Dialog mit dem Islam – Wunschdenken – religiöse Wirklichkeit – Notwendigkeit

Eine Kolumne von Michael Weinrich

Felsendom, Jerusalem

„Wenn aber der Glaube an die Barmherzigkeit Gottes das Wissen um die eigene Unvollkommenheit einschließt, gehört zu diesem Wissen auch die Kenntnis von der Unvollkommenheit und Ambivalenz der eigenen Religion ...“

Über seine Notwendigkeit besteht heute kein Zweifel mehr, vielmehr haben uns zahlreiche Ereignisse in den vergangnen Jahren die Dringlichkeit eines Dialogs mit dem Islam und der muslimischen Welt deutlich vor Augen gestellt. Doch es ist eine Sache, die Notwendigkeit des Gesprächs zu erkennen, und eine andere, dieses dann auch tatsächlich sinnvoll zu führen.
Zwar gibt es bereits einen Dialog mit dem Islam, aber er steckt noch in den ersten Anfängen. Es ist keineswegs klar, auf welcher Ebene sich das Gespräch sinnvoll führen lässt. Wer meint, es ließe sich von dem nun etwa 45 Jahre gewachsenen Dialog mit dem Judentum ohne weiteres zu einem den Islam einbeziehenden Trialog übergehen, macht es sich zu einfach. Weder der Appell an den gemeinsamen Monotheismus noch die besonders von den Christen so gern favorisierte Abrahamkindschaft können als ein solides Fundament für ein tragfähiges Gespräch angesehen werden. Wenn man nicht – wie ein bekannter jüdischer Intellektueller – von theologischem Kitsch reden will, wird man jedoch kaum umhin können, von einem recht kühnen Wunschdenken sprechen zu müssen, und dies auch bei nur geringer Kenntnis der Quellen und ihrer Rezeption in der religiösen Wirklichkeit.
Tatsächliche Perspektiven sind aus einem Dialog mit dem Islam solange nicht zu erwarten, wie nicht auch die gegenseitigen Fehleinschätzungen thematisiert werden können, die im religiösen Alltag täglich neu aktualisiert werden. Sonst wiederholt sich die rechthaberische und in ihren Konsequenzen gefährliche Asymmetrie, in der die Christen besser über das jüdische Selbstverständnis Bescheid wussten als die Juden selbst. Jede Selbstgerechtigkeit schließt einen wirklichen Dialog aus, auch wenn es freundliche Gespräche über abstrakten Monotheismus oder randständige Gemeinsamkeiten geben mag.
Entscheidend wird es im Blick auf die Relevanz des Dialogs darauf ankommen, dass seine Notwendigkeit nicht aus den Stärken der Gesprächpartner resultiert, sondern aus ihren Schwächen. Es sind gerade die Begrenztheiten und Schwächen des Menschen, die in den Religionen vor Gott thematisiert und seiner Barmherzigkeit anvertraut werden, in der Gewissheit, dass dieser den Mut zum Schuldbekenntnis eben nicht mit Rache und vernichtender Strafe beantworten werde. Wenn aber der Glaube an die Barmherzigkeit Gottes das Wissen um die eigene Unvollkommenheit einschließt, gehört zu diesem Wissen auch die Kenntnis von der Unvollkommenheit und Ambivalenz der eigenen Religion, die ja nicht von Gott, sondern eben von uns fehlbaren Menschen praktiziert wird.
Einem Dialog, in dem die verschiedenen Glaubensbekenntnisse aufeinander prallen, kann schwerlich eine optimistische Prognose gemacht werden. Erst, wenn die menschliche Seite der Religionen ins Gespräch gezogen wird, gibt es tatsächlich etwas zu verhandeln. Es ist nicht Gott, sondern es sind eben Menschen, die Achsen des Bösen installieren oder heilige Krieger rekrutieren und dies als ihren Gottesdienst ausgeben. Es sind eben die Menschen und ihre religiösen Selbstermächtigungen, die den Dialog der Religionen notwendig machen. Nur, wenn er dies dann auch tatsächlich zu thematisieren vermag, kann er auch verheißungsvoll sein.

Der Text erschien als Kolumne in: zeitzeichen, April 2006.

Michael Weinrich, Professor Dr. Dr. h.c. am Lehrstuhl für Ökumenik und Dogmatik der Ruhr-Universität Bochum

 

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