Was sagt Calvin zu den Engeln?

Die ''Engellehre'' in Institutio I,14,3 - I,14,12

Verkündigungsengel von Fra Angelico (c. 1390-1455)

Bevor Johannes Calvin am Anfang seiner Institutio, dem ''Unterricht in der christlichen Religion'', vom ''Wesen des Menschen'' zu reden beginnt, sagt er ''einiges'' über die Engel.

Ein Auszug aus der Institutio von 1559 in der online Ausgabe >>>

I,14,3
Bevor ich aber ausführlicher vom Wesen des Menschen zu reden beginne, muß einiges über die Engel eingefügt werden. Freilich erwähnt Mose, da er sich dem einfältigen Verstehen des großen Haufens anpaßt, in der Schöpfungsgeschichte nur die Werke Gottes, die wir mit Augen wahrnehmen können. Aber wenn er nachher die Engel als Diener Gottes erwähnt, so folgt daraus leicht, daß der Gott, dem sie doch ihre Kräfte und Dienste widmen, auch ihr Schöpfer ist. Obwohl also Mose in seiner volkstümlichen Redeweise die Engel nicht gleich zu Anfang unter Gottes Ge­schöpfen erwähnt, so spricht doch nichts dagegen, daß wir hier ausführlich und deut­lich behandeln, was die Schrift sonst durchweg lehrt. Denn wenn uns daran liegt, Gott aus seinen Werken zu erkennen, so kann ja ein so herrlicher und edler Erweis seines Tuns nicht übergangen werden. Auch ist dieser Abschnitt der Lehre zur Ab­wehr vieler Irrtümer sehr wichtig. Die hervorragende Stellung des Wesens der Engel (Angelicae naturae) hat vielen Leuten einen solchen Eindruck gemacht, dass sie meinten, es geschähe diesen Eintrag, wenn sie der Herrschaft des einen Gottes unterworfen, gleichsam in Ordnung gehalten würden; und so hat man ihnen die Gottheit angedichtet. Auch ist ja Manichaeus (Mani) aufgetreten mit seiner Sekte und hat sich zwei Urwesen (principia) erdacht, Gott und den Teufel, wobei er Gott den Ursprung aller guten Dinge beilegte, alle schlechten Wesen aber auf den Teufel als Urheber zurückführte. Wenn dieser Wahnsinn unser Herz gefangenhielte, so würde Gottes Ehre in der Erschaffung der Welt keinen Bestand haben. Denn nichts ist Gott mehr eigen als die Ewigkeit und die „Autusia“, das Sein aus sich sel­ber, wenn ich mich so ausdrücken darf. Wer das also dem Teufel beimißt (indem er auch ihn zum Urwesen macht), der ziert ihn ja mit der Würde der Gottheit! Und wo bleibt Gottes Allmacht, wenn man dem Teufel eine derartige Herrschaftsgewalt zu­gesteht, daß er auch gegen den Willen und Widerstand Gottes tun kann, was er will? Der einzige Grund, den die Manichäer haben, nämlich, es sei unrecht, wenn man Gott, dem Guten, die Erschaffung irgendeines schlechten Wesens beimessen wollte, trifft die rechte Lehre in keiner Weise. Denn diese bestreitet, daß irgendwo in der ganzen Welt ein von Natur böses Wesen (eine böse Natur; aliqua mala natura) be­stehe. Denn die Verderbnis und Bosheit des Menschen wie des Teufels und alle Sünde, die daherrührt, ist nicht aus der Natur, sondern aus der Verderbnis der Natur entstanden. Von Anfang her gab es nichts, in dem nicht Gott ein Zeugnis seiner Weisheit und Gerechtigkeit niedergelegt hätte! Um solchen verdrehten Wahn­ideen entgegenzutreten, muß man seine Gedanken höher erheben, als die Augen zu sehen vermögen. Daran erinnert auch das nicänische Symbol, wenn es bei dem Ar­tikel von Gott, dem Schöpfer aller Dinge, auch die unsichtbaren Dinge ausdrücklich erwähnt. Man muß freilich sehr darauf achten, das Maß zu halten, das die Regel der Frömmigkeit uns vorschreibt — damit man nicht sein Gedankenspiel (seine Spe­kulationen) tiefer treibe, als recht ist, und darüber von der Einfalt des Glaubens ab­komme. Wahrlich, der Heilige Geist lehrt uns stets das, was uns heilsam ist, und er verschweigt oder berührt nur kurz, was wenig zur Auferbauung dient. Deshalb ist es auch unsere Pflicht, gern auf die Kenntnis solcher Dinge zu verzichten, die unnütz sind.

I,14,4
Daß die Engel als Diener Gottes, die bestimmt sind, seine Befehle auszuführen, auch seine Geschöpfe sind, muß außer Zweifel stehen. Über die Zeit und die Ord­nung, in der sie geschaffen wurden, einen Streit anzufangen, würde Vorwitz, aber nicht eben rechtes Nachdenken bezeugen. Mose erzählt (1. Mose 2,1), die Erde sei vollendet gewesen, auch der Himmel und all sein Heer; was soll man da genau nachsehen, am wievielten Tage denn außer den Gestirnen und Planeten auch jene an­deren, verborgeneren Heere des Himmels ihren Anfang genommen haben? Kurz, wir wollen hier wie in der ganzen christlichen Lehre beachten, daß da die eine Regel der Bescheidenheit und Nüchternheit zu wahren ist: wir sollen über verborgene Dinge nichts reden, nichts denken, nichts wissen wollen, als was uns in Gottes Wort kund­gemacht ist. Und dazu kommt das Zweite: wir sollen bei dem Lesen der Schrift stets das aufsuchen und bedenken, was der Auferbauung dient, nicht aber dem Vorwitz und der Erforschung unnützer Fragen uns hingeben. Und weil der Herr uns nicht in leichtsinnigen Fragen, sondern in echter Frömmigkeit, in der Furcht seines Namens, in rechtem Vertrauen, in der Heiligung des Lebens hat unterrichten wollen, so wollen wir uns an diesem Wissen genügen lassen. Wollen wir also recht vorgehen, so müssen wir jene leeren Reden (mataiomata) fahren lassen, wie sie müßige Leute abseits von Gottes Wort über die Natur, die Rangordnungen und die Zahl der Engel geführt haben. Ich weiß wohl, daß manche derartiges mit großer Begierde aufgreifen und daran viel mehr Vergnügen finden als an dem, was uns zu alltäg­lichem Gebrauch gesetzt ist. Wenn wir uns aber nicht scheuen, Christi Jünger zu sein, so dürfen wir auch keine Scheu tragen, der Erkenntnisweise (methodus) zu folgen, die er uns aufgetragen hat. Tun wir das, dann sind wir mit ihm als unserem Meister zufrieden und stehen so überflüssigem Gedankenspiel, das er uns verbietet, mit ab­lehnender Zurückhaltung, ja mit Abscheu gegenüber. Kein Mensch wird leugnen, daß jener Dionysius, wer er auch gewesen sein mag, über die himmlische Rangordnung vieles fein und scharfsinnig vorgetragen hat. Sieht man aber näher zu, so findet man, daß das meiste reines Geschwätz ist. Ein Theologe aber soll nicht mit Geschwätz die Ohren kitzeln, sondern Wahres, Gewisses und Förderliches lehren und dadurch die Gewissen aufrichten! Liest man jenes Buch (des Dionysius Areopagita), dann meint man, da berichte ein Mensch, der vom Himmel gefallen sei, nicht was er gehört, sondern was er mit Augen gesehen hat! Paulus dagegen, der doch in den dritten Himmel entrückt ward (2. Kor. 12,2), hat nicht nur nichts dergleichen mit­geteilt, sondern sogar bezeugt, kein Mensch könne jene Geheimnisse, die er schaute, aussprechen (2. Kor. 12,4). So wollen wir denn jener schwatzhaften Weisheit den Abschied geben und aus der schlichten Lehre der Schrift zusehen, was der Herr uns über seine Engel hat wissen lassen wollen.

I,14,5
Da ist nun in der Schrift durchweg zu lesen, daß die Engel himmlische Geister sind, deren Dienst und Gehorsam Gott benutzt, um alle seine Befehle auszuführen. Daher ist ihnen auch diese Bezeichnung („Engel“ = Boten) gegeben worden, weil Gott sie gewissermaßen als Mittelspersonen, als „Boten“ benutzt, um sich den Men­schen zu offenbaren. Auch andere Benennungen, mit welchen sie ausgezeichnet werden, beruhen auf demselben Grunde. So werden sie „Heer“ genannt, weil sie wie Schildträger ihren Herrn umgeben, seine Herrlichkeit zieren und sichtbar machen, wie Soldaten allezeit auf den Wink ihres Führers harren und so bereit und gerüstet sind, seine Befehle zu empfangen, um auf seinen Wink zum Werke sich zu rüsten oder vielmehr schon am Werke zu sein. Solch ein Bild des Thrones Gottes geben uns die Propheten, um Gottes Herrlichkeit kundzumachen; in besonderer Weise tut das Daniel, wenn er sagt, daß tausendmal tausend, ja zehntausendmal zehntausend vor Gott gestanden hätten, als er sich zum Gericht niedersetzte (Dan. 7,10). Da nun aber der Herr die Kraft und Stärke seiner Hand durch sie wunderbar erweist und offenbart, so werden sie auch „Kräfte“ genannt. Und weil er seinen Befehl durch sie in der Welt ausübt und verwaltet, so heißen sie bald „Fürstentümer“, bald „Mächte“, bald „Herrschaften“ (Kol. 1,16; Eph. 1,21). Und endlich: weil in ihnen gewissermaßen Gottes Herrlichkeit, Gottes Ehre ihren Sitz hat, so werden sie auch „Throne“ (Kol. 1,16) genannt. Über den letzten Punkt will ich indessen nichts behaupten, weil eine andere Auslegung ebensogut, ja vielleicht besser paßt. Aber wenn wir diesen letzten Namen auch weglassen: die übrigen benutzt der Heilige Geist häufig, um die Würde des Amtes der Engel zu erheben. Denn es wäre nicht recht, jene Werkzeuge ungerühmt zu lassen, durch welche Gott seine Gegenwart be­sonders offenbart. Ja, sie werden aus diesem Grunde mehr als einmal „Götter“ genannt, weil sie uns in ihrem Dienste wie in einem Spiegel Gottes Macht und Ehre selbst gewissermaßen vor Augen stellen. Freilich mißfällt mir auch die Ansicht einiger alter Schriftsteller nicht: wo die Schrift davon redet, daß der Engel Gottes dem Abraham, Jakob, Mose und anderen erschienen sei, da sei Christus dieser Engel gewesen (Gen. 18,1; 32,1.28; Jos. 5,14; Richter 6,14; 13,22). Aber mehr­fach, wo die Engel in ihrer Gesamtheit erwähnt werden, erhalten sie jenen Namen („Götter“). Das kann auch nicht wundernehmen: denn wenn Fürsten und anderer Obrigkeit diese Ehre zuteil wird (Ps. 82,6), weil sie in ihrem Amt an Stelle Gottes handeln, der der oberste König und Richter ist, so kann sie doch mit noch größerem Rechte auf die Engel übertragen werden, in denen die Klarheit der Ehre Gottes noch viel gewaltiger aufleuchtet.

I,14,6
Aber die Schrift rückt in den Vordergrund, was uns am meisten zum Trost und zur Aufrichtung des Glaubens dienen kann: nämlich, daß die Engel Gottes Güte ge­gen uns verwalten und austeilen. Deshalb erwähnt sie, daß sie über unserm Heil auf der Wacht stehen, unsere Verteidigung führen, unsere Wege lenken und uns schützen, damit uns nichts Widerwärtiges zustoße. Umfassend sind die Schriftstellen, die sich zunächst auf Christus als das Haupt der Kirche und dann auch auf alle Gläubigen beziehen. „Er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen dei­nen Wegen, daß sie dich auf ihren Händen tragen, und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest“ (Ps. 91,11f.). Oder: „Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen aus“ (Ps. 34, 8). Damit zeigt Gott, daß er den Schutz derer, die er bewahren will, seinen Engeln übertragen hat. Dementsprechend tröstet der Engel des Herrn die Hagar auf ihrer Flucht und befiehlt ihr, sich wieder mit ihrer Herrin auszusöhnen (Gen. 16,9). So verspricht Abraham seinem Knechte, ein Engel werde sein Führer auf dem Wege sein (Gen. 24,7). So bittet Jakob in dem Segenswort über Ephraim und Manasse, der Engel des Herrn, durch den er von allem Übel erlöst worden war, möge auch sie segnen (Gen. 48,16). So war ein Engel zum Schulz des Lagers der Israeliten eingesetzt (Ex. 14,19; 23,20), und wenn Gott Israel aus der Hand seiner Feinde erretten wollte, so erweckte er ihm Retter durch den Dienst der Engel (Richter 2,1; 6,11; 13,3ff.). So dienten endlich — um nicht noch mehr aufzuzählen — Christus die Engel (Matth. 4,1) und standen ihm bei in allen Ängsten (Luk. 22,43). Den Frauen verkündigten sie seine Auferstehung und den Jüngern seine herrliche Wiederkunft (Matth. 28,5.7; Luk. 24,5; Apg. 1,10). Um ihrem Amte nachzukommen, uns zu schützen, streiten sie wider den Teufel und alle unsere Feinde und vollziehen Gottes Strafe an denen, die uns hassen. So lesen wir auch, daß der Engel Gottes, um Jerusalem von der Belagerung zu befreien, in einer Nacht hundertfünfundachtzigtausend Mann im Lager des Königs von Assur ge­schlagen habe (2. Kön. 19,35; Jes. 37,36).

I,14,7
Ob übrigens den einzelnen Gläubigen einzelne Engel zu ihrem Schutz zugeteilt sind, das möchte ich nicht sicher zu behaupten wagen. Gewiß: wenn Daniel einen Engel der Perser und einen Engel der Griechen nennt (Dan. 10,13.20; 12,1), so zeigt er damit an, daß für Königreiche und Gebiete bestimmte Engel gewissermaßen als Vorsteher eingesetzt sind. Auch wenn Christus sagt, die Engel der Kindlein schauten allezeit das Angesicht des Vaters (Matth. 18,10), so deutet er damit an, daß gewissen Engeln ihr Wohl anvertraut sei. Aber ich weiß doch nicht, ob man dar­aus folgern darf, ein jeder habe seinen eigenen Engel. Jedenfalls ist das sicher, daß sich nicht etwa bloß ein Engel um jeden von uns kümmert, sondern daß sie alle einmütig über unser Heil wachen! Denn über alle Engel zusammen wird ge­sagt, daß sie sich mehr freuen über einen Sünder, der Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen (Luk. 15,7). Von mehreren Engeln wird auch gesagt, daß sie die Seele des Lazarus in Abrahams Schoß trugen (Luk. 16,22). Und nicht ohne Grund zeigt Elisa seinem Diener so viele feurige Wagen, die für ihn besonders bestimmt waren (2. Kön. 6,17). Es gibt nun eine Stelle, die dies (nämlich, daß es „Schutzengel“ gebe) klarer zu beweisen scheint als andere. Nämlich, als Petrus nach seiner Befreiung aus dem Gefängnis an die Tür des Haufes klopfte, in dem die Brüder versammelt waren, da sagten sie, weil sie ja nicht ahnen konnten, daß er es sei, es sei „sein Engel“ (Apg. 12,15). Dies scheint ihnen in den Sinn gekommen zu sein nach der allgemeinen Anschauung, den einzelnen Gläu­bigen seien ihre Engel zum Schutz zugeordnet. Freilich kann man darauf erwidern, daß darunter auch jedweder Engel verstanden werden kann, dem der Herr damals den Schutz des Petrus aufgetragen hatte, ohne daß er deshalb sein steter Hüter gewesen sein müßte, wie man sich gewöhnlich vorstellt, als ob jedem Menschen zwei Engel, ein guter und ein böser, gleich wie Genien zugeteilt wären! Aber es lohnt nicht, genau zu forschen, was zu wissen uns wenig nützen kann. Denn wem es nicht genügt, daß alle Ordnungen der himmlischen Heerscharen zu seinem Heil auf der Wacht stehen, — was soll dem die Einsicht helfen, daß ihm ein Engel in besonde­rer Weise zum Hüter gegeben sei? Wer aber all die Obhut, die Gott einem jeden von uns zuteil werden läßt, auf einen Engel beschränkt, der tut sich und allen Gliedern der Kirche unrecht: er tut so, als ob uns jene Hilfstruppen ohne Ursache zugesagt wären, die uns von allen Seiten umgeben und schützen, damit wir um so tapferer streiten!

I,14,8
Wer nun über die Zahl und die Ordnungen der Engel genauere Aussagen machen will, der soll zusehen, worauf er sie gründe. Ich gebe zu: Michael wird bei Daniel ein großer Fürst genannt (Dan. 12,1), und bei Judas heißt er „Erzengel“ (Jud. 9). Nach Paulus wird es ein Erzengel sein, der mit dem Schall der Posaune die Menschen zum Gerichte lädt (1. Thess. 4,16). Aber wer könnte von da aus die Ehrenstufen unter den Engeln feststellen, die Kennzeichen und Würden unterscheiden und jedem seinen Platz und seine Stellung zuweisen? Denn selbst die zwei Namen, die in der Schrift auftreten — nämlich Michael und Gabriel, wozu ebenfalls noch der dritte (Raphael) aus dem Buche Tobia käme — können den Engeln auch um der Schwachheit unseres Verstehens willen figürlich beigelegt sein — obwohl ich diese Frage lieber in der Schwebe lassen will.

Was die Zahl betrifft, so hören wir aus Christi Munde viele Legionen (Matth. 26,53), von Daniel viele Zehntausende nennen (Dan. 7,10); viele Wagen schaute der Diener des Elisa (2. Kön. 6,17), und es läßt auf eine ungeheure Zahl schließen, wenn wir hören, daß sie sich rings um die lagern, die Gott fürchten (Ps. 34,8).
Sicher ist, daß die Geister keine Gestalt haben; aber trotzdem stellt die Schrift nach dem Maß unseres Begreifens die Cherubim und Seraphim nicht ohne Grund mit Flügeln dar, damit wir nicht zweifeln, daß sie, sobald es dessen bedarf, mit unglaublicher Schnelligkeit uns zur Hilfe da sein werden, wie wenn ein Blitz in seiner Geschwindigkeit zu uns herniederführe! Wir sollen übrigens glauben, daß die näheren Fragen hierzu jener Art von Geheimnissen angehören, deren volle Ent­hüllung dem Jüngsten Tage vorbehalten ist. Deshalb wollen wir wohl darauf achten, uns vor zu großer Neugier über unserem Fragen und vor zu großer Kühnheit über unserem Reden zu hüten!

I,14,9
Jedoch muß — gegen den Zweifel einiger unruhiger Menschen! — dies fest­stehen: die Engel sind „dienstbare Geister“ (Hebr. 1,14), deren Gehorsamsleistung Gott benutzt, um die Seinen zu schützen, und durch welche er seine Wohltaten unter die Menschen austeilt und auch seine übrigen Werke durchführt. Nun war da einst die Auffassung der Sadduzäer, unter den Engeln seien bloß Regungen, die Gott den Menschen eingibt, oder auch Erweisungen seiner Kraft zu verstehen. Aber es wider­sprechen diesem Wahnwitz derartig viele Zeugnisse der Schrift, daß man sich wun­dern muß, daß eine so grobe Unwissenheit in jenem Volke überhaupt geduldet wurde. Ich will dabei die oben bereits angeführten Stellen kurz übergehen, wo ja Tausende und Legionen von Engeln erwähnt werden, wo ihnen Freude zugesprochen wird, wo es heißt, daß sie die Gläubigen auf ihren Händen tragen, ihre Seelen zur Ruhe bringen, das Angesicht des Vaters sehen — und dergleichen mehr. Es gibt viel­mehr andere Stellen, aus denen völlig klar hervorgeht, daß die Engel Geister von eigener Wesenheit (spiritus naturae subsistentis) sind. Da sagen Stephanus und Paulus, das Gesetz sei durch die Hand von Engeln gegeben worden (Apg. 7,53; Gal. 3,19). Da verheißt Christus, die Auserwählten würden nach der Auferstehung den Engeln gleich sein, oder, der Tag des Gerichtes sei nicht einmal den Engeln bekannt (Matth. 22,30; 24,36), oder, Christus werde alsdann kommen mit seinen heiligen Engeln (Matth. 25,31; Luk. 9,26). Man mag diese Stellen noch so drehen und wen­den: man muß sie doch in diesem Sinne verstehen. Wenn Paulus dem Timotheus „vor dem Herrn Jesus Christus und den auserwählten Engeln“ „bezeugt“, er solle seine Vorschriften beachten (1. Tim. 5,21), so versteht er doch unter den Engeln nicht Eigenschaften oder Eingebungen ohne eigenes Wesen, sondern wirkliche Geister! Und wenn wir im Hebräerbriefe lesen, Christus sei höher gemacht denn die Engel (Hebr. 1,4), den Engeln sei der Erdkreis nicht unterworfen (Hebr. 2,5), Christus habe nicht ihre, sondern des Menschen Natur angenommen (Hebr. 1,4; 2,16) — so hat das nur einen Sinn, wenn wir darunter selige Geister verstehen, auf die solche Vergleichungen zutreffen. Der Verfasser des Hebräerbriefes deutet seine eigene Aus­sage, wenn er die Seelen der Gläubigen und die heiligen Engel im Reiche Gottes nebeneinanderstellt (Hebr. 12,22). Dazu kommt noch, was wir bereits an­führten: daß die Engel der Kindlein allezeit das Angesicht Gottes schauen, daß wir durch ihren Schutz verteidigt werden, daß sie sich an unserem Heil freuen, die viel­fältige Gnade Gottes an seiner Kirche bewundern und daß sie Christus als dem Haupte untertan sind. Dahin gehört auch die Tatsache, daß sie den heiligen Vätern oftmals in menschlicher Gestalt erschienen sind, mit ihnen geredet haben und gar von ihnen beherbergt worden sind! Auch Christus selbst wird ja wegen der Herrschafts­stellung, die er als Mittler ausübt, „Engel“ genannt (Mal. 3,1). Das mag genügen, um die Einfältigen gegen jene törichten und widersinnigen Gedanken zu schützen, die vor vielen Jahrhunderten vom Satan aufgebracht wurden und von Zeit zu Zeit wie­der aufkommen.

I,14,10
Jetzt müssen wir noch dem Aberglauben entgegentreten, der zumeist daraus entsteht, daß es von den Engeln heißt, durch ihren Dienst widerfahre uns alles Gute. Da läßt sich nämlich die Vernunft des Menschen leicht dazu hinreißen, ihnen jedwede Ehre zu übertragen. So wird ihnen denn beigelegt, was nur Gott und Christo zu­kommt. Auf diese Weise ist, wie wir sehen, Christi Ehre schon seit vielen Jahrhun­derten auf mancherlei Weise verdunkelt worden, dadurch, daß man die Engel ohne Begründung in Gottes Wort mit allerlei maßlosem Ruhm bedeckt hat. Und unter allen Verderbnissen, gegen die wir heutzutage zu kämpfen haben, ist kaum eines älter als eben dies. Hatte doch offenbar schon Paulus mit einigen Leuten zu streiten, die die Engel so hoch erhoben, daß Christus beinahe zu ihresgleichen erniedrigt wurde! Dar­um dringt er im Briefe an die Kolosser mit solcher Schärfe darauf, daß Christus nicht nur vor allen Engeln den Vorrang habe, sondern daß er auch für sie der Ursprung alles Guten sei (Kol. 1,16.20). Deshalb dürfen wir nicht den Herrn ver­lassen und uns den Engeln zuwenden, die doch selber nicht aus sich bestehen können, sondern aus derselben Quelle schöpfen wie wir! Freilich, weil ein Abglanz göttlicher Herrlichkeit aus ihnen erstrahlt, so geschieht es gar leicht, daß wir uns vor ihnen aus einer gewissen inneren Bestürzung anbetend niederwerfen und dann ihnen alles zuschreiben, was doch Gott allein zu verdanken ist. Schreibt doch selbst Johan­nes in der Apokalypse, daß ihm das widerfahren sei, — aber dann fügt er gleich hin­zu, ihm sei erwidert worden: „Siehe zu, tue es nicht, ich bin dein Mitknecht ..., bete Gott an!“ (Apok. 19,10).

I,14,11
Der Gefahr solchen Aberglaubens werden wir dann recht entgehen, wenn wir er­wägen, warum denn Gott lieber durch die Engel als ohne ihr Zutun, rein aus sich selber, seine Macht zu offenbaren, den Seinen das Heil zu schaffen und ihnen die Gü­ter seiner Freundlichkeit mitzuteilen pflegt. Er tut das sicher nicht aus irgendeiner Notwendigkeit heraus, als ob er sie nicht entbehren könnte. Denn sooft es ihm gefällt, vollbringt er sein Werk ohne sie, allein durch seinen Wink und Willen. Es kann also gar keine Rede davon sein, daß sie etwa ihm behilflich sein müßten, weil ihm ohne sie sein Werk zu schwer wäre. Er tut es also unserer Schwachheit zum Trost, damit uns nichts mangle, was dazu dient, unsere Seele zu froher Hoffnung aufzurichten und zu fester Gewißheit zu starren. An sich müßte uns das eine mehr als genug sein, daß der Herr verheißt, unser Hüter zu sein. Aber wenn wir uns von soviel Gefahren, soviel Nöten, so vielerlei Feinden umgeben sehen, — wie leicht könnten wir da in unserer Schwachheit und Gebrechlichkeit ans Zittern geraten oder gar verzweifeln, wenn uns nicht der Herr nach unserem Verstehen seine gegenwärtige Gnade zu erfahren gäbe! Deshalb verheißt er nicht allein, daß er sich um uns küm­mere, sondern auch, daß er unzählige Schildträger habe, denen er die Sorge um unser Heil aufgetragen hat, und daß — was für Gefahr uns auch bedrohe — kein Übel uns anrühren kann, solange wir unter ihrem Schutz, ihrer Hut stehen! Freilich ist es ver­kehrt, daß wir angesichts der schlichten Verheißung, Gott sei allein unser Hüter, noch immer umherschauen, woher uns Hilfe kommen könne. Aber doch will uns der Herr in seiner unermeßlichen Milde und Freundlichkeit in unserer Verkehrtheit zu Hilfe kommen, — und deshalb dürfen wir von so großer Gabe nicht gering denken. Dafür haben wir ein Beispiel in dem Knecht des Elisa: als er sah, daß der Berg vom Heere der Syrer ganz umlagert war und kein Ausweg mehr blieb, da packte ihn der Schrecken, als ob es um ihn und seinen Herrn geschehen wäre. Da bat Elisa Gott, er möchte ihm die Augen öffnen, — und nun sah er alsbald den Berg voll feuriger Wagen, einer Menge von Engeln nämlich, die ihn mit dem Propheten schützen sollten! (2. Kön. 6,17) Als er das geschaut hatte, da wurde er gestärkt und faßte sich, so daß er unerschrocken die Feinde verachten konnte, deren Anblick ihn zuvor beinahe umgebracht hätte!

I,14,12
Alles, was man vom Dienste der Engel sagen kann, muß also dem Zweck dienen, daß aller Vertrauenslosigkeit ein Ende gemacht und unsere Hoffnung auf Gott ge­festigt werde. Dieser Schutz ist uns deshalb von Gott bereitet, daß wir uns von der Zahl der Feinde nicht schrecken lassen, als ob sie ihm zu stark wären, — sondern viel­mehr zu jenem Ausspruch des Elisa unsere Zuflucht nehmen: Es sind mehr für uns denn gegen uns (2. Kön. 6,16; nicht wörtlich). Wie widersinnig wäre es nun, wenn wir uns durch die Engel von Gott abbringen ließen, die doch dazu verordnet sind, uns zu bezeugen, wie gar nahe seine Hilfe ist! Dann freilich bringen sie uns von Gott ab, wenn sie uns nicht auf geradem Wege dahin leiten, daß wir ihn als einzigen Helfer ansehen, anrufen und preisen, wenn wir sie nicht als seine Hände be­trachten, die sich zu keinem Werke regen ohne seinen Befehl, wenn sie uns nicht bei dem einen Mittler Christus halten, daß wir ganz und gar von ihm abhängen, in ihm bleiben, zu ihm uns wenden und in ihm unser volles Genüge haben! Denn was uns in dem Gesicht des Jakob (Gen. 28,12) beschrieben wird, das müssen wir ganz fest zu Herzen nehmen: daß die Engel zu den Menschen auf Erden herabsteigen und von den Menschen wiederum zum Himmel hinauf — auf der „Leiter“, auf wel­cher der Herr der Heerscharen obenan sitzt! Da wird deutlich: einzig durch Christi Eintreten (intercessio) für uns kommt jener Dienst der Engel an uns zustande, wie er es ja selbst ausspricht: „Von nun an werdet ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren auf des Menschen Sohn“ (Joh. 1,51). So ruft auch der Knecht Abrahams, der der Hut des Engels befohlen war, nicht etwa diesen um Beistand an, sondern er bringt im Vertrauen auf jene Verheißung sein Gebet vor den Herrn und bittet ihn, seine Barmherzigkeit gegen Abraham zu er­weisen (Gen. 24,7). Denn Gott macht die Engel nicht zu Dienern seiner Macht und Güte, um seine Ehre mit ihnen zu teilen, und ebenso verheißt er uns nicht seine Hilfe durch ihren Dienst, damit wir etwa unser Vertrauen zwischen ihm und den Engeln teilten! Deshalb wollen wir nichts mit jener platonischen Weisheit zu tun haben, die uns anweist, den Zugang zu Gott durch Vermittlung der Engel zu suchen und ihnen Verehrung zu erweisen, damit sie uns Gott geneigter machen! (Platon, Epinomis; Kratylos). Diese Philosophie haben abergläubische und vorwitzige Leute von An­fang an in unsere Religion hineinzubringen versucht und tun es noch heute mit Beharrlichkeit!


Quelle: Institutio von Johannes Calvin in der Übersetzung von Otto Weber
 

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