Polemik: Seht her, die Kirche ist kein sakraler, heiliger Ort. Und auf der anderen Seite Jacob Gerritsz. Loef um 1645: Im Meer schwimmend zielt Calvin mit einem Gewehr auf das riesige „Schiff der Kirche“. Sein Schuss hinterlässt nur eine lächerlich kleine Schramme am Heck des überragenden Gegners.
„Gottes Wort und Lutheri Schrift ist des Bapst und Calvini Gift“ – ein „Kampfbekenntnis“ der polemischen Art in Stein gemeißelt und zum 200-jährigen Reformationsjubiläum erneuert auf der Tafel eines Wittenberger Hauses.

Direkt dahinter hängt ein langes schmales Schwert, ein Richtschwert. Der kursächsische Kanzler Nikolaus Krell wurde mit diesem Schwert am 9. Oktober 1601 in Dresden hingerichtet. Die Anklage lautete, Krell habe seines Landesherrn, den Kurfürsten Christian I. von Sachsen (1560–1591), zu calvinistischen „Irrlehren“ verführt. „Hüte dich, Calvinist“ mahnt die Inschrift des Schwertes, einige Jahre vor den blutigen Kämpfen des dreißigjährigen Krieges. Erst im Westfälischen Frieden von 1648 wurde im Reich das reformierte Bekenntnis als dritte eigenständige Konfession anerkannt – oder als „Spielart der Lutheraner“, je nach Lesart des Friedensvertrages von Osnabrück.

Protestanten mit Migrationshintergrund

„Ein Fremder war ich und ihr habt mich aufgenommen“ – diese Worte aus Matthäus 25 sind eingraviert in die Deckelstatuette eines kostbaren in Silber getriebenen Pokals. Der Weseler Geusenbecher ist ein Geschenk der flämisch-niederländischen Immigrantengemeinde an den Rat der Stadt Wesel. Die calvinistischen Glaubensflüchtlinge bedankten sich am 24. Februar 1578 mit diesem Geschenk bei der niederrheinischen Stadt für ihre Aufnahme. Der kostbare Pokal zeigt den Punkt, an dem Kurator Ansgar Reiß dem Reformator Calvin Modernität abgewinnen kann. Seine Theologie war erfolgreich unter Migranten. Auf der Flucht gab sie Halt. Calvin versicherte den Verfolgten: Ihr versteht nicht, was euch widerfährt, aber es ist Gottes Wille. Die Gemeinde vor Ort musste – ohne Schutz und finanziellen Rückhalt durch die Obrigkeit – ihre eigene Struktur auf Autonomie ausrichten und durch gut organisierte Diakonie materielle Sicherheit bieten. Dabei waren die Reformierten geradezu genötigt, ein europäisches Netzwerk auszubauen, um vor Ort überleben zu können. „Nicht Landes- und Nationalkirchen wie bei den Lutheranern, Katholiken und Anglikanern machten den institutionellen und geistigen Kern des Calvinismus aus, sondern ein Netz von Flüchtlings-, Untergrund-, Minderheits- oder Sonderkirchen“, schreibt Heinz Schilling im Katalog. Französische, wallonische und nordniederländische Flüchtlinge gründeten Mitte des 16. Jahrhunderts Gemeinden am Niederrhein, in der Pfalz, in Emden und Bremen sowie in London und bis hinauf nach Schweden und Danzig. Die Geschichte der Reformierten in Deutschland kann nur als europäische Geschichte erzählt werden.

Adelige Allianzen: ein reformiertes Netzwerk

Die europäischen Netzwerke der Reformierten versinnbildlichen Bilder von Fürstenpaaren und königlichen Allianzen. Hoch zu Pferd und von Begleitern umgeben blicken die Prinzen Moritz und Friedrich Heinrich von Oranien mit dem Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz als König von Böhmen auf den Betrachter. Die Allianz zwischen den Statthaltern der niederländischen Provinzen mit ihrem Neffen Friedrich V. sollte die Protestanten im Deutschen Reich und in den Niederlanden gegen die Macht der Hauses Habsburg stärken. Einen wichtigen Baustein in der antihabsburgischen Allianz bildete auch die Ehe von Friedrich V. mit Elisabeth, der ältesten Tochter den englischen Königs Jakob I. Die Porträts der beiden Eheleute erinnern an die Führungsrolle der Pfalz im Bündnis gegen Habsburg. Einen ersten Überblick über die Heiratspolitik der Reformierten verschafft die aufklappbare Ahnentafel im Anhang des Katalogs. Betrachtet man die Genealogien führender hugenottischer und reformierter Familien, wie zum Beispiel Coligny, Oranien, Nassau, Anhalt, Pfalz, Solms-Braunfels, Dohna oder Brandenburg, so könne man „die verwandtschaftlichen Beziehungen nahezu als einen europäischen Familienverband bezeichnen“, fasst Katharina Bechler den Blick auf die dynastischen Familiengeflechte im Zeitalter der Konfessionalisierung zusammen. Der calvinistische Stammbaum unterscheide sich allerdings von entsprechenden üblichen Stammbäumen in männlicher Linie. Die „dynastisch weiblichen Linien in den Familien“ werden gleichermaßen hervorgehoben. So verband an prominenter Stelle Louise de Coligny, die Tochter von Gaspard de Coligny, das kämpferische Hugenottentum in Frankreich mit dem niederländischen Freiheitskämpfer Wilhelm von Oranien.

Den Glauben nähren: das Abendmahl

Ein Herz kirchlichen Lebens zeigen Abendmahlskelche und -kannen aus Alpen, Bern, Bielefeld, Celle, Emden, Kassel und Klausenburg. Unscheinbar daneben: Abendmahlsmarken. Auf der Vorderseite führt ein Hirte mit Speer und Horn sechs Schafe zum Wasser, auf der Rückseite der Zuspruch: „Fürchte dich nicht, kleine Herde“. Calvin selbst hatte 1560 die Einführung der Marken durch den Rat der Stadt vorgeschlagen. Nur wer sich nichts hatte zu Schulden kommen lassen, bekam vom Kirchenältesten eine Marke als Zulassung zum Abendmahl – oftmals gegen eine Gebühr. Ein irritierender Gegenstand unter der Botschaft von der freien Gnade Gottes. Im Genfer Katechismus erklärt Calvin selbst in Antwort auf die Frage, wer recht und ordnungsgemäß am Sakrament teilnehme, das Abendmahl würde überflüssig, wenn wir alle vollkommen wären. „Es soll ja als Hilfsmittel zur Stütze für unsere Schwachheit dienen, und zur Hilfe in unserer Unvollkommenheit.“

Diakonat der Frauen

Ernst blicken die Vorsteherinnen des Emder Gasthauses auf einen Neuankömmling und bemessen seinen Unterhalt. Eingekleidet und mit einem Bettlaken unter dem Arm wird der Junge seiner Gastmutter übergeben. Diakonie im 17. Jahrhundert. Als eins der vier Ämter neben dem des Predigers, Lehrers und Priesters gehört das Diakonat in jede reformierte Gemeinde. Das Bild aus Emden zeigt einen Teil der „weiblichen Diakonie“. Römer 16,1-2 bezeichnet Phöbe als diaconus. Calvin ignorierte die Zuschreibung dieses Titels auf eine Frau nicht. In seiner Auslegung der verschiedenen Bibelstellen, die diakonische Tätigkeiten beschreiben, zeigt Römer 12,8, wie die Männer in Apostelgeschichte 6 und 1. Timotheus 3 mit Phöbe und den Witwen verwandt sind. In einem einzigen Diakonat gibt es zwei Formen „diakonischer Amtstätigkeit“. „Die Männer verwalten das Geld und die Frauen kümmern sich persönlich um die Kranken“, fasst Elsie A. McKee Calvins Ausführungen zusammen. Das Besondere des Calvinismus an dieser Stelle: „Als einzige Protestanten“, so McKee, billigten die Reformierten den Frauen eine Rolle in den regulären Fürsorgeämtern zu. Calvin habe in seinen Predigten über 1. Timotheus 5 zwar davor gewarnt, „dass der Rang der weiblichen Diakone bedeutend niedriger als der der männlichen Amtsträger oder Diener des Wortes sei“, aber dass er die weiblichen und die männlichen Dienste „überhaupt miteinander vergleicht, ist in der Tat bemerkenswert.“

Calvinismus: den C-Faktor schätzen lernen

Eine „ausgezeichnete Klasse“ nannte Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ „die sogenannten Reformierten“. Recht hat er, erzählen 372 Exponate auf 1.100qm. Ihre Ikonografie und Symbolik verleiten dazu, eine gerade Entwicklungslinie zu ziehen vom Calvinismus mit seinem Kirchenbau und seiner presbyterial-synodaler Kirchenordnung zu parlamentarischer Demokratie und vom Glauben, der nach Erkenntnis fragt, zur modernen Rationalität. Doch „konfessionelle Offenbarungstheologie“ dürfe nicht mit „modernen Freiheitsideologien“ verwechselt werden, warnt Robert von Friedeburg in einem Interview für das museumspädagogischen Begleitmaterial. Er erinnert an den lutherischen Juristen Christoph Besold, der schon 1625 behauptete, es sei ein Naturrecht, „ein freies Gewissen zu haben und zu glauben, was man wolle“.

Nichtsdestotrotz: Die Gegenstände im Pie-Bau des Deutschen Historischen Museums legen Zeugnis ab für einen Glauben, der das Leben heiligt und politisch wird. Eine bunt strahlende und schillernde Vergewisserung der eigenen reformierten Geschichte und der Brisanz des Bekenntnisses. Die Calvinismus-Ausstellung ist ein schöner Meilenstein auf dem Weg, den bereits zu Calvins Zeiten als Schimpfwort entstandenen Begriff „Calvinismus“ auch in Deutschland zu einem mit Würde zu tragenden Wort zu etablieren für eine Konfession neben Luthertum und tridentinischem Katholizismus – ohne dabei Ulrich Zwingli, Marie Dentière, Heinrich Bullinger, Johannes a Lasco, Marie Durand und all die anderen Reformierten zu vergessen.

Fotos (von oben nach unten): Patene, Brotteller zum Abendmahl, von Abraham van Conninxlo 1661, A Lasco Bibliothek Emden; Kanzel der ungarischen Gemeinde in Utrecht (1644); Jacob Gerritsz. Loef (zugeschrieben), Das Schiff der Kirche (1640/49); Steintafel aus Wittenberg mit anticalvinistischer Inschrift (1717 erneuert); Richtschwert, Ende 16. Jh.; Weseler Geusenbecher (1578); Abendmahlsmarken. ©Fotos: DHM und H. Buitkamp

Der Katalog zur Ausstellung:

Calvinismus. Die Reformierten in Deutschland und Europa,
hrsg. von Ansgar Reiß und Sabine Witt,
Sandstein Verlag Dresden
25 Euro im Museumsshop

Das Begleitmaterial – mit oder ohne DVD erhältlich:
Calvinismus. Die Reformierten in Deutschland und Europa
10 bzw. 8 Euro

Weitere Informationen zur Ausstellung:
www.dhm.de >>> 

Die Ausstellung in der online Presse:

taz am 4. April 2009: Von Freiheit und Gottesfurcht >>>

Kuratorin Dr. Sabine Witt im Interview auf Deutschlandradio Kultur am 4. April >>>

Siehe auch die Sammlung von Links unter dem Artikel zur Eröffnung der Ausstellung >>>


Barbara Schenck

Der Text ohne Bilder >>>

Ministerpräsident Balkenende sprach über die moralische Kraft im Denken Calvins

Den 500. Geburtstag Calvins nehmen das Deutsche Historische Museum und die Johannes a Lasco Bibliothek zum Anlass, Anfänge, Verbreitung und Auswirkungen des Calvinismus in Deutschland und Europa darzustellen. Die Ausstellung ''Calvinismus. Die Reformierten in Deutschland und Europa'' wurde mit Ansprachen von Ministerpräsident Balkenende aus den Niederlanden, Bischof Wolfgang Huber und Bundesminister Thomas de Mezière am 31. März in Berlin eröffnet.
 

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