Drei Kreuze stehn auf Golgatha

Karfreitagsmeditation


"La foule quitte le calvaire en se frappant la poitrine" (Detail) - James Joseph Jacques Tissot (1836–1902)

von Paul Kluge, z.Zt. Kaliningrad

Drei Kreuze stehn auf Golgatha. An ihnen hängt, dem Tod geweiht, was leben wollte. Macht und Gewalt beenden dieses Leben. Sie wollten es nicht dulden. Und was sie stört, wird kurzerhand beseitigt, mundtot gemacht. Wird weggesperrt, erledigt. Wer mächtig ist, bestimmt auch über gut und richtig.
Drei Kreuze stehn auf Golgatha, und Golgatha hat viele Namen. Hieß Kreuzzug etwa oder Inquisition, heißt auch KZ und Gulag, Guantanamo. Wo Herrschaft Meinung unterdrückt und Waffen Freiheit, und wo Gehorsam höher gilt als eignes Denken, da liegen Schädel aufgehäuft zum Hügel für drei Kreuze.
An ihnen stirbt, was Leben lohnend macht und Menschsein menschlich. Es sterben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, und ohne sie herrscht todeskalter Eishauch. Dann ist die Erde starr von Schrecken und Gewalt, Schmerz und Geschrei, und kei-ner mehr, die Starre aufzulösen.
Wenn Glaube stirbt, verliert die Schönheit ihr Gesicht, aus Frohsinn wird ein gallig bittrer Ernst. Wenn Glaube stirbt, dann stirbt Vertrauen, stirbt Hand in Hand und fin-det nicht mehr Halt. Dann ist die Welt nicht mehr zu fassen, es irrt der Sinn und macht die Seele kalt.
Stirbt Hoffnung, stirbt die Zukunft, und alles Streben, Planen ist vertan. Weil schon vergangen, was gewesen, ist nur ein Nichts im Heute, leerer Wahn. Stirbt Hoffnung, legt die Axt sich an die Wurzel, und grünes Blühen wird bald welk und morsch.
Schlägt Liebe man ans Kreuz, schlägt man sich selber. Verliert das Leben und ge-rinnt zu Stein. Ein Herz hat aufgehört zu schlagen, das Blut vertrocknet, es zerfällt das Fleisch. Die Erde nimmt, was ihr genommen, wieder. Nichts ist mehr, das als Mensch geboren war. Schlägt Liebe man ans Kreuz, ist alles aus.
Drei Kreuze stehn auf Golgatha.
(Stille)
Drei Kreuze stehn auf Golgatha.
Und bald will Ostern werden. 
 


Pfr. Paul Kluge, April 2012