Der Engel der Weihnacht: ''Fürchtet Euch nicht!'

Szenische Predigt am Heiligen Abend 2011. Von Pastor Michael Ebener, Göttingen


Für Kurzentschlossene Texte zur Gestaltung eines lebendigen Familiengottesdienstes am Heiligen Abend.

Szenische Predigt am Heiligen Abend 2011 von Pastor Michael Ebener, Göttingen
 
Der Engel der Weihnacht: „Fürchtet Euch nicht!“
 
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
 
 
Der Engel der Weihnacht ist unterwegs.
 
Engel haben es auch nicht leicht
 
Er kommt von Gott her in die Welt.
In unsere Leben, unsere Herzen und Häuser.
 
Der Engel der Weihnacht bahnt sich seinen Weg.
Durch Einkaufstüten und Geschenkeberge, später am Abend dann durch buntes Packpapier und Zuckerkringel. Es wäre schön, wenn wir ihm einen Gang lassen.
Er sieht dabei über all das hinweg, was noch unaufgeräumt in unseren Ecken liegt und was wir mit geübtem Deckenwurf gerade noch kaschieren konnten, bevor der Besuch kommt. Er hat auch großes Verständnis für all das, was uns von diesem Jahr liegenblieb und was uns darin zerbrochen ist. Er selbst hat zur Weihnachtszeit die Hände voll zu tun und sieht deshalb milde auf das, was wir nicht mehr geschafft haben – „Ist nicht schlimm“, sagt er.
Er achtet auch nicht darauf, ob unsere Haare onduliert sind oder die Socken nur mühsam gestopft und ein Fleck am Ärmel. Er kommt zu uns, ob wir im Palast wohnen oder im Stall kaum Herberge haben. Er geht da hinein, wo man ihn einlässt.
Er setzt sich ungezwungen an den Tisch bei den Fröhlichen. Er liebt das Strahlen in den Kinderaugen! Und wenn er mitspielen darf, dann freut er sich. Aber auch zu den Traurigen kommt er. Bei ihnen sitzt er oft ganz still. Hier und da sagt er ein Wort, das hört man kaum. Seine Hand ist warm und sein Lächeln offen.
 
Er ist wahrhaftig der Bote Gottes in unserem Leben, an diesem Weihnachtsabend. Manche von uns haben ein sicheres Gespür für seine Gegenwart, anderen geht er unerkannt zur Seite.
Der Engel der Weihnacht kommt von weit und ist doch nah.
Was er sagt, klingt manchmal fremd in unseren Ohren.
Und doch trifft er den Sehnsuchtston.
 
Aber leicht hat es der Engel nicht.
Engel haben es nie leicht – nicht einmal in dieser Nacht. Es steht ihnen viel entgegen. Und der Weg ist weit in unsere Leben, unsere Herzen und Häuser.
 
Der Engel der Weihnacht im Pfarrhaus
 
Mancher Weihnachtsengel überwindet dabei allen Widerstand – auch den eigenen.
 
In einem Pfarrhaus zur Weihnachtszeit.
Ähnlichkeiten mit tatsächlichen, namentlich bekannten Pfarrfamilien sind beabsichtigt und kein bisschen zufällig. Es klopft am Arbeitszimmer:
 
Ja, bitte.
 
Hi, Paps! Ich mach‘ dieses Jahr beim Krippenspiel mit – ich bin einer von den Weihnachtsengeln und muss auch nach vorne und von da meinen Text sagen.
 
Fein, mein Engel.
 
Wir waren gerade in der Stadt und haben die Flügel gekauft. Hier, guck mal!
 
Toll, gaaanz chic.
 
Ja, schon. Aber schade …
 
Was ist schade?
 
Na, schade, dass die größeren Flügel zu teuer waren. Die waren so richtig mit Federn und sahen voll krass aus.
 
Wie teuer waren die denn?
 
Die können wir nicht kaufen: dreißig Euro! Das ist viel zu viel nur so für eine Aufführung ...
 
Tja, da hast du wohl recht: Das ist zu teuer.
 
Dann gehe ich mal - mit meinen sehr zu kleinen Flügeln.
 
Viel Vergnügen, Liebes!
 
Ja, gut. Ich gehe – aber: Das ist demütigend.
 
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Dann kommt der Heilige Abend und das Krippenspiel nimmt seinen Lauf. Und als es soweit ist, tritt dieser bestimmte Engel der Weihnacht mit den sehr zu kleinen Flügeln vor und sprach zu ihnen:
 
Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Engel der Weihnacht im Pfarrhaus
 
Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:
 
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. „Himmlische Heerscharen“
 
Der Engel der Weihnacht A. D.
 
Man darf nun nicht glauben, nur dieser Weihnachtsengel habe es nicht leicht gehabt!
 
Auch schon der allererste Engel, der vom Heiligen Abend Anno Domini, im allersten Jahr des HERRN, war nicht von Anfang an d`accord mit seinem Auftrag - damals auf dem Felde bei den Hürden, wo die Hirten Bethlehems des Nachts ihre Herde hüteten.
 
Am Heiligen Abend steht der Himmel offen, deshalb vernehmen wir Dinge, für die wir sonst kein Ohr haben:
 
Ich gehe, HERR. Wenn du das willst, gehe ich! Aber sie werden mich nicht verstehen.
 
Wieso glaubst du das, meine Freundin?
 
Das sind raue Männer der Nacht, einsilbig und wortkarg, allein bei ihren Tieren, bei Schafen und Ziegen, und nicht gewohnt, mit anderen Menschen zu reden.
 
Vor allem müssen sie hören können.
 
Na, hören können sie wohl. Aber sonst sind sie ganz ungebildet, haben schlechte Tischmanieren, und wirklich sauber sind sie auch nicht. Sie lesen nicht in den Schriften, gehen nicht in die Synagoge – sie wissen nichts von dir. Und von mir, ehrlich gesagt, auch nicht. Die glauben doch, ich sei ein Gespenst, wenn ich unter sie trete.
 
Du darfst sie nicht erschrecken!
 
Außerdem haben viele von ihnen etwas auf dem Kerbholz, sagt man, sonst müssten sie ja nicht im Dunklen leben. Wenn es wenigstens schon ein bisschen hell wäre!
 
Ich mag die Nacht. Vieles kommt in der Nacht zur Welt. Ich auch. - Sag: Hast du etwa Angst vor ihnen?
 
Nein. – Nein, ich bin ein Engel! Aber: Es ist sehr, sehr dunkel.
 
Die, zu denen ich dich schicke, sind Experten für die Nacht, denen macht das Wetter nichts und die Dunkelheit auch nicht. Die stören sich auch nicht am Stallgeruch. Und sie können staunen – das ist das Wichtigste an dieser Weihnacht. Deshalb sind sie gerade richtig.
Du meinst, HERR, die Worte können ruhig über sie hinweggehen? Und dass sie nicht klug sind und fromm, kaum lesen und schreiben können, macht auch nichts?
 
Sie werden ja hören! Deine Stimme ist deutlich und klar. Sie müssen nicht sofort verstehen, darin können sie sich üben, alle Jahre wieder. Aber sie werden auch sehen – das Zeichen, ein Kind in Windeln gewickelt! Hören und sehen, staunen und anfassen: ICH bin Kind, ein Kind bin ICH.
 
Du hast Recht, HERR: Näher kannst du ihnen nicht kommen. Und deutlicher kannst du ihnen nicht zeigen, dass du ihnen freundlich bist und nicht zu fürchten. Meinst du, dass sie nach dieser Nacht auch einander freundlicher sind?
 
Versuchen wir es. Geh nun! Es ist Zeit.
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Während Maria das Kind auf die Welt bringt und Josef für heißes Wasser sorgt und Licht, und die beiden sich freuen über ihr Kind und darüber, dass alles gut gegangen ist – Ihr dürft nicht vergessen: Maria ist noch sehr jung und es ist ihr erstes Kind! – da tritt der Engel der Weihnacht unter die Hirten und sie fürchteten sich sehr.
 
Natürlich fürchten sie sich, auch wenn der Engel sehr sanft auftritt. Für seine Verhältnisse. Und er sprach zu ihnen:
 
Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Engel der Weihnacht A.D.
 
Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:
 
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. „Himmlische Heerscharen“
 
Der Engel der Weihnacht 2011
 
Treu haben dann Generationen von Engeln den Menschen, den Hirten und Königen und denen dazwischen, - also uns! -, die Weihnacht angesagt. Bis heute Abend hin. Engel sterben ja nie, aber zu Zeiten bekommen sie andere Aufgaben übertragen, deshalb spricht alle Weihnacht ein anderer Engel:
 
Ich gehe ja, HERR. Aber sie werden mir nicht mehr glauben. Es sind andere Zeiten heute!
 
Aus meiner Sicht ist nicht viel anders.
 
Doch, HERR, die Menschen zweifeln, weil sie so viel wissen! Oder glauben, zu wissen. Dass wir uns all das ansehen müssen, was auf der Erde vorgeht, war schon immer so. Aber für sie da unten ist das neu. Heute wissen sie alles – und zwar sofort …
 
Sie nähern sich uns: Wissen ist gut!
 
Ja, aber das letzte Jahr war wirklich fürchterlich, erschreckend. Die Menschen mussten erfahren, wie wenig sie ausrichten können, ihr Wirtschaften zusammenbricht. Wenn sie ihre eigenen Werke nicht mehr unter Kontrolle haben und sich Naturkraft Bahn bricht. Wenn ein Verrückter töten will und ein ganzes Land aus seinem Frieden reißt und 77 Menschen. Wie wenig …
 
Dadurch, dass sie das wissen, erkennen sie, wie sehr sie mit allem verbunden sind. Auch das ist gut. Sie können sich halten.
 
Aber die Menschen haben auch Angst und sie trauen den alten Worten nicht mehr.
 
Es gibt keine anderen. - Einer deiner Vorderen hat das so gesagt: Näher kann ich ihnen nicht kommen! - Sag doch, was du denkst: Sie trauen mir nicht mehr und die Weihnacht ist ihnen Folklore …
 
Nein, HERR, sie wollen glauben, auch an dich in dem Kind, aber sie haben Zweifel.
 
Die habe ich auch - wie sie an mir, so ich an ihnen. Du weißt, was dieser Krippe folgt! Aber was würde aus allen und allem, wenn ich von ihnen ließe?
 
Es würde noch viel fürchterlicher, HERR.
 
Ich sende dich in Klarheit, Freund. Es gibt nichts zu verdecken. Und die alten Worte gelten.
 
Ich gehe, HERR. Und der Nacht stellen wir das Licht entgegen, der Furcht die Freude, dem Zweifel deinen Frieden.
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Und der Engel sprach zu ihnen:
 
Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Engel der Weihnacht 2011
 
Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:
 
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. „Himmlische Heerscharen“
 
 
Der Engel der Weihnacht öffnet die Augen.
Das ist seine vornehmste Aufgabe.
 
Keine Furcht haben in dieser Welt, geht nicht: Vieles ist fürchterlich, unverständlich, und wir müssen doch hinsehen. In derselben Klarheit wie auf dem Felde bei den Hürden – je klarer, desto besser.
 
Dass wir dann manchmal an Gottes Güte zweifeln, gehört zum Glauben. Oder an seiner Macht. Das letzte Jahr bot viel Anlass. Wo wir aber Klarheit gewonnen haben, erkennen wir meist auch, was wir selbst tun müssten. Unsere Gotteszweifel sind dann oft ein Ausweichen vor solchen Konsequenzen.
 
Der Engel der Weihnacht weist in aller Klarheit auf das Kind. Dieses Kind ist Gottes Hoffnungszeichen für alle Zeiten und Welten. Es war, es ist, es bleibt sein Zeichen: Unterschätzt das Kleine und die Kleinen nicht – im Schwachen ist Gott mächtig! 
 
Der Engel der Weihnacht selbst hat immer zu kleine Flügel. Und wenn er unter die Menschen geht, kann es demütigend für ihn sein. Oder er wird nicht verstanden. Oder man glaubt ihm nicht. Aber er tut sein Bestes und kommt immer wieder.
 
Das tut er, weil auch Gott das tut, seine Welt und uns nicht lässt. Jahr um Jahr.
Freundlicher als in diesem Kind kann Gott uns nicht entgegenkommen. Größer als im ganz Kleinen kann er uns nicht werden. Beständiger als durch den Mund seines vielgestaltigen Engels kann er uns nicht rufen: Fürchtet Euch nicht!
 
Und so ist der Engel der Weihnacht wieder unterwegs, heute Nacht.
In unsere Leben, Herzen und Häuser.
Er kommt aus der Dunkelheit und führt uns zur Klarheit.
In allen Nächten tritt er aus den Sternen – still, damit sich niemand fürchten muss.
Amen.
 

Michael Ebener, Pfarrer in Göttingen, Dezember 2011