Seelsorge à la Calvin

Über eine weithin unbekannte Seite des Genfer Reformators. Von Paul Kluge, Magdeburg

©Foto: Andreas Olbrich

Calvin als Seelsorger – das passt nicht in das verbreitete Bild des „Genfer Tyrannen“. Dabei ist Seelsorge ein wesentlicher Leitgedanke für Calvin, sein Seelsorgeverständnis seiner Zeit voraus und geradezu modern.

Das Bild, das viele Menschen – auch in reformierten Kreisen – von Johannes Calvin haben, ist bis heute von vor allem lutherischer Konfessionspolemik des ausgehenden 16. Jahrhunderts geprägt. Es ist das Bild eines asketischen, fast tyrannisch strengen, intellektuell abgehobenen Mannes. Dass Calvins Heirat kaum bekannt ist, passt in dieses Bild; dass Calvin – in seinen Gemeinden und europaweit – seelsorgerlich aktiv war, hat hingegen in diesem Bild keinen Platz. Das ist Grund genug, den Blick auf den Seelsorger Johannes Calvin zu richten.

Zeitgenössische Seelsorge
Nun sieht Seelsorge in unserer Zeit anders aus als zu anderen Zeiten. Diese Banalität ist deshalb nicht unbedeutend, weil Calvins Seelsorge im Zusammenhang mit seiner Zeit und auch mit seinem Leben zu sehen ist. Diese Sicht geschieht mit Augen von heute, kann also einerseits aus der Distanz klarer sehen, sieht aber andererseits durch eine Brille mit moderner Färbung.
Sehr pauschal lässt sich über heutige Seelsorge sagen, dass sie 1. den Rat und Hilfe suchenden Menschen annimmt, wie er ist; 2. ihm hilft, seinen eigenen Weg aus seiner Not zu finden und 3. ihn dann diesen Weg gehen lässt.
Für den Seelsorger, die Seelsorgerin bedeutet das: 1. auf Urteile und Vorurteile über den Ratsuchenden zu verzichten (Unbefangenheit), 2. die eigene Meinung zurückzuhalten und - in Sokratischer Mäeutik - dem Ratsuchenden lediglich Suchhilfen zu geben (Empathie) und 3. den Ratsuchenden wieder loslassen zu können (Distanz).
Für den Ratsuchenden dagegen bedeutet das: 1. er kann offen und ehrlich sein, 2. er muss selbst entscheiden, wohin er will und 3. er trägt die Konsequenzen seiner Entscheidung.

Durch die so getönte Brille nun ein Blick auf Johannes Calvin als Seelsorger. Bilder von Calvin zeigen einen hageren, spitzen Menschen, die Kopfhaltung lässt auf beachtliche Körperlänge schließen: Das ist nicht der Vater-Typ, an dessen Schulter man sich lehnen kann, und das ist nicht der Typus Mensch, der solche Nähe gut erträgt oder gar sucht. Man darf mit Grund vermuten, dass Calvin im direkten Gespräch sich eher distanziert verhalten hat.

Das älteste erhaltene Dokument seelsorgerlichen Inhalts ist ein Brief aus der Zeit vor seiner Bekehrung zur Reformation: Die Schwester seines Freundes Francois Daniel will – unüberlegt und leichtfertig, wie der Freund meint – in ein Kloster eintreten und das Nonnengelübde ablegen. Calvin rät ihr weder zu noch ab, sondern gibt ihr die Bedeutung des Gelübdes und dessen Konsequenzen zu bedenken. Die Entscheidung überlässt er ihr selbst.

Gegen die Höllenangst
Im Jahr 1534 reist Calvin – teils incognito – durch französische Provinzen, die reformatorischen Ideen beschäftigen ihn und er sich mit ihnen intensiv. Wo immer er sich einige Zeit aufhält, ist er als Lehrer der neuen Idee gefragt, und das bedeutet erhebliche seelsorgerliche Arbeit. Denn die Menschen leben in Angst vor Höllenqualen und ewiger Verdammnis. Diese Angst, von Rom geschürt, gründet in dessen Doktrin, dass der Mensch Sünder sei und nur durch die „Gnadenmittel“ der (römischen) Kirche Erlösung finden könne. Wer reformatorischen Ideen anhängt, verliert den Anspruch auf die „Gnadenmittel“ und also auf Erlösung. Calvin verweist die verbreitete Vorstellung von der Hölle als einem konkreten Ort in den Bereich der Fabeln.
Ein informativer Hinweis auf die in Christus geschehene Erlösung aber reicht nicht aus, diese Höllenangst – wenigstens teilweise – abzubauen; das kann nur intensiver Seelsorge gelingen: Wo Angst im Spiel ist, haben Vernunft und Einsicht es schwer. Die – im doppelten Sinne – verbreitete Angst vor Höllenqualen und ewiger Verdammnis ist ein Grund dafür, dass die Reformatoren insgesamt dem Thema „Sünde“ breiten Raum widmen, müssen sie sich doch mit ihrer eigenen Angst auseinandersetzen und sich von ihr befreien, um das wiederentdeckte „allein aus Gnaden“ für sich annehmen und glauben zu können.
Aus dieser (Selbst-)Erfahrung heraus aber kann Calvin sich in andere Menschen hineinversetzen, kann ihre Ängste, Zweifel, Skrupel nachempfinden, aufnehmen und verringern helfen.

Die Rolle von Zucht und Kirchenordnung in der Seelsorge
Von Mt 18, 15 – 20 her versucht Calvin 1536-38, das Genfer Kirchenleben zu ordnen; mit ‚Kirche’ meint er immer ‚Gemeinde’. Das heißt, dass er Kirchenordnung und Kirchenzucht von der Seelsorge her und zur Seelsorge hin ausrichtet. Kirchenordnung will die Menschen auf dem Weg des Heils leiten, Kirchenzucht will Verirrte zurückführen. Beide, Zucht und Ordnung der Kirche, sollen damit der Ehre Gottes dienen und der Ruhe des Gewissens. Dieser Aufgabe nimmt Calvin sich in seinen Predigten an, deren Ziel (neben der Unterweisung) in der Vergewisserung des Heils und der Stärkung des Glaubens besteht.

Gottes Ehre steht bei Calvin stets über allem. Sie fordert von den Glaubenden ein entsprechendes Verhalten, wie es der Heidelberger Katechismus 1563 (ein Jahr vor Calvins Tod) in seinem dritten Teil „Von der Dankbarkeit“ definiert. Gewissensruhe ist die logische Konsequenz aus der in Christus geschehenen Erlösung; die im Katholizismus verbreitete Sorge um und für das eigene Seelenheil verhöhnt Calvin als „gemütliche Theologie,“ die in ihrer Ichbezogenheit die Verantwortung für Gemeinwohl und –heil vernachlässigt.
Für die Menschen seiner Zeit ist die Erkenntnis der bereits geschehenen Erlösung geradezu revolutionär: Ein unruhiges, gar schlechtes Gewissen gemacht zu bekommen und zu haben, sind sie durch den Katholizismus ihrer Zeit gewohnt; nun kann die damit erzeugte Angst genommen, kann neue, ungewohnte Freiheit gewonnen werden!

Der Genfer Magistrat ist mit einer solche Freiheit ermöglichenden Kirchenordnung zunächst überfordert, Calvin wird der Stadt verwiesen und geht nach Straßburg. Auf der Reise dorthin begleitet er in Basel einen an Pest erkrankten Neffen Farels bis in die Todesstunde. In Straßburg beginnt er, auf Hilferufe aus Genf schriftlich zu antworten – und hat damit ein ihm passendes Instrument zur Seelsorge gefunden. Mit ihm kann er Empathie zeigen und ein Maß an Nähe, das ihm in der direkten Begegnung schwer gefallen sein dürfte. Hinzu kommt, dass er in Straßburg Pfarrer der dortigen französischen Flüchtlingsgemeinde wird. Dadurch findet er Gelegenheit, seine etwas steilen Genfer Vorstellungen mit gelebtem Leben abzugleichen, und eben dadurch kann er seine (abgemilderten) Vorstellungen praktisch umsetzen und erproben. Sie erweisen sich nun als praxistauglich.

Die Einheit von Verkündigung, Sakrament, Gebet und Seelsorge
In seinen Briefen an die durch den Eklat des Verweises aus Genf verwirrte und beunruhigte Gemeinde beruhigt er die Gemüter, verweist auf die am Ort verbliebene Kollegenschaft und empfiehlt, das Evangelium zu hören und am Abendmahl teilzunehmen. Vor allem aber empfiehlt er das Gebet als Quelle des Trostes (wobei „Trost“ damals den Sinn von „Zuversicht“ hatte). Verkündigung, Sakrament, Gebet und Seelsorge bilden für Calvin ein zusammengehöriges Ganzes, eine Einheit, und es legt sich der Gedanke nahe, dass sich hierin die vier Ämter der Gemeinde spiegeln.

Die allgemeine Seelsorge an der Gemeinde praktiziert Calvin in seinen Predigten, und auch die Einzelseelsorge verknüpft er mit der Gemeinde, die er zur Fürbitte aufruft. Die Einbindung von Seelennöten einzelner in Predigt und Gebet der Stadt- und Weltgemeinde (!) löst den Leidenden aus seiner Fixierung auf sein Problem (wie es heute in Selbsthilfegruppen üblich ist) und nimmt zugleich nach 1. Kor 12, 26 die Gemeinde in Verantwortung: Die Gemeinde als soziale Größe ist zuständig für Heil und Heilung ihrer leidenden Glieder. Calvin weitet die Verantwortung noch aus: Bald nach seiner Rückkehr nach Genf wird dort ein wöchentlicher Gebetsgottesdienst kommunal- und weltpolitischen Inhalts eingeführt. Und als 1542 die Pest in Genf wütet, begleitet Calvin als einziger die Erkrankten.

Die „Anatomie der Seele“ – der Psalter
Aus dieser praktischen Gemeindearbeit entsteht sein Wunsch, den Psalter, diese von ihm so genannte „Anatomie der Seele,“ bereimt und vertont und also für jedermann leicht lernbar unters Volk zu bringen; er selber versucht sich als Dichter. Die Psalmen sind für ihn die eigentliche Einübung in den Dienst der Seelsorge, artikulieren sie doch alle Höhen und Tiefen menschlichen Seelenlebens; sie sind ihm „anatomisches“ Lehrbuch und Medizin zugleich.

Europaweite Seelsorge in Briefen
Als nach den Turbulenzen um Servet – Calvin ist erneut von Ausweisung bedroht – endlich und dauerhaft Ruhe in Genf einkehrt, hat Calvins Ruf als Theologe und Seelsorger sich in Europa herumgesprochen. Das hat zur Folge, dass Könige und Königinnen, Männer und Frauen aus Adelshäusern ebenso wie um ihres reformierten Glaubens willen Inhaftierte sich um seelsorgerlichen Beistand an ihn wenden. Desgleichen suchen Pfarrer und Älteste bei ihm seelsorgerlichen Rat. Allen antwortet er schriftlich, verfasst darüber hinaus zahlreiche Sendschreiben seelsorgerlichen Inhalts an die reformierten Gemeinden in Europa. Er treibt Briefseelsorge in großem Umfang, und mit seiner Seelsorge stärkt und fördert er die Verbreitung der „wahren Lehre,“ wie er die nach Gottes Wort reformierte Theologie nennt.

Als einer seiner Studenten an der Pest stirbt, schreibt Calvin dessen Vater einen Trostbrief. Darin heißt es u. a.: „Solche Art Lebensklugheit lernen wir in Christi Schule nicht, dass wir die uns von Gott gegebenen Gefühle ablegen und aus Menschen Steine werden.“ Ein so getrösteter Mensch wird sich in seiner Trauer, seinem Schmerz verstanden und angenommen, auch geborgen fühlen.

Die Gemeinde als heilende Gemeinde
In heutiger Seelsorge als psychotherapeutischer Beratung ist die Einbindung des Hilfe suchenden Menschen in eine stützende Gruppe selbstverständlich, denn ohne soziale Einbindung zerfällt das Individuum. Calvin verbindet Individuum und soziale Gemeinschaft, indem er die Einzelseelsorge in die öffentliche Fürbitte aufnimmt und die Gemeinde zur Verantwortung für jedes ihrer leidenden Glieder verpflichtet. Dafür entwickelt er Kirchenordnung und Kirchenzucht. So wird die Gemeinde zur heilenden Gemeinde, in der Heilung und Heil zu finden sind.

Hauptquelle: Scholl, Hans, Johannes Calvin, in: Möller, Christian, Geschichte der Seelsorge, Bd. 2, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1995


©Paul Kluge, Pfarrer i. R., Magdeburg
 

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